Geschichtenstation

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Şevin Polat

„Das Gewıcht des Fuhlens“

Fantasy

Eterna Königreichs Norden, wo die Wege langsam verschwanden
Und die Geräusche dünner wurden und verstummten, lag ein Wald. Dieser Wald bestand nicht nur
Aus Bäumen, sondern aus vergessenen Erinnerungen. Sein Wind wehte schwer; selbst wenn Blätter
Zu Boden fielen, versuchten sie, kein Geräusch zu machen. Die Vögel sangen hier nicht,
Sie schlugen nur so viel mit den Flügeln, dass sie ihre Existenz in Erinnerung riefen.
Im Herzen des Waldes stand eine Hütte, zu der niemand
Wissentlich ging.
Diese Hütte war alt. Ihr Dach war mit Moos bedeckt, ihre Wände
Voller Risse. Aber ihr Inneres war warm. Denn die alte Frau, die dort lebte, ließ
Trotz allem das Feuer nicht ausgehen. Die Dorfbewohner nannten sie „Nene“. Niemand erinnerte sich an ihren wirklichen Namen;
Vielleicht hatten sie ihn nie erfahren.
Hana wurde in dieser Hütte geboren.
In der Nacht ihrer Geburt spürte man im Wald eine Merkwürdigkeit. Es
Gab keinen Sturm, kein Blitz schlug ein. Doch die Luft wurde schwer.
Als hätte die Welt bemerkt, dass etwas unvollständig geboren worden war.
Hana weinte nicht.
Als Nene sie in die Arme nahm, schlug das Herz des Babys regelmäßig.
Sie atmete. Ihre Augen waren offen. Doch diese Augen waren leer. In den Augen eines Neugeborenen
Sollte jenes Chaos, jenes Unbekannte liegen.
Doch dort war nur Stille.
Nene verstand in diesem Moment, dass etwas anders war, aber sie
Fürchtete sich nicht. Denn die Furcht war in ihrer Jugend aufgebraucht worden.
Hana wuchs heran.
Während die Jahre vergingen, fielen die anderen Kinder, weinten,
Lachten, schrien. Wenn Hana fiel, stand sie auf. Sie weinte nicht. Ob es
İhr wehtat, wusste sie nicht. Wenn man ihr ein Spielzeug wegnahm, wurde sie nicht wütend. Wenn sie etwas gewann, freute sie sich nicht.
Sie lernte Wörter. Sie lernte zu sprechen. Aber sie konnte
Die Wörter nicht mit Inhalt füllen.
— „Liebe“, sagte Nene eines Tages, als sie am Ofen saß.
— „Ein Mensch fürchtet sich davor, das zu verlieren, was er liebt.“
Hana hob den Kopf. — „Was ist Furcht?“
Nene konnte nicht antworten.
Hana hatte nachts keine Schwierigkeiten einzuschlafen.
Sie hatte keine Träume. Wenn sie die Augen schloss, war es dunkel.
Wenn sie sie öffnete, blieb dieselbe Dunkelheit bestehen. Die Welt bestand für sie aus nur einer Farbe: grau.
Doch in dem Jahr, in dem sie sechzehn wurde, begann sich der Wald zu verändern.
Dort, wo Hana vorbeiging, wirkten die Gräser lebendiger. Die Äste,
Die sie berührte, vertrockneten nicht. Nene bemerkte es als Erste.
— „Die Erde liebt dich“, flüsterte sie.
Hana verstand nicht. — „Die Erde liebt nicht.“
Nene lächelte, doch ihre Augen füllten sich mit Tränen. — „Alles fühlt,
Mein Kind. Außer dir.“
An diesem Tag klopfte es an die Tür der Hütte.
Das geschah selten.
Gepanzerte Soldaten standen vor der Tür. Die Sonne spiegelte sich in
İhren Schilden, doch ihr Inneres war dunkel. Der Kommandant trat einen Schritt vor.
— „Das Mädchen wird mit uns kommen.“
Nene zitterte. — „Sie ist nur ein Kind.“
Hana spürte zum ersten Mal einen Druck in ihrer Brust. Das war keine Furcht.
Aber es war der Anfang des Weges zur Furcht.
Sie sah die Soldaten an. — „Wohin?“
— „In den Palast.“
Hana drehte sich zum Wald um. Sie sah die Bäume an. Die Erde. Die Hütte.
Und zum ersten Mal geschah etwas, das sie nicht benennen konnte.
Es war ein Bruch.
Kapitel 2 – Der Bruch im Wald
Als Hana die Tür der Hütte hinter sich ließ, war der Wald stiller
Als je zuvor. Als hielten die Bäume den Atem an und beobachteten, was geschehen würde.
Nene stand auf der Schwelle; ihre alten Hände zitterten, doch sie sprach nicht.
Denn manche Abschiede werden nicht ausgesprochen.
Hana legte nichts in ihre Tasche. Sie wusste ohnehin nicht,
Was sie brauchen würde. Für sie waren Gegenstände nur Dinge, die Platz einnahmen.
Doch Nene legte ihr heimlich einen kleinen Stein in die Hand.
— „Der ist für dich“, sagte sie.
— „Warum?“, fragte Hana.
Nene wich ihrem Blick aus. — „Um dich zu erinnern.“
Hana steckte den Stein in ihre Tasche. Sie wusste nicht,
Was Erinnern bedeutete. Aber der Stein war schwer. Zum ersten Mal spürte sie das Gewicht von etwas.
Als der Wagen den schmalen Weg des Waldes entlangfuhr, blickte Hana zurück.
Die Hütte wurde kleiner. Die Bäume wurden lichter. Die Erde veränderte sich.
Mit jedem Schritt wuchs eine Leere in ihr, die sie nicht beschreiben konnte.
Diese Leere war nicht das Fehlen von Gefühlen.
Es war der Verlust der Stille, an die sie gewöhnt war.
Die Soldaten sprachen. Hana hörte ihnen zu, doch ihre Stimmen
Vermischten sich. Es gab Wörter, aber keine Bedeutung. Bis einer flüsterte:
— „Der König wollte sie ausdrücklich.“
Hana hob den Kopf. — „Warum?“
Der Soldat zuckte mit den Schultern. — „Manchmal nennen Könige keinen Grund.“
Je weiter der Weg führte, desto mehr veränderte sich die Luft. Der feuchte Geruch
Des Waldes wich dem Geruch von Stein und Rauch. Als sie das erste Dorf sahen,
Weiteten sich Hanas Augen leicht. Das war ihr Zustand, der dem Staunen am nächsten kam.
Es gab viele Menschen.
Aber ihre Augen …
Sie alle waren müde.
Kinder spielten, doch ihr Lachen war unvollständig. Frauen
Sprachen, doch ihre Stimmen klangen gedämpft. Als Hana an ihnen vorbeiging,
Wurde sie nicht bemerkt. Gefiel ihr das? Sie wusste es nicht.
Aber zum ersten Mal dachte sie daran, unsichtbar zu sein.
Als der Palast sichtbar wurde, ging die Sonne unter.
Goldene Türme fingen das Licht ein, doch sie waren nicht warm. In Hana regte sich
Ein Gefühl. Dieses Gefühl sagte ihr nicht „lauf weg“. Es sagte ihr „sei vorsichtig“.
Die Tore öffneten sich.
Als Hana eintrat, verstummte der Wald vollständig.
Und der Eterna-Palast bemerkte ihre Existenz.
Kapitel 3 – Im Inneren des Palastes
Als sich die Tore des Eterna-Palastes hinter Hana schlossen, war das Geräusch
Zu hart, um im Wald gehört zu werden. Stein schlug auf Stein und kündigte
Ein Ende an. Hana verstand es in diesem Moment nicht, doch ihr Herz wurde schwer,
Als hätte sie einen Ort verloren, den sie seit Jahren kannte.
Der Palast war hell. Die Wände waren mit poliertem Marmor verkleidet.
Kronleuchter hingen von der Decke und waren selbst am Tag entzündet.
Doch das Licht erreichte nicht jeden Winkel. In den Ecken lagen Schatten;
Als würde der Palast gewisse Dinge absichtlich verbergen.
Während Hana ging, hörte sie ihre Schritte. Sie hallten
Auf dem Steinboden wider. Im Wald war es nicht so. Dort mischten sich die Geräusche mit der Erde.
Hier jedoch kehrte alles zurück. Gesagte Worte, gesetzte Schritte, sogar Atemzüge.
Eine Frau trat vor. Ihre Kleidung war sauberer, ordentlicher als die der anderen.
— „Ich bin Akane“, sagte sie.
— „Ich bin für die Küche verantwortlich.“
Hana nickte. — „Ich bin Hana.“
Akane musterte sie von oben bis unten. In diesem Blick lag keine Neugier.
Es war eine Bewertung.
— „Hier wird nicht viel gesprochen“, sagte sie.
— „Hier wird gearbeitet.“
Die Küche war der lebendigste Ort im Palast. Große Kessel kochten,
Messer erzeugten rhythmische Geräusche. Gewürzgerüche erfüllten die Luft.
Doch Hana bemerkte sofort etwas: Die Menschen waren schnell, aber ruhig. Niemand lachte. Niemand schrie.
Hana bekam Gemüse. Man sagte ihr, sie solle es reinigen.
Als sie das Messer in die Hand nahm, hielt sie einen Moment inne. Das Metall war kalt.
Doch als sie das Gemüse berührte, spürte sie eine Wärme durch sich gehen. Dieses Gefühl war sehr schwach. Vielleicht war es Einbildung.
Aber das Essen, das an diesem Tag zubereitet wurde, war anders.
Ein Diener hielt inne, als er den Teller zum Mund führte. — „Der Geschmack …
İst wie meine Kindheit“, sagte er unbewusst.
Niemand glaubte ihm. Aber jeder aß seinen Teller leer.
Akane sah Hana an. Sie runzelte die Stirn. — „Was hast du getan?“
Hana zuckte mit den Schultern. — „Nichts.“
Aber Akane wusste, dass „nichts“ manchmal das Gefährlichste ist.
In der Nacht bekam Hana ein kleines Zimmer.
Sie hatte ein Bett. Ein Fenster. Aber durch das Fenster war kein Wald zu sehen. Nur Stein.
Hana legte sich hin. Sie schloss die Augen.
Zum ersten Mal blieb ein Gedanke in ihrem Kopf.
„Gehöre ich hierher?“
Das war die Geburt einer Frage.
Und Fragen sind das erste Zeichen von Gefühlen.
Kapitel 4 – Tage in der Küche
Im Palast glichen die Tage einander. Morgens läuteten die Glocken,
Die Diener wachten auf, die Küche begann zu kochen. Hana stand jeden Morgen zur selben Zeit auf,
Ging durch dieselben Korridore, trat an denselben Tisch.
Doch obwohl die Tage gleich waren, veränderte sich Hanas Inneres langsam.
Während sie das Gemüse wusch, bemerkte sie die Kühle des Wassers.
Früher war Wasser einfach nur Wasser. Jetzt kühlte es ihre Hände. Manchmal mochte sie das nicht.
Manchmal hielt sie inne, wenn sie bemerkte, dass es ihr gefiel.
Akane beobachtete sie.
— „Denk nicht zu viel“, sagte sie eines Tages.
— „Hier ist Denken Zeitverschwendung.“
Hana nickte, doch eine Stimme in ihr sagte, dass Denken
Nicht aufgehalten werden kann.
Das Essen begann im Palast Gesprächsthema zu werden. Flüstern
Wanderte durch die Korridore. „Die Suppe heute war anders.“ „Dieses Brot hat mich gewärmt.“
Niemand wusste warum. Niemand sprach Hanas Namen aus, doch jeder bemerkte die Speisen von ihrem Tisch.
Hana jedoch war sich dessen nicht bewusst. Sie berührte nur.
Schnitt, rührte, wartete.
Eines Tages fiel in der Küche ein Teller zu Boden. Das Geräusch
War laut. Alle zuckten zusammen. Hanas Herz beschleunigte sich.
Das war ein neues Gefühl.
Sie legte ihre Hand auf die Brust. Zählte die Schläge ihres Herzens.
Es ähnelte der Furcht, aber es war nicht genau Furcht. Eher … Vorbereitung.
Akane sah sie an. — „Du hast gezittert.“
Hana hob den Kopf. — „Ist das schlecht?“
Akane schwieg einen Moment. — „Nein“, sagte sie.
— „Das ist … menschlich.“
In dieser Nacht konnte Hana nicht schlafen. Sie spürte die Härte des Bettes.
Die Kälte der Wände. Die fernen Geräusche von draußen.
Und zum ersten Mal dachte sie an die Hütte.
An Nenes Ofen.
An den Geruch des Waldes.
An die Stille.
In ihrer Brust entstand eine Leere.
Das war Sehnsucht.
Aber Hana kannte ihren Namen noch nicht.
KAPITEL 5 – DER VERGESSENE GARTEN
Als Hana den Vergessenen Garten fand, verstand sie nicht, dass es kein Zufall war. Sie hatte ohnehin gerade erst begonnen zu hinterfragen, warum in ihrem Leben Dinge geschahen.
An diesem Tag war sie etwas früher aus der Küche gegangen. Zum ersten Mal hatte Akane sie ohne Warnung fortgeschickt. Hana bemerkte es, doch sie blieb nicht dabei stehen. Während sie durch die Korridore ging, sah sie einen schmalen Durchgang, der zur Rückseite des Palastes führte. Sie war dort noch nie entlanggegangen. Die Tür stand einen Spalt offen.
Als sie hindurchtrat, veränderte sich die Luft.
Die schwere, geschlossene Luft des Palastes blieb hinter ihr zurück. Vor ihr erstreckte sich … eine stille, aber lebendige Leere. Ein weiter Bereich, eingeklemmt zwischen Steinmauern. Die Erde war aufgerissen, das Gras verwelkt. Die Bäume standen noch, doch sie wirkten, als hätten sie das Leben aufgegeben.
Hana blieb stehen.
In ihrer Brust war die vertraute Leere, doch diesmal begleitete sie etwas anderes: ein Ziehen.
Sie kniete sich hin. Legte ihre Hand auf die Erde.
Die Erde war nicht kalt.
Nicht hart.
Als würde sie sie kennen.
Einen Moment lang geschah nichts. Hana wollte ihre Hand gerade zurückziehen, da bebte die Erde leicht. Aus den Rissen erhob sich ein zarter, grüner Spross. Dann noch einer. Und noch einer.
Hana hielt den Atem an.
Ihr Herz beschleunigte sich. Das war Furcht. Aber zugleich … Bewunderung.
— „Wie hast du das gemacht?“
Die Stimme kam von hinten.
Hana zuckte zusammen. Es war das zweite Mal, dass sie zusammenzuckte. Als sie sich umdrehte, stand im Schatten des Gartens ein Junge. Er trug einfache Kleidung. Sein Haar war zerzaust, doch seine Augen waren lebendig; als würde er die Welt wirklich sehen.
— „Ich bin Kaito“, sagte der Junge.
— „Und du … gehörst nicht hierher.“
Hana stand auf. — „Ich gehöre nirgendwohin.“
Kaito lächelte. Dieses Lächeln war nicht spöttisch. Es war voller Neugier. — „Dann hat dieser Ort vielleicht dich gewählt.“
Hana sah zu Boden. — „Ich habe nichts getan.“
— „Manchmal“, sagte Kaito langsam,
— „ist nichts zu tun das Größte.“
Im Garten wehte ein leichter Wind. Blätter zitterten. Hana spürte zum ersten Mal, dass ein Ort atmete.
Und zum ersten Mal war sie nicht allein.
KAPITEL 6 – KAITOS GESCHICHTE
Hana und Kaito standen lange schweigend im Vergessenen Garten. Stille war Hana nicht fremd, doch diese Stille war anders. Nicht wie die Stille im Wald. Diese Stille entstand daraus, dass zwei Menschen akzeptierten, am selben Ort zu sein.
Kaito brach das Schweigen. — „Weißt du, warum niemand hierherkommt?“
Hana schüttelte den Kopf. — „Nein.“
— „Weil dies ein gescheiterter Ort ist“, sagte Kaito.
— „Könige mögen kein Scheitern.“
Hana sah zu Boden. Die Sprossen zitterten noch immer. — „Aber er lebt.“
Kaito lächelte leicht. — „Ja. Aber das wollen sie nicht sehen.“
In den folgenden Tagen begann Hana, nach der Arbeit sofort in den Garten zu gehen. Kaito war immer dort. Manchmal las er ein Buch, manchmal saß er einfach nur da. Als Hana fragte, warum er nie arbeitete, zuckte er mit den Schultern.
— „Ich bin der Überfluss dieses Ortes“, sagte er.
— „Aber Überflüssige sehen manchmal die Wahrheit.“
Eines Tages begann Kaito zu erzählen. Es war eines der seltenen Male, in denen er es aus eigenem Antrieb tat.
— „Meine Mutter war Schneiderin im Palast“, sagte er.
— „Eines Tages wurde sie krank. Niemand kümmerte sich um sie. Denn sie war nur eine Dienerin.“
Hana hörte zu. In ihr regte sich etwas. Es war ihre erste Reaktion auf den Schmerz eines anderen.
— „Sie starb“, sagte Kaito.
— „Ich blieb.“
Hana wusste nicht, was sie sagen sollte. — „Ist das … schlecht?“
Kaito hob den Kopf. Seine Augen waren hart, doch seine Stimme weich. — „Ja. Aber zugleich lehrreich.“
In diesem Moment begriff Hana: Kaito fühlte. Sehr stark. Und das machte ihn nicht stark. Es machte ihn verletzlich.
Eines Tages verfing sich Kaito an einem dornigen Ast. Blut tropfte. Er verzog das Gesicht.
— „Es tut weh“, sagte er.
Hana streckte die Hand aus. Berührte die Wunde mit dem Finger. Das Blut stoppte. Die Wunde schloss sich.
Doch in Hanas Brust entstand ein scharfer Schmerz.
Sie zog ihre Hand schnell zurück. — „Das … ist schlecht.“
Kaito sah sie überrascht an. — „Was?“
— „In mir … zieht es sich zusammen.“
Kaito wurde still. — „Hana“, sagte er langsam,
— „das ist Schmerz. Aber Schmerz zeigt, dass du fühlst.“
Hana setzte sich auf den Boden. Der Schmerz in ihrer Brust verging nicht. Doch zum ersten Mal bemerkte sie, dass sie nicht wollte, dass er verschwand.
Das war der Anfang des Fühlens.
KAPITEL 7 – FÜHLEN LERNEN
Der Vergessene Garten war für Hana kein Zufluchtsort mehr, sondern ein Spiegel. Jedes Mal, wenn sie kam, sah sie sich ein Stück klarer. Doch was sie sah, beruhigte sie nicht. Denn Fühlen war nicht so einfach, wie sie gedacht hatte.
Eines Tages führte Kaito sie in die Mitte des Gartens. Dorthin, wo die Erde zu grünen begann und die Bäume wieder Schatten spendeten.
— „Heute werde ich dir etwas zeigen“, sagte er.
Hana sah ihn schweigend an.
Kaito setzte sich auf den Boden, schloss die Augen. — „Denk jetzt an etwas, das dich glücklich macht.“
Hana stockte. — „Wie ist Glück?“
Kaito lächelte, doch in seinem Lächeln lag Traurigkeit. — „Es macht dich leicht. Das Gewicht in deiner Brust wird weniger.“
Hana schloss die Augen. Sie dachte an Nene. An die Stille am Ofen. An den Geruch des Waldes.
Der Schmerz in ihrer Brust wurde für einen Moment schwächer.
— „Das“, flüsterte sie,
— „das ist gut.“
Kaito nickte. — „Ja. Aber es bleibt nicht für immer.“
Dann stand er auf. Zeigte den kleinen Stein in seiner Hand. — „Und jetzt denk an Furcht.“
Hana wollte nicht. Aber sie tat es. Die Soldaten. Das Tor des Palastes. Den Blick des Königs.
Ihr Herz raste. Ihr Atem wurde eng.
— „Stopp“, sagte sie.
— „Das … ist zu viel.“
Kaito trat sofort näher. — „Das ist Furcht. Sie schützt dich, aber sie kann dich auch erschöpfen.“
Hana öffnete die Augen. Die Blumen im Garten zitterten. Als atmeten sie mit ihr.
An diesem Tag lachte Hana.
Das Lachen war kurz, aber echt. Kaito lächelte nicht, als er sie ansah. Denn er kannte den Preis des Lachens.
Zur selben Zeit, in einem der hohen Türme des Palastes, blickte König Zenith in den Garten.
— „Sie fühlt jetzt“, sagte er zu seinem Berater.
— „Und fühlende Kräfte … sind gefährlich.“
Zenith hatte seine Entscheidung getroffen.
Der goldene Käfig sollte vorbereitet werden.
KAPITEL 8 – DER GOLDENE KÄFIG
Die Korridore des Palastes waren in jener Nacht stiller als sonst. Die Stille war in die Steinwände gesunken. Die Fackeln brannten, doch ihr Licht wärmte nicht. König Zenith stand allein in seinem hohen Saal. Auf dem Tisch lagen alte Pergamente, halb verblasste Prophezeiungen.
— „Fühlende Macht … stürzt Königreiche“, murmelte er.
Der Berater verneigte sich. — „Das Mädchen ist noch jung, Majestät.“
Zenith drehte sich scharf um. — „Gerade deshalb.“
Am nächsten Morgen war Kaito nicht im Garten. Zum ersten Mal. Der Garten war still, aber nicht lebendig. Die Blumen ließen die Köpfe hängen.
Zum ersten Mal konnte Hana ihre Unruhe benennen: Sorge.
Plötzlich traten Soldaten hervor. Ihre Rüstungen glänzten in der Sonne. Hana floh nicht. Sie hatte nie gelernt zu fliehen.
— „Auf Befehl des Königs“, sagte einer.
Der goldene Käfig befand sich im höchsten Raum des Palastes. Die Wände waren mit Gold verkleidet. Es gab Fenster, aber sie ließen sich nicht öffnen. Draußen war der Himmel, doch unerreichbar.
— „Das ist zu deiner Sicherheit“, sagte Zenith.
— „Damit du aufhörst zu fühlen.“
Hana sank auf die Knie. Der Schmerz in ihrer Brust kehrte zurück. Doch diesmal war er anders. Tiefer. Schwerer.
— „Wo ist Kaito?“, fragte sie.
Zenith zögerte einen Moment. — „Manche Bindungen … müssen getrennt werden.“
Zum ersten Mal weinte Hana.
Ihre Tränen fielen zu Boden. Im goldenen Boden entstanden kleine Risse.
Unten, zwischen den kalten Steinen des Kerkers, war Kaito in Ketten gelegt. Doch in seinem Gesicht lag keine Furcht. Nur Entschlossenheit.
— „Ihr habt zugelassen, dass sie fühlt“, sagte er zu einem der Soldaten.
— „Jetzt könnt ihr sie nicht mehr aufhalten.“
Und in diesem Moment bebten die Fundamente des Palastes.
KAPITEL 9 – RISSE
Der goldene Käfig war still, doch Hanas Inneres war voller Lärm. Mit jedem Atemzug weitete sich der Schmerz in ihrer Brust. Er glich nichts, was sie zuvor gefühlt hatte. Weder Furcht noch Freude … Es war Verlust.
Sie presste ihre Finger auf den Boden. Die Risse im Gold vergrößerten sich. Feine Linien zogen sich die Wände hinauf. Hana zuckte zusammen, zog die Hand zurück. Die Macht kam nun ungewollt.
— „Stopp“, flüsterte sie.
— „Bitte …“
Aber Gefühle halten nicht an.
Sie schloss die Augen und dachte an Kaito. An die Stille im Garten. An den Moment, als sie seine Wunde heilte. Wie sein Schmerz in sie überging.
In ihr brach etwas.
Unten im Kerker riss Kaito an seinen Ketten. Das Eisen knirschte, brach jedoch nicht. Dennoch lächelte er. Denn er wusste, dass Hana begonnen hatte zu fühlen. Das war Erlösung und Zerstörung zugleich.
— „Fühlen … verlangt einen Preis“, murmelte er.
Palastwachen rannten umher. Neue Risse entstanden in den Mauern. Aus dem Garten erhoben sich grüne Sprossen zwischen den Steinen.
König Zenith stieg in den Turm. Er sah Hana an.
— „Wenn du nicht aufhörst“, sagte er,
— „werde ich ihn töten.“
Hana hob den Kopf. In ihren Augen war keine Furcht. Nur Entschlossenheit.
— „Dann“, sagte sie mit bebender Stimme,
— „kannst du mich auch nicht aufhalten.“
In diesem Moment unterdrückte Hana ihre Kraft nicht.
Der goldene Käfig zerbarst.
Doch das war keine Freiheit.
Es war ein Sturm.
KAPITEL 10 – DER PREIS
Als die Stücke des goldenen Käfigs zu Boden fielen, schien die Zeit im Palast stillzustehen. Staub hing in der Luft. Die Wachen wichen zurück. Keiner wagte es, sich Hana zu nähern.
Hana stand, doch ihre Knie zitterten. Die Kraft war freigesetzt, doch ihr Körper war nicht bereit dafür. Das Atmen fiel schwer. Mit jedem Atemzug schien etwas aus ihrem Herzen zu verschwinden.
König Zenith kam die Treppe hinab. — „Siehst du?“, sagte er.
— „Fühlen macht dich schwach.“
Hana schüttelte den Kopf. — „Nein“, sagte sie.
— „Fühlen … macht mich zu mir.“
Zenith hob die Hand. Von unten ertönte ein Schrei.
Hana erkannte die Stimme.
Kaito.
Der Schmerz in ihrer Brust wurde unerträglich. Sie sank auf die Knie. Die Kraft strömte plötzlich in den Garten. Steine barsten. Bäume wuchsen in rasender Geschwindigkeit. Ranken umschlangen die Mauern des Palastes.
Doch während alles ergrünte, verblasste Hana.
Kaito brach die Kerkertür auf. Die Ketten hingen noch an seinen Handgelenken, doch es kümmerte ihn nicht. Er rannte nach oben.
Als er Hana sah, blieb er stehen. — „Hör auf!“, rief er.
— „Das kannst du nicht allein tun!“
Hana lächelte. Müde, aber friedlich. — „Ich fühle jetzt“, sagte sie.
— „Und das … ist genug.“
Kaito verstand.
Diese Kraft würde töten, wenn sie nicht geteilt wurde.
Er streckte seine Hand nach Hana aus.
KAPITEL 11 – DAS TEILEN
Kaitos Hand blieb in der Luft hängen. Hana wandte den Blick nicht von ihm ab. Zum ersten Mal musste sie jemandem wirklich vertrauen. Das war schwerer als Furcht.
— „Es wird wehtun“, sagte Hana.
— „Es wird auch auf dich übergehen.“
Kaito nickte. — „Es tut sowieso schon weh.“
Er nahm ihre Hand.
In diesem Moment teilte sich die Kraft nicht in zwei. Sie breitete sich aus.
Der Druck in Hanas Brust ließ nach. Kaitos Knie gaben nach. Ein Grollen erhob sich aus dem Inneren des Palastes. Die Wände schienen zu atmen.
Zenith wich zurück. — „Nein“, sagte er.
— „Das ist unmöglich.“
Die Bäume im Garten begannen zu blühen. Doch die Blüten waren nicht weiß. Sie waren rot. Die Farbe des Preises.
Kaito rang nach Luft. — „Du musst es stoppen“, sagte er.
— „Sonst werden du und ich …“
Hana schloss die Augen. Sie blickte in sich hinein. Dort war nicht mehr nur Kraft. Dort waren Erinnerungen. Nene. Der Wald. Der Garten. Kaito.
— „Anhalten“, flüsterte sie,
— „bedeutet loslassen.“
Sie zog ihre Hand zurück.
Die Kraft stoppte.
Aber Kaito fiel zu Boden.
Hana schrie nicht. Sie senkte nur den Kopf. Tränen flossen lautlos. Dort, wo sie den Boden berührten, verwelkten die Blumen.
Zenith nutzte die Stille. — „Es ist vorbei“, sagte er.
— „Das Königreich gewinnt.“
Doch er irrte sich.
Denn Hana war nun nicht mehr nur die, die fühlte.
Sie war die, die verstand.
KAPITEL 12 – DAS ERWACHEN
Kaitos Körper lag reglos auf den kalten Steinen. Hana kniete neben ihm, ihre Hand auf seiner Brust. Sein Herzschlag war schwach, aber da. Das bedeutete Hoffnung. Doch Hoffnung war nicht mehr unschuldig.
Von draußen drangen Rufe herein. Das Volk hatte sich versammelt. Ranken umschlangen die Mauern vollständig, sprengten die Steine. Zum ersten Mal lag das Herz des Königreichs so offen.
Zenith blickte aus dem Fenster. — „Das Volk hat Angst“, murmelte er.
— „Angst bringt Ordnung.“
Doch die Ordnung hatte sich bereits aufgelöst.
Hana stand auf. Sie konnte Kaito nicht zurücklassen. Doch die Kraft erneut zu rufen … das könnte sie völlig aufzehren.
Sie atmete tief ein.
Zum ersten Mal verlangte sie nicht nach der Kraft.
Sie bat nur um Hilfe.
Aus dem Garten erhob sich ein Licht. Sanft, nicht brennend. Die Ranken zogen sich zurück. Die Steine brachen nicht weiter.
Kaito hustete.
Tränen liefen über Hanas Gesicht. — „Du lebst …“
Kaito öffnete die Augen einen Spalt. — „Noch“, sagte er schwach.
— „Aber das könnte mein letztes Erwachen sein.“
Hana zuckte zusammen. — „Nein.“
Kaito lächelte. — „Ich sagte doch … Fühlen verlangt immer einen Preis.“
In diesem Moment öffneten sich die Tore des Palastes. Das Volk trat ein. Zum ersten Mal blickten sie nicht zum König, sondern zu Hana.
Zenith wich zurück.
Der Thron wirkte nun leer.
KAPITEL 13 – DER KÖNIG OHNE THRON
Der Thronsaal war noch nie so still gewesen. Die goldenen Verzierungen waren verblasst, die Banner an den Wänden schienen schwer zu hängen. Das Volk stand an beiden Seiten des Saales. Niemand schrie. Niemand verbeugte sich.
König Zenith saß auf seinem Thron, doch niemand sah ihn dort noch wirklich.
Hana trat vor. Ihr Kleid war zerrissen, ihr Haar ungeordnet. Doch ihr Blick war klar. Zum ersten Mal verbarg sie sich nicht.
— „Ich bin keine Königin“, sagte sie.
— „Und ich will es nicht sein.“
Ein Murmeln ging durch den Saal.
— „Aber ihr“, fuhr sie fort,
— „hört mir zu. Weil ich keine Angst habe.“
Zenith lachte. Dieses Lachen war hohl. — „Das Fühlen hat dich zerstört“, sagte er.
— „Nicht mich.“
Hana schüttelte den Kopf. — „Nein“, sagte sie.
— „Das Fühlen hat dich allein gelassen.“
Ein Mensch aus dem Volk trat vor. Dann noch einer. Niemand erhielt Befehle. Der Thron wirkte zum ersten Mal wirklich bedeutungslos.
Zenith sprang auf. — „Das Königreich existiert durch mich!“
Hana schloss die Augen. Sie rief die Kraft nicht. Sie sprach nur. — „Das Königreich existiert in den Herzen der Menschen.“
In diesem Moment sah niemand mehr zu Zenith.
Der Thron war leer.
KAPITEL 14 – DIE LETZTE WAHL
Als sich der Thronsaal leerte, blieb Hana stehen. Die Menschen gingen hinaus, flüsterten, doch niemand wagte eine Entscheidung. Zum ersten Mal war das Königreich ohne Haupt. Und das fühlte sich mehr nach Freiheit an als nach Angst.
Kaito wurde mit Hilfe zweier Soldaten in den Saal gebracht. Sein Gesicht war blass. Seine Schritte schwer, doch seine Augen noch lebendig.
— „Du musst es beenden“, sagte er und sah Hana an.
— „Es halb zu lassen … tut mehr weh.“
Hana senkte den Kopf. — „Was bedeutet beenden?“
Kaito sah sich um. Den Thron. Die Wände. Das Volk. — „Deine Kraft binden“, sagte er.
— „Sie aus dieser Welt zurückziehen.“
Hana erstarrte. — „Dann werde ich auch—“
— „Ja“, sagte Kaito sanft.
— „Du wirst nicht mehr dieselbe sein.“
Hanas Inneres füllte sich mit Stille. Nicht die Stille von früher. Die Stille einer Entscheidung.
König Zenith war gefesselt. Doch in seinem Gesicht lag kein Eingeständnis der Niederlage. — „Ohne sie zerfällt das Königreich“, sagte er.
— „Ohne sie werden die Menschen wieder Angst haben.“
Hana sah ihn an. — „Vielleicht“, sagte sie.
— „Aber mit Angst zu leben … heißt nicht zu leben.“
Das Licht aus dem Garten erschien erneut. Doch diesmal breitete es sich nicht aus. Es sammelte sich. Um Hana herum.
Kaito trat zurück. — „Ich bin bereit“, sagte er.
Hana schloss die Augen.
Das war das Ende.
KAPITEL 15 – ABSCHIED
Das Licht drehte sich langsam um Hana. Es war nicht mehr grell. Es war sanft. Als bereite es sich auf einen Abschied vor. Der Palast hielt den Atem an. Niemand sprach. Denn manche Augenblicke tragen keine Worte.
Hana öffnete die Augen und sah Kaito an.
Sie dachte an den Tag, an dem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. An die Stille im Garten. Den Schmerz. Sein Lächeln. Ohne ihn würde sie noch immer leben, ohne zu fühlen. Ob das Leben gewesen wäre, wusste sie nicht.
— „Ich habe Angst“, sagte Hana zum ersten Mal.
Kaito nickte. — „Ich auch“, sagte er.
— „Aber wir fürchten uns, weil es richtig ist.“
Hana legte ihre Hand auf ihr Herz. Die Kraft war dort. Sie strömte nicht mehr über. Sie war ruhig geworden. Wie ein Fluss, der sein Bett gefunden hatte.
— „Werden sie sich an mich erinnern?“, fragte sie.
Kaitos Stimme bebte. — „Ja“, sagte er.
— „Aber nicht als Legende.“
Hana lächelte. — „Gut“, sagte sie.
— „Legenden sind allein.“
Das Licht zog sich plötzlich zusammen. Alles Leben aus dem Garten hielt inne. Die Blumen senkten die Köpfe. Die Ranken zogen sich zurück. Die Welt ließ die Kraft frei.
Hana sank auf die Knie. Ihr Atem wurde langsamer. Der Schmerz in ihrer Brust verschwand.
An seine Stelle trat Stille.
Doch diesmal …
War es eine vollendete Stille.
Kaito hielt Hana.
Und flüsterte:
— „Leb wohl.“
KAPITEL 16 – STILLE
Als der Morgen kam, gab es im Palast weder Licht noch Dunkelheit. Alles war an seinem Platz, doch etwas fehlte. Die Menschen verstanden nicht sofort, was es war.
Hana war nicht mehr da.
Der Thron blieb leer. König Zenith war mit seinen Ketten in eine stille Ecke der Geschichte gestellt worden. Niemand richtete über ihn. Denn Angst wurde nicht mehr gebraucht.
Der Garten existierte noch. Doch er war nicht mehr wie zuvor. Die Pflanzen wuchsen nicht weiter, die Steine brachen nicht mehr. Alles war … normal. Und das war neu für das Königreich.
Kaito kam jeden Tag in den Garten.
Er setzte sich auf einen Stein und blieb still. Manchmal legte er seine Hand auf die Erde. Es gab keine Kraft. Kein Licht. Aber eine leichte Wärme. Als wäre jemand da.
Mit der Zeit lernte das Volk: Fühlen war kein Geschenk.
Es war eine Verantwortung.
Das Königreich wurde neu aufgebaut. Ohne Thron. Still. Mit einer Ordnung, in der Menschen einander ansahen und gemeinsam entschieden.
Und eines Tages blühte im Garten eine kleine Blume.
Sie war weder leuchtend noch groß. Aber sie war echt.
Kaito beugte sich hinunter, lächelte. — „Du bist hier“, sagte er.
Ein leichter Wind wehte.
Die Stille antwortete.
Und die Welt begann zum ersten Mal …
Ohne Angst zu leben.
– ENDE –

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„Das Gewıcht des Fuhlens“

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Eterna Königreichs Norden, wo die Wege langsam verschwanden
Und die Geräusche dünner wurden und verstummten, lag ein Wald. Dieser Wald bestand nicht nur
Aus Bäumen, sondern aus vergessenen Erinnerungen. Sein Wind wehte schwer; selbst wenn Blätter
Zu Boden fielen, versuchten sie, kein Geräusch zu machen. Die Vögel sangen hier nicht,
Sie schlugen nur so viel mit den Flügeln, dass sie ihre Existenz in Erinnerung riefen.
Im Herzen des Waldes stand eine Hütte, zu der niemand
Wissentlich ging.
Diese Hütte war alt. Ihr Dach war mit Moos bedeckt, ihre Wände
Voller Risse. Aber ihr Inneres war warm. Denn die alte Frau, die dort lebte, ließ
Trotz allem das Feuer nicht ausgehen. Die Dorfbewohner nannten sie „Nene“. Niemand erinnerte sich an ihren wirklichen Namen;
Vielleicht hatten sie ihn nie erfahren.
Hana wurde in dieser Hütte geboren.
In der Nacht ihrer Geburt spürte man im Wald eine Merkwürdigkeit. Es
Gab keinen Sturm, kein Blitz schlug ein. Doch die Luft wurde schwer.
Als hätte die Welt bemerkt, dass etwas unvollständig geboren worden war.
Hana weinte nicht.
Als Nene sie in die Arme nahm, schlug das Herz des Babys regelmäßig.
Sie atmete. Ihre Augen waren offen. Doch diese Augen waren leer. In den Augen eines Neugeborenen
Sollte jenes Chaos, jenes Unbekannte liegen.
Doch dort war nur Stille.
Nene verstand in diesem Moment, dass etwas anders war, aber sie
Fürchtete sich nicht. Denn die Furcht war in ihrer Jugend aufgebraucht worden.
Hana wuchs heran.
Während die Jahre vergingen, fielen die anderen Kinder, weinten,
Lachten, schrien. Wenn Hana fiel, stand sie auf. Sie weinte nicht. Ob es
İhr wehtat, wusste sie nicht. Wenn man ihr ein Spielzeug wegnahm, wurde sie nicht wütend. Wenn sie etwas gewann, freute sie sich nicht.
Sie lernte Wörter. Sie lernte zu sprechen. Aber sie konnte
Die Wörter nicht mit Inhalt füllen.
— „Liebe“, sagte Nene eines Tages, als sie am Ofen saß.
— „Ein Mensch fürchtet sich davor, das zu verlieren, was er liebt.“
Hana hob den Kopf. — „Was ist Furcht?“
Nene konnte nicht antworten.
Hana hatte nachts keine Schwierigkeiten einzuschlafen.
Sie hatte keine Träume. Wenn sie die Augen schloss, war es dunkel.
Wenn sie sie öffnete, blieb dieselbe Dunkelheit bestehen. Die Welt bestand für sie aus nur einer Farbe: grau.
Doch in dem Jahr, in dem sie sechzehn wurde, begann sich der Wald zu verändern.
Dort, wo Hana vorbeiging, wirkten die Gräser lebendiger. Die Äste,
Die sie berührte, vertrockneten nicht. Nene bemerkte es als Erste.
— „Die Erde liebt dich“, flüsterte sie.
Hana verstand nicht. — „Die Erde liebt nicht.“
Nene lächelte, doch ihre Augen füllten sich mit Tränen. — „Alles fühlt,
Mein Kind. Außer dir.“
An diesem Tag klopfte es an die Tür der Hütte.
Das geschah selten.
Gepanzerte Soldaten standen vor der Tür. Die Sonne spiegelte sich in
İhren Schilden, doch ihr Inneres war dunkel. Der Kommandant trat einen Schritt vor.
— „Das Mädchen wird mit uns kommen.“
Nene zitterte. — „Sie ist nur ein Kind.“
Hana spürte zum ersten Mal einen Druck in ihrer Brust. Das war keine Furcht.
Aber es war der Anfang des Weges zur Furcht.
Sie sah die Soldaten an. — „Wohin?“
— „In den Palast.“
Hana drehte sich zum Wald um. Sie sah die Bäume an. Die Erde. Die Hütte.
Und zum ersten Mal geschah etwas, das sie nicht benennen konnte.
Es war ein Bruch.
Kapitel 2 – Der Bruch im Wald
Als Hana die Tür der Hütte hinter sich ließ, war der Wald stiller
Als je zuvor. Als hielten die Bäume den Atem an und beobachteten, was geschehen würde.
Nene stand auf der Schwelle; ihre alten Hände zitterten, doch sie sprach nicht.
Denn manche Abschiede werden nicht ausgesprochen.
Hana legte nichts in ihre Tasche. Sie wusste ohnehin nicht,
Was sie brauchen würde. Für sie waren Gegenstände nur Dinge, die Platz einnahmen.
Doch Nene legte ihr heimlich einen kleinen Stein in die Hand.
— „Der ist für dich“, sagte sie.
— „Warum?“, fragte Hana.
Nene wich ihrem Blick aus. — „Um dich zu erinnern.“
Hana steckte den Stein in ihre Tasche. Sie wusste nicht,
Was Erinnern bedeutete. Aber der Stein war schwer. Zum ersten Mal spürte sie das Gewicht von etwas.
Als der Wagen den schmalen Weg des Waldes entlangfuhr, blickte Hana zurück.
Die Hütte wurde kleiner. Die Bäume wurden lichter. Die Erde veränderte sich.
Mit jedem Schritt wuchs eine Leere in ihr, die sie nicht beschreiben konnte.
Diese Leere war nicht das Fehlen von Gefühlen.
Es war der Verlust der Stille, an die sie gewöhnt war.
Die Soldaten sprachen. Hana hörte ihnen zu, doch ihre Stimmen
Vermischten sich. Es gab Wörter, aber keine Bedeutung. Bis einer flüsterte:
— „Der König wollte sie ausdrücklich.“
Hana hob den Kopf. — „Warum?“
Der Soldat zuckte mit den Schultern. — „Manchmal nennen Könige keinen Grund.“
Je weiter der Weg führte, desto mehr veränderte sich die Luft. Der feuchte Geruch
Des Waldes wich dem Geruch von Stein und Rauch. Als sie das erste Dorf sahen,
Weiteten sich Hanas Augen leicht. Das war ihr Zustand, der dem Staunen am nächsten kam.
Es gab viele Menschen.
Aber ihre Augen …
Sie alle waren müde.
Kinder spielten, doch ihr Lachen war unvollständig. Frauen
Sprachen, doch ihre Stimmen klangen gedämpft. Als Hana an ihnen vorbeiging,
Wurde sie nicht bemerkt. Gefiel ihr das? Sie wusste es nicht.
Aber zum ersten Mal dachte sie daran, unsichtbar zu sein.
Als der Palast sichtbar wurde, ging die Sonne unter.
Goldene Türme fingen das Licht ein, doch sie waren nicht warm. In Hana regte sich
Ein Gefühl. Dieses Gefühl sagte ihr nicht „lauf weg“. Es sagte ihr „sei vorsichtig“.
Die Tore öffneten sich.
Als Hana eintrat, verstummte der Wald vollständig.
Und der Eterna-Palast bemerkte ihre Existenz.
Kapitel 3 – Im Inneren des Palastes
Als sich die Tore des Eterna-Palastes hinter Hana schlossen, war das Geräusch
Zu hart, um im Wald gehört zu werden. Stein schlug auf Stein und kündigte
Ein Ende an. Hana verstand es in diesem Moment nicht, doch ihr Herz wurde schwer,
Als hätte sie einen Ort verloren, den sie seit Jahren kannte.
Der Palast war hell. Die Wände waren mit poliertem Marmor verkleidet.
Kronleuchter hingen von der Decke und waren selbst am Tag entzündet.
Doch das Licht erreichte nicht jeden Winkel. In den Ecken lagen Schatten;
Als würde der Palast gewisse Dinge absichtlich verbergen.
Während Hana ging, hörte sie ihre Schritte. Sie hallten
Auf dem Steinboden wider. Im Wald war es nicht so. Dort mischten sich die Geräusche mit der Erde.
Hier jedoch kehrte alles zurück. Gesagte Worte, gesetzte Schritte, sogar Atemzüge.
Eine Frau trat vor. Ihre Kleidung war sauberer, ordentlicher als die der anderen.
— „Ich bin Akane“, sagte sie.
— „Ich bin für die Küche verantwortlich.“
Hana nickte. — „Ich bin Hana.“
Akane musterte sie von oben bis unten. In diesem Blick lag keine Neugier.
Es war eine Bewertung.
— „Hier wird nicht viel gesprochen“, sagte sie.
— „Hier wird gearbeitet.“
Die Küche war der lebendigste Ort im Palast. Große Kessel kochten,
Messer erzeugten rhythmische Geräusche. Gewürzgerüche erfüllten die Luft.
Doch Hana bemerkte sofort etwas: Die Menschen waren schnell, aber ruhig. Niemand lachte. Niemand schrie.
Hana bekam Gemüse. Man sagte ihr, sie solle es reinigen.
Als sie das Messer in die Hand nahm, hielt sie einen Moment inne. Das Metall war kalt.
Doch als sie das Gemüse berührte, spürte sie eine Wärme durch sich gehen. Dieses Gefühl war sehr schwach. Vielleicht war es Einbildung.
Aber das Essen, das an diesem Tag zubereitet wurde, war anders.
Ein Diener hielt inne, als er den Teller zum Mund führte. — „Der Geschmack …
İst wie meine Kindheit“, sagte er unbewusst.
Niemand glaubte ihm. Aber jeder aß seinen Teller leer.
Akane sah Hana an. Sie runzelte die Stirn. — „Was hast du getan?“
Hana zuckte mit den Schultern. — „Nichts.“
Aber Akane wusste, dass „nichts“ manchmal das Gefährlichste ist.
In der Nacht bekam Hana ein kleines Zimmer.
Sie hatte ein Bett. Ein Fenster. Aber durch das Fenster war kein Wald zu sehen. Nur Stein.
Hana legte sich hin. Sie schloss die Augen.
Zum ersten Mal blieb ein Gedanke in ihrem Kopf.
„Gehöre ich hierher?“
Das war die Geburt einer Frage.
Und Fragen sind das erste Zeichen von Gefühlen.
Kapitel 4 – Tage in der Küche
Im Palast glichen die Tage einander. Morgens läuteten die Glocken,
Die Diener wachten auf, die Küche begann zu kochen. Hana stand jeden Morgen zur selben Zeit auf,
Ging durch dieselben Korridore, trat an denselben Tisch.
Doch obwohl die Tage gleich waren, veränderte sich Hanas Inneres langsam.
Während sie das Gemüse wusch, bemerkte sie die Kühle des Wassers.
Früher war Wasser einfach nur Wasser. Jetzt kühlte es ihre Hände. Manchmal mochte sie das nicht.
Manchmal hielt sie inne, wenn sie bemerkte, dass es ihr gefiel.
Akane beobachtete sie.
— „Denk nicht zu viel“, sagte sie eines Tages.
— „Hier ist Denken Zeitverschwendung.“
Hana nickte, doch eine Stimme in ihr sagte, dass Denken
Nicht aufgehalten werden kann.
Das Essen begann im Palast Gesprächsthema zu werden. Flüstern
Wanderte durch die Korridore. „Die Suppe heute war anders.“ „Dieses Brot hat mich gewärmt.“
Niemand wusste warum. Niemand sprach Hanas Namen aus, doch jeder bemerkte die Speisen von ihrem Tisch.
Hana jedoch war sich dessen nicht bewusst. Sie berührte nur.
Schnitt, rührte, wartete.
Eines Tages fiel in der Küche ein Teller zu Boden. Das Geräusch
War laut. Alle zuckten zusammen. Hanas Herz beschleunigte sich.
Das war ein neues Gefühl.
Sie legte ihre Hand auf die Brust. Zählte die Schläge ihres Herzens.
Es ähnelte der Furcht, aber es war nicht genau Furcht. Eher … Vorbereitung.
Akane sah sie an. — „Du hast gezittert.“
Hana hob den Kopf. — „Ist das schlecht?“
Akane schwieg einen Moment. — „Nein“, sagte sie.
— „Das ist … menschlich.“
In dieser Nacht konnte Hana nicht schlafen. Sie spürte die Härte des Bettes.
Die Kälte der Wände. Die fernen Geräusche von draußen.
Und zum ersten Mal dachte sie an die Hütte.
An Nenes Ofen.
An den Geruch des Waldes.
An die Stille.
In ihrer Brust entstand eine Leere.
Das war Sehnsucht.
Aber Hana kannte ihren Namen noch nicht.
KAPITEL 5 – DER VERGESSENE GARTEN
Als Hana den Vergessenen Garten fand, verstand sie nicht, dass es kein Zufall war. Sie hatte ohnehin gerade erst begonnen zu hinterfragen, warum in ihrem Leben Dinge geschahen.
An diesem Tag war sie etwas früher aus der Küche gegangen. Zum ersten Mal hatte Akane sie ohne Warnung fortgeschickt. Hana bemerkte es, doch sie blieb nicht dabei stehen. Während sie durch die Korridore ging, sah sie einen schmalen Durchgang, der zur Rückseite des Palastes führte. Sie war dort noch nie entlanggegangen. Die Tür stand einen Spalt offen.
Als sie hindurchtrat, veränderte sich die Luft.
Die schwere, geschlossene Luft des Palastes blieb hinter ihr zurück. Vor ihr erstreckte sich … eine stille, aber lebendige Leere. Ein weiter Bereich, eingeklemmt zwischen Steinmauern. Die Erde war aufgerissen, das Gras verwelkt. Die Bäume standen noch, doch sie wirkten, als hätten sie das Leben aufgegeben.
Hana blieb stehen.
In ihrer Brust war die vertraute Leere, doch diesmal begleitete sie etwas anderes: ein Ziehen.
Sie kniete sich hin. Legte ihre Hand auf die Erde.
Die Erde war nicht kalt.
Nicht hart.
Als würde sie sie kennen.
Einen Moment lang geschah nichts. Hana wollte ihre Hand gerade zurückziehen, da bebte die Erde leicht. Aus den Rissen erhob sich ein zarter, grüner Spross. Dann noch einer. Und noch einer.
Hana hielt den Atem an.
Ihr Herz beschleunigte sich. Das war Furcht. Aber zugleich … Bewunderung.
— „Wie hast du das gemacht?“
Die Stimme kam von hinten.
Hana zuckte zusammen. Es war das zweite Mal, dass sie zusammenzuckte. Als sie sich umdrehte, stand im Schatten des Gartens ein Junge. Er trug einfache Kleidung. Sein Haar war zerzaust, doch seine Augen waren lebendig; als würde er die Welt wirklich sehen.
— „Ich bin Kaito“, sagte der Junge.
— „Und du … gehörst nicht hierher.“
Hana stand auf. — „Ich gehöre nirgendwohin.“
Kaito lächelte. Dieses Lächeln war nicht spöttisch. Es war voller Neugier. — „Dann hat dieser Ort vielleicht dich gewählt.“
Hana sah zu Boden. — „Ich habe nichts getan.“
— „Manchmal“, sagte Kaito langsam,
— „ist nichts zu tun das Größte.“
Im Garten wehte ein leichter Wind. Blätter zitterten. Hana spürte zum ersten Mal, dass ein Ort atmete.
Und zum ersten Mal war sie nicht allein.
KAPITEL 6 – KAITOS GESCHICHTE
Hana und Kaito standen lange schweigend im Vergessenen Garten. Stille war Hana nicht fremd, doch diese Stille war anders. Nicht wie die Stille im Wald. Diese Stille entstand daraus, dass zwei Menschen akzeptierten, am selben Ort zu sein.
Kaito brach das Schweigen. — „Weißt du, warum niemand hierherkommt?“
Hana schüttelte den Kopf. — „Nein.“
— „Weil dies ein gescheiterter Ort ist“, sagte Kaito.
— „Könige mögen kein Scheitern.“
Hana sah zu Boden. Die Sprossen zitterten noch immer. — „Aber er lebt.“
Kaito lächelte leicht. — „Ja. Aber das wollen sie nicht sehen.“
In den folgenden Tagen begann Hana, nach der Arbeit sofort in den Garten zu gehen. Kaito war immer dort. Manchmal las er ein Buch, manchmal saß er einfach nur da. Als Hana fragte, warum er nie arbeitete, zuckte er mit den Schultern.
— „Ich bin der Überfluss dieses Ortes“, sagte er.
— „Aber Überflüssige sehen manchmal die Wahrheit.“
Eines Tages begann Kaito zu erzählen. Es war eines der seltenen Male, in denen er es aus eigenem Antrieb tat.
— „Meine Mutter war Schneiderin im Palast“, sagte er.
— „Eines Tages wurde sie krank. Niemand kümmerte sich um sie. Denn sie war nur eine Dienerin.“
Hana hörte zu. In ihr regte sich etwas. Es war ihre erste Reaktion auf den Schmerz eines anderen.
— „Sie starb“, sagte Kaito.
— „Ich blieb.“
Hana wusste nicht, was sie sagen sollte. — „Ist das … schlecht?“
Kaito hob den Kopf. Seine Augen waren hart, doch seine Stimme weich. — „Ja. Aber zugleich lehrreich.“
In diesem Moment begriff Hana: Kaito fühlte. Sehr stark. Und das machte ihn nicht stark. Es machte ihn verletzlich.
Eines Tages verfing sich Kaito an einem dornigen Ast. Blut tropfte. Er verzog das Gesicht.
— „Es tut weh“, sagte er.
Hana streckte die Hand aus. Berührte die Wunde mit dem Finger. Das Blut stoppte. Die Wunde schloss sich.
Doch in Hanas Brust entstand ein scharfer Schmerz.
Sie zog ihre Hand schnell zurück. — „Das … ist schlecht.“
Kaito sah sie überrascht an. — „Was?“
— „In mir … zieht es sich zusammen.“
Kaito wurde still. — „Hana“, sagte er langsam,
— „das ist Schmerz. Aber Schmerz zeigt, dass du fühlst.“
Hana setzte sich auf den Boden. Der Schmerz in ihrer Brust verging nicht. Doch zum ersten Mal bemerkte sie, dass sie nicht wollte, dass er verschwand.
Das war der Anfang des Fühlens.
KAPITEL 7 – FÜHLEN LERNEN
Der Vergessene Garten war für Hana kein Zufluchtsort mehr, sondern ein Spiegel. Jedes Mal, wenn sie kam, sah sie sich ein Stück klarer. Doch was sie sah, beruhigte sie nicht. Denn Fühlen war nicht so einfach, wie sie gedacht hatte.
Eines Tages führte Kaito sie in die Mitte des Gartens. Dorthin, wo die Erde zu grünen begann und die Bäume wieder Schatten spendeten.
— „Heute werde ich dir etwas zeigen“, sagte er.
Hana sah ihn schweigend an.
Kaito setzte sich auf den Boden, schloss die Augen. — „Denk jetzt an etwas, das dich glücklich macht.“
Hana stockte. — „Wie ist Glück?“
Kaito lächelte, doch in seinem Lächeln lag Traurigkeit. — „Es macht dich leicht. Das Gewicht in deiner Brust wird weniger.“
Hana schloss die Augen. Sie dachte an Nene. An die Stille am Ofen. An den Geruch des Waldes.
Der Schmerz in ihrer Brust wurde für einen Moment schwächer.
— „Das“, flüsterte sie,
— „das ist gut.“
Kaito nickte. — „Ja. Aber es bleibt nicht für immer.“
Dann stand er auf. Zeigte den kleinen Stein in seiner Hand. — „Und jetzt denk an Furcht.“
Hana wollte nicht. Aber sie tat es. Die Soldaten. Das Tor des Palastes. Den Blick des Königs.
Ihr Herz raste. Ihr Atem wurde eng.
— „Stopp“, sagte sie.
— „Das … ist zu viel.“
Kaito trat sofort näher. — „Das ist Furcht. Sie schützt dich, aber sie kann dich auch erschöpfen.“
Hana öffnete die Augen. Die Blumen im Garten zitterten. Als atmeten sie mit ihr.
An diesem Tag lachte Hana.
Das Lachen war kurz, aber echt. Kaito lächelte nicht, als er sie ansah. Denn er kannte den Preis des Lachens.
Zur selben Zeit, in einem der hohen Türme des Palastes, blickte König Zenith in den Garten.
— „Sie fühlt jetzt“, sagte er zu seinem Berater.
— „Und fühlende Kräfte … sind gefährlich.“
Zenith hatte seine Entscheidung getroffen.
Der goldene Käfig sollte vorbereitet werden.
KAPITEL 8 – DER GOLDENE KÄFIG
Die Korridore des Palastes waren in jener Nacht stiller als sonst. Die Stille war in die Steinwände gesunken. Die Fackeln brannten, doch ihr Licht wärmte nicht. König Zenith stand allein in seinem hohen Saal. Auf dem Tisch lagen alte Pergamente, halb verblasste Prophezeiungen.
— „Fühlende Macht … stürzt Königreiche“, murmelte er.
Der Berater verneigte sich. — „Das Mädchen ist noch jung, Majestät.“
Zenith drehte sich scharf um. — „Gerade deshalb.“
Am nächsten Morgen war Kaito nicht im Garten. Zum ersten Mal. Der Garten war still, aber nicht lebendig. Die Blumen ließen die Köpfe hängen.
Zum ersten Mal konnte Hana ihre Unruhe benennen: Sorge.
Plötzlich traten Soldaten hervor. Ihre Rüstungen glänzten in der Sonne. Hana floh nicht. Sie hatte nie gelernt zu fliehen.
— „Auf Befehl des Königs“, sagte einer.
Der goldene Käfig befand sich im höchsten Raum des Palastes. Die Wände waren mit Gold verkleidet. Es gab Fenster, aber sie ließen sich nicht öffnen. Draußen war der Himmel, doch unerreichbar.
— „Das ist zu deiner Sicherheit“, sagte Zenith.
— „Damit du aufhörst zu fühlen.“
Hana sank auf die Knie. Der Schmerz in ihrer Brust kehrte zurück. Doch diesmal war er anders. Tiefer. Schwerer.
— „Wo ist Kaito?“, fragte sie.
Zenith zögerte einen Moment. — „Manche Bindungen … müssen getrennt werden.“
Zum ersten Mal weinte Hana.
Ihre Tränen fielen zu Boden. Im goldenen Boden entstanden kleine Risse.
Unten, zwischen den kalten Steinen des Kerkers, war Kaito in Ketten gelegt. Doch in seinem Gesicht lag keine Furcht. Nur Entschlossenheit.
— „Ihr habt zugelassen, dass sie fühlt“, sagte er zu einem der Soldaten.
— „Jetzt könnt ihr sie nicht mehr aufhalten.“
Und in diesem Moment bebten die Fundamente des Palastes.
KAPITEL 9 – RISSE
Der goldene Käfig war still, doch Hanas Inneres war voller Lärm. Mit jedem Atemzug weitete sich der Schmerz in ihrer Brust. Er glich nichts, was sie zuvor gefühlt hatte. Weder Furcht noch Freude … Es war Verlust.
Sie presste ihre Finger auf den Boden. Die Risse im Gold vergrößerten sich. Feine Linien zogen sich die Wände hinauf. Hana zuckte zusammen, zog die Hand zurück. Die Macht kam nun ungewollt.
— „Stopp“, flüsterte sie.
— „Bitte …“
Aber Gefühle halten nicht an.
Sie schloss die Augen und dachte an Kaito. An die Stille im Garten. An den Moment, als sie seine Wunde heilte. Wie sein Schmerz in sie überging.
In ihr brach etwas.
Unten im Kerker riss Kaito an seinen Ketten. Das Eisen knirschte, brach jedoch nicht. Dennoch lächelte er. Denn er wusste, dass Hana begonnen hatte zu fühlen. Das war Erlösung und Zerstörung zugleich.
— „Fühlen … verlangt einen Preis“, murmelte er.
Palastwachen rannten umher. Neue Risse entstanden in den Mauern. Aus dem Garten erhoben sich grüne Sprossen zwischen den Steinen.
König Zenith stieg in den Turm. Er sah Hana an.
— „Wenn du nicht aufhörst“, sagte er,
— „werde ich ihn töten.“
Hana hob den Kopf. In ihren Augen war keine Furcht. Nur Entschlossenheit.
— „Dann“, sagte sie mit bebender Stimme,
— „kannst du mich auch nicht aufhalten.“
In diesem Moment unterdrückte Hana ihre Kraft nicht.
Der goldene Käfig zerbarst.
Doch das war keine Freiheit.
Es war ein Sturm.
KAPITEL 10 – DER PREIS
Als die Stücke des goldenen Käfigs zu Boden fielen, schien die Zeit im Palast stillzustehen. Staub hing in der Luft. Die Wachen wichen zurück. Keiner wagte es, sich Hana zu nähern.
Hana stand, doch ihre Knie zitterten. Die Kraft war freigesetzt, doch ihr Körper war nicht bereit dafür. Das Atmen fiel schwer. Mit jedem Atemzug schien etwas aus ihrem Herzen zu verschwinden.
König Zenith kam die Treppe hinab. — „Siehst du?“, sagte er.
— „Fühlen macht dich schwach.“
Hana schüttelte den Kopf. — „Nein“, sagte sie.
— „Fühlen … macht mich zu mir.“
Zenith hob die Hand. Von unten ertönte ein Schrei.
Hana erkannte die Stimme.
Kaito.
Der Schmerz in ihrer Brust wurde unerträglich. Sie sank auf die Knie. Die Kraft strömte plötzlich in den Garten. Steine barsten. Bäume wuchsen in rasender Geschwindigkeit. Ranken umschlangen die Mauern des Palastes.
Doch während alles ergrünte, verblasste Hana.
Kaito brach die Kerkertür auf. Die Ketten hingen noch an seinen Handgelenken, doch es kümmerte ihn nicht. Er rannte nach oben.
Als er Hana sah, blieb er stehen. — „Hör auf!“, rief er.
— „Das kannst du nicht allein tun!“
Hana lächelte. Müde, aber friedlich. — „Ich fühle jetzt“, sagte sie.
— „Und das … ist genug.“
Kaito verstand.
Diese Kraft würde töten, wenn sie nicht geteilt wurde.
Er streckte seine Hand nach Hana aus.
KAPITEL 11 – DAS TEILEN
Kaitos Hand blieb in der Luft hängen. Hana wandte den Blick nicht von ihm ab. Zum ersten Mal musste sie jemandem wirklich vertrauen. Das war schwerer als Furcht.
— „Es wird wehtun“, sagte Hana.
— „Es wird auch auf dich übergehen.“
Kaito nickte. — „Es tut sowieso schon weh.“
Er nahm ihre Hand.
In diesem Moment teilte sich die Kraft nicht in zwei. Sie breitete sich aus.
Der Druck in Hanas Brust ließ nach. Kaitos Knie gaben nach. Ein Grollen erhob sich aus dem Inneren des Palastes. Die Wände schienen zu atmen.
Zenith wich zurück. — „Nein“, sagte er.
— „Das ist unmöglich.“
Die Bäume im Garten begannen zu blühen. Doch die Blüten waren nicht weiß. Sie waren rot. Die Farbe des Preises.
Kaito rang nach Luft. — „Du musst es stoppen“, sagte er.
— „Sonst werden du und ich …“
Hana schloss die Augen. Sie blickte in sich hinein. Dort war nicht mehr nur Kraft. Dort waren Erinnerungen. Nene. Der Wald. Der Garten. Kaito.
— „Anhalten“, flüsterte sie,
— „bedeutet loslassen.“
Sie zog ihre Hand zurück.
Die Kraft stoppte.
Aber Kaito fiel zu Boden.
Hana schrie nicht. Sie senkte nur den Kopf. Tränen flossen lautlos. Dort, wo sie den Boden berührten, verwelkten die Blumen.
Zenith nutzte die Stille. — „Es ist vorbei“, sagte er.
— „Das Königreich gewinnt.“
Doch er irrte sich.
Denn Hana war nun nicht mehr nur die, die fühlte.
Sie war die, die verstand.
KAPITEL 12 – DAS ERWACHEN
Kaitos Körper lag reglos auf den kalten Steinen. Hana kniete neben ihm, ihre Hand auf seiner Brust. Sein Herzschlag war schwach, aber da. Das bedeutete Hoffnung. Doch Hoffnung war nicht mehr unschuldig.
Von draußen drangen Rufe herein. Das Volk hatte sich versammelt. Ranken umschlangen die Mauern vollständig, sprengten die Steine. Zum ersten Mal lag das Herz des Königreichs so offen.
Zenith blickte aus dem Fenster. — „Das Volk hat Angst“, murmelte er.
— „Angst bringt Ordnung.“
Doch die Ordnung hatte sich bereits aufgelöst.
Hana stand auf. Sie konnte Kaito nicht zurücklassen. Doch die Kraft erneut zu rufen … das könnte sie völlig aufzehren.
Sie atmete tief ein.
Zum ersten Mal verlangte sie nicht nach der Kraft.
Sie bat nur um Hilfe.
Aus dem Garten erhob sich ein Licht. Sanft, nicht brennend. Die Ranken zogen sich zurück. Die Steine brachen nicht weiter.
Kaito hustete.
Tränen liefen über Hanas Gesicht. — „Du lebst …“
Kaito öffnete die Augen einen Spalt. — „Noch“, sagte er schwach.
— „Aber das könnte mein letztes Erwachen sein.“
Hana zuckte zusammen. — „Nein.“
Kaito lächelte. — „Ich sagte doch … Fühlen verlangt immer einen Preis.“
In diesem Moment öffneten sich die Tore des Palastes. Das Volk trat ein. Zum ersten Mal blickten sie nicht zum König, sondern zu Hana.
Zenith wich zurück.
Der Thron wirkte nun leer.
KAPITEL 13 – DER KÖNIG OHNE THRON
Der Thronsaal war noch nie so still gewesen. Die goldenen Verzierungen waren verblasst, die Banner an den Wänden schienen schwer zu hängen. Das Volk stand an beiden Seiten des Saales. Niemand schrie. Niemand verbeugte sich.
König Zenith saß auf seinem Thron, doch niemand sah ihn dort noch wirklich.
Hana trat vor. Ihr Kleid war zerrissen, ihr Haar ungeordnet. Doch ihr Blick war klar. Zum ersten Mal verbarg sie sich nicht.
— „Ich bin keine Königin“, sagte sie.
— „Und ich will es nicht sein.“
Ein Murmeln ging durch den Saal.
— „Aber ihr“, fuhr sie fort,
— „hört mir zu. Weil ich keine Angst habe.“
Zenith lachte. Dieses Lachen war hohl. — „Das Fühlen hat dich zerstört“, sagte er.
— „Nicht mich.“
Hana schüttelte den Kopf. — „Nein“, sagte sie.
— „Das Fühlen hat dich allein gelassen.“
Ein Mensch aus dem Volk trat vor. Dann noch einer. Niemand erhielt Befehle. Der Thron wirkte zum ersten Mal wirklich bedeutungslos.
Zenith sprang auf. — „Das Königreich existiert durch mich!“
Hana schloss die Augen. Sie rief die Kraft nicht. Sie sprach nur. — „Das Königreich existiert in den Herzen der Menschen.“
In diesem Moment sah niemand mehr zu Zenith.
Der Thron war leer.
KAPITEL 14 – DIE LETZTE WAHL
Als sich der Thronsaal leerte, blieb Hana stehen. Die Menschen gingen hinaus, flüsterten, doch niemand wagte eine Entscheidung. Zum ersten Mal war das Königreich ohne Haupt. Und das fühlte sich mehr nach Freiheit an als nach Angst.
Kaito wurde mit Hilfe zweier Soldaten in den Saal gebracht. Sein Gesicht war blass. Seine Schritte schwer, doch seine Augen noch lebendig.
— „Du musst es beenden“, sagte er und sah Hana an.
— „Es halb zu lassen … tut mehr weh.“
Hana senkte den Kopf. — „Was bedeutet beenden?“
Kaito sah sich um. Den Thron. Die Wände. Das Volk. — „Deine Kraft binden“, sagte er.
— „Sie aus dieser Welt zurückziehen.“
Hana erstarrte. — „Dann werde ich auch—“
— „Ja“, sagte Kaito sanft.
— „Du wirst nicht mehr dieselbe sein.“
Hanas Inneres füllte sich mit Stille. Nicht die Stille von früher. Die Stille einer Entscheidung.
König Zenith war gefesselt. Doch in seinem Gesicht lag kein Eingeständnis der Niederlage. — „Ohne sie zerfällt das Königreich“, sagte er.
— „Ohne sie werden die Menschen wieder Angst haben.“
Hana sah ihn an. — „Vielleicht“, sagte sie.
— „Aber mit Angst zu leben … heißt nicht zu leben.“
Das Licht aus dem Garten erschien erneut. Doch diesmal breitete es sich nicht aus. Es sammelte sich. Um Hana herum.
Kaito trat zurück. — „Ich bin bereit“, sagte er.
Hana schloss die Augen.
Das war das Ende.
KAPITEL 15 – ABSCHIED
Das Licht drehte sich langsam um Hana. Es war nicht mehr grell. Es war sanft. Als bereite es sich auf einen Abschied vor. Der Palast hielt den Atem an. Niemand sprach. Denn manche Augenblicke tragen keine Worte.
Hana öffnete die Augen und sah Kaito an.
Sie dachte an den Tag, an dem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. An die Stille im Garten. Den Schmerz. Sein Lächeln. Ohne ihn würde sie noch immer leben, ohne zu fühlen. Ob das Leben gewesen wäre, wusste sie nicht.
— „Ich habe Angst“, sagte Hana zum ersten Mal.
Kaito nickte. — „Ich auch“, sagte er.
— „Aber wir fürchten uns, weil es richtig ist.“
Hana legte ihre Hand auf ihr Herz. Die Kraft war dort. Sie strömte nicht mehr über. Sie war ruhig geworden. Wie ein Fluss, der sein Bett gefunden hatte.
— „Werden sie sich an mich erinnern?“, fragte sie.
Kaitos Stimme bebte. — „Ja“, sagte er.
— „Aber nicht als Legende.“
Hana lächelte. — „Gut“, sagte sie.
— „Legenden sind allein.“
Das Licht zog sich plötzlich zusammen. Alles Leben aus dem Garten hielt inne. Die Blumen senkten die Köpfe. Die Ranken zogen sich zurück. Die Welt ließ die Kraft frei.
Hana sank auf die Knie. Ihr Atem wurde langsamer. Der Schmerz in ihrer Brust verschwand.
An seine Stelle trat Stille.
Doch diesmal …
War es eine vollendete Stille.
Kaito hielt Hana.
Und flüsterte:
— „Leb wohl.“
KAPITEL 16 – STILLE
Als der Morgen kam, gab es im Palast weder Licht noch Dunkelheit. Alles war an seinem Platz, doch etwas fehlte. Die Menschen verstanden nicht sofort, was es war.
Hana war nicht mehr da.
Der Thron blieb leer. König Zenith war mit seinen Ketten in eine stille Ecke der Geschichte gestellt worden. Niemand richtete über ihn. Denn Angst wurde nicht mehr gebraucht.
Der Garten existierte noch. Doch er war nicht mehr wie zuvor. Die Pflanzen wuchsen nicht weiter, die Steine brachen nicht mehr. Alles war … normal. Und das war neu für das Königreich.
Kaito kam jeden Tag in den Garten.
Er setzte sich auf einen Stein und blieb still. Manchmal legte er seine Hand auf die Erde. Es gab keine Kraft. Kein Licht. Aber eine leichte Wärme. Als wäre jemand da.
Mit der Zeit lernte das Volk: Fühlen war kein Geschenk.
Es war eine Verantwortung.
Das Königreich wurde neu aufgebaut. Ohne Thron. Still. Mit einer Ordnung, in der Menschen einander ansahen und gemeinsam entschieden.
Und eines Tages blühte im Garten eine kleine Blume.
Sie war weder leuchtend noch groß. Aber sie war echt.
Kaito beugte sich hinunter, lächelte. — „Du bist hier“, sagte er.
Ein leichter Wind wehte.
Die Stille antwortete.
Und die Welt begann zum ersten Mal …
Ohne Angst zu leben.
– ENDE –

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