Romantik
Was macht ein Buch wahrhaft fesselnd? Ist es die Handlung, der tragende Gedanke oder sind es die Emotionen, die es in uns weckt? Es gibt jene Bücher, deren Geflecht aus Ereignissen uns mitreißt, deren Kernbotschaft uns trifft und deren emotionale Tiefe uns überwältigt. Doch das Besondere an diesem Buch liegt in keinem dieser Aspekte. Sein eigentliches Wesen ist die bevorstehende Begegnung mit dem Protagonisten. Wenn wir lesen, identifizieren wir uns oft mit der Hauptfigur, suchen ihre Nähe. Doch niemals können wir ihr wahrhaftig gegenübertreten oder ein Wort mit ihr wechseln. Glücklicherweise bricht dieses Buch mit jener Gesetzmäßigkeit. An einem Maitag werdet ihr ihm begegnen. Vielleicht werdet ihr auf ihn zugehen und ihn umarmen, vielleicht werdet ihr euch damit begnügen, ihn nur aus der Ferne zu betrachten. Die Entscheidung liegt bei euch.
Während ich in jenem Klassenzimmer mit der hohen Decke saß, in dem der Geruch von Kreide in der Luft hing, schien die Zeit stillzustehen. Die komplexen Formeln, die unser Physiklehrer mit grimmigem Eifer an die Tafel schrieb, waren für mich nichts weiter als bedeutungslose Linien, die auf dem Papier tanzten. Ich besaß jene analytische Begabung, die alle mit Bewunderung betrachteten; ich gehörte zu den erfolgreichsten Schülern der Klasse, war der Zweitbeste der Schule. Doch in jenem Augenblick fühlte ich, wie meine Seele zwischen diesen eiskalten Zahlen und starren Regeln gefangen war und kaum noch atmen konnte. Während ich durch das Fenster dem freien Tanz der Bäume im Wind zusah, keimte in mir ein Traum auf, dem ich noch keinen Namen zu geben wagte und vor dessen Entdeckung ich mich selbst fürchtete. Ich wollte nicht bloß Formeln lösen; ich wollte den geheimen Rhythmus des Lebens und jene Gefühle, die die Menschen nicht in Worte fassen können, auf das Papier bringen. Doch das Etikett des 'erfolgreichen Schülers', das man mir verliehen hatte, lastete wie eine schwere Bürde auf meinen Schultern.
Als die Schule endete, ging ich mit diesem Chaos in meinem Kopf nach Hause. In dem Moment, als ich an die Tür klopfte, begegnete mir jene fröhliche Stimme, die die gesamte Erschöpfung des Tages vergessen ließ. Mein neunjähriger Bruder Mert öffnete die Tür mit einem strahlenden Lächeln. Die Bewunderung, die er für mich empfand, war in seinen Augen deutlich zu lesen; für ihn war ich sowohl seine große Schwester als auch seine Heldin. 'Mısra Ablâ, schau, ich habe ein neues Bild gemalt, wollen wir zusammen spielen?', fragte er und zupfte an meinem Rock. Obwohl mein Herz sich danach sehnte, Zeit mit ihm zu verbringen, flüsterte mir die disziplinierte Stimme in meinem Inneren zu. Ich streichelte ihm sanft über den Kopf, doch mit den Worten 'Ich habe keine Zeit, Mert, ich muss noch viele Hausaufgaben erledigen', zog ich mich in mein Zimmer zurück – in meinen eigenen, stillen Zufluchtsort. Aus der Küche drang der vertraute Duft der Speisen herüber, die meine Mutter zubereitet hatte, doch ich hatte begonnen, mich bereits in den Literaturhausaufgaben auf meinem Schreibtisch zu verlieren.
Am nächsten Tag befanden wir uns im Literaturunterricht. Herr Bülent betrat das Klassenzimmer mit seinen gewohnt würdeviollen Schritten und teilte uns in Gruppen auf. Unsere Aufgabe war ebenso schlicht wie herausfordernd: Wir sollten gemeinsam ein Gedicht verfassen. Während meine Gruppenmitglieder ratlos auf das leere Blatt starrten und sich gegenseitig verständnislos anlächelten, fühlte es sich in meinem Inneren an, als hätten sich die Schleusen eines gewaltigen Dammes geöffnet. Die Zeit verrann unaufhaltsam, und der Lärm im Klassenzimmer schwoll an, doch in meinem Geist fügten sich die Worte in einer stillen Zeremonie zusammen. Ich konnte nicht länger anhalten; mit zitternden Fingern griff ich nach dem Stift und füllte das leere Papier in letzter Minute mit den Farben meiner Seele. Als Herr Bülent zu uns trat und das Blatt in die Hand nahm, hielt er einen Augenblick inne. Seine Augen leuchteten auf, ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, und er las das Gedicht vor der gesamten Klasse vor, wobei er mich mit lobenden Worten überschüttete. In jenem Moment wurde mir mein Brustkorb zu eng für mein klopfendes Herz; ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wahrhaftig 'gesehen'.
Mit diesem Wunder im Herzen und dem Gefühl von flatternden Flügeln in meiner Brust kehrte ich nach Hause zurück. Ich eilte in die Küche zu meiner Mutter, die gerade das Abendessen zubereitete; ich brannte darauf, meine Aufregung mit ihr zu teilen. Doch noch bevor ich meinen ersten Satz beenden konnte, schloss sie mit einem harten Knall den Topfdeckel und wandte sich mir zu. In ihrem Gesicht spiegelte sich nichts als die unendliche Sorge um Prüfungen und die ungewisse Zukunft wider. 'Lass diese brotlosen Künste sein, Mısra', sagte sie, ihre Stimme klang wie eine eiskalte Realität. 'Deine Prüfungen rücken näher, deine einzige Aufgabe ist es, dich darauf zu konzentrieren. Von Lyrik wird man nicht satt.' Die Worte blieben mir im Hals stecken, und meine Begeisterung erlosch wie eine ausgeblasene Kerze. Als ich mich in mein Zimmer zurückzog und mich im Dunkeln auf mein Bett legte, flüsterte ich mir selbst zu: Ich war nie jemand, der geplant hatte zu schreiben, und erst recht gehörte ich nicht zu jenen Kindern, die davon träumten, Dichter zu werden. Doch an jenem Tag konnte ich noch nicht ahnen, wohin mich das einzige Lob meines Lehrers noch führen würde.
In jener Nacht glitt ich, begleitet vom Klappern des Geschirrs aus der Küche und den unbeantworteten Fragen in meinem Kopf, in einen tiefen, unruhigen Schlaf. In meinem Traum fand ich mich an einem nebligen, schier endlosen Hafen wieder. Mein Vater Onur stand auf dem Deck eines gigantischen, weißen Schiffes. Er sah mich an, doch in seinem Blick lag eine Fremdheit, die ich nie zuvor gesehen hatte; eine Distanz, als gehöre er bereits einer vollkommen anderen Welt an. Ich wollte auf ihn zulaufen, seine Hand ergreifen, doch meine Füße rührten sich nicht, als seien sie tief unter der Erde festgenagelt. 'Papa, warum gehst du? Lass mich hier nicht so allein zurück!', schrie ich. Meine Stimme hallte im dichten Nebel wider, doch sie erreichte ihn nicht. Er lächelte nur voller Wehmut, während das Schiff langsam in den Nebelschleiern verschwand und schließlich ganz verloren ging.
Als ich schweißgebadet aufwachte, das Kissen von meinen Tränen genässt, war die Sonne noch nicht aufgegangen. Mein Zimmer war eisig kalt, und die gähnende Leere in meinem Herzen fühlte sich tiefer an als je zuvor. Es gab nur einen Weg, diesen stechenden Schmerz zu lindern: das Schreiben. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch; die alten Regeln der Lyrik, die Herr Bülent im Unterricht erklärt hatte, schienen vergessen, doch die Worte, die aus meiner Seele flossen, fanden von selbst zu einem Rhythmus, zum fernen Klang des alten Versmaßes. Mit zitternden Fingern brachte ich jene Zeilen zu Papier:
Verschlossen bleibt das Herz den vielen, während meine Brust in Flammen steht,
Ein warmes Heim hab’ ich nie gesehen, meine grollende Seele ist von Gram umweht,
In diesem kalten Land glich ich einer Taube, die einsam ihre Kreise zieht,
Gibt es denn keinen Ort für mich? Dass ich dort ruhe und mein Weinen flieht.
Als ich das Gedicht beendet hatte, legte ich den Stift behutsam auf den Tisch. Ich las die Worte in meinem Inneren immer wieder; es war, als würde jede Zeile den Knoten in meiner Seele ein Stück weit lösen. Für einen Augenblick vergaß ich das Fortgehen meines Vaters auf jenem nebligen Schiff, vergaß den schwermütigen Abschied aus meinem Traum. Ich war ganz auf diese neue Welt konzentriert, die zwischen mir und dem Papier entstanden war. Eine unbeschreibliche Erregung stieg in mir auf. Ich faltete das Blatt sorgfältig und verstaute es im geheimsten Fach meiner Tasche. Ich konnte es kaum erwarten, zur Schule zu gehen und Herrn Bülent diese Zeilen zu zeigen. Zum ersten Mal schlug mein Herz nicht vor Angst, sondern vor Hoffnung.
Als ich die Schule erreichte, trug der Himmel noch die graue Benommenheit des Morgens, doch in meinem Inneren waren bereits Sonnen aufgegangen. Den ganzen Unterricht über fühlte es sich an, als würde ich nicht im Klassenzimmer, sondern zwischen den Zeilen leben, die ich selbst geschrieben hatte. Endlich ertönte die Pausenklingel mit ihrem schrillen Ton, und ich sprang förmlich von meinem Platz auf. Ich presste das Papier fest an meine Brust und lief atemlos zum Lehrerzimmer, doch Herr Bülent war nicht dort. Gerade als ich mit einer flüchtigen Enttäuschung umkehren wollte, sah ich ihn am Ende des Korridors. Als ich ihn erreichte, zitterten meine Knie vor Aufregung, und mir blieb fast der Atem weg. Ohne ein Wort hervorbringen zu können, streckte ich ihm mit bebenden Händen das Papier entgegen. Herr Bülent sah erst mich an, dann mit seinem gewohnt würdevollen und gütigen Blick auf das Blatt. Während er das Gedicht las, schien die Zeit für uns langsamer zu fließen. Als seine Augen schwerfällig über die Zeilen wanderten, breitete sich ein tiefer Friede auf seinem Gesicht aus. Er senkte das Papier langsam, sah mir mit seiner vertrauenerweckenden Stimme direkt in die Augen und schenkte mir einen Blick voller aufrichtiger Anerkennung, dass in jenem Augenblick der gesamte Lärm der Welt verstummte.
„‚Mısra‘, sagte er, und seine Stimme wärmte mein Innerstes. ‚Dieses Gedicht ist wahrhaftig wundervoll... Als stamme es aus der Feder eines Meisters. Es gibt lediglich einen kleinen metrischen Fehler an einer Stelle, doch das ist nebensächlich; es trübt diese Schönheit in keiner Weise. Ich wusste, dass du ein tiefes Interesse an der Literatur hegst, doch dass du eine so kraftvolle Feder besitzt, habe ich erst heute erfahren. Hör niemals auf zu schreiben.‘ In jenem Augenblick fühlte es sich an, als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren. Als Herr Bülent uns verließ, packte Didem mich sofort am Arm und schüttelte mich voller Aufregung: ‚Mädchen, was hast du nur getan? Der Lehrer sah dich mit solchem Stolz an! Du hättest diesen Ausdruck in seinen Augen sehen sollen. Wann und wie hast du das bloß geschrieben?‘ Ich spürte, wie meine Wangen vor Scham glühten. Ich senkte den Kopf und flüsterte meiner Freundin, die mich seit acht Jahren begleitete, zu: ‚Eigentlich begann alles erst gestern Abend, Didem... Die Worte kamen wie eine Flut über mich, und ich habe lediglich versucht, sie auf dem Papier festzuhalten.‘“
Nach der Schule schien der schwere Druck auf mir gewichen zu sein und hatte einer sanften Brise Platz gemacht. Gemeinsam mit Didem gingen wir zu unserem gewohnten Dönerladen. Trotz des Lärms um uns herum, des Hupens der Autos und der Hektik der Menschen, waren wir ganz in unserer eigenen kleinen Welt versunken. Didem nahm einen großen Bissen von ihrem Dürüm und redete voller Aufregung weiter: 'Ich kann es immer noch nicht fassen, Mısra, hast du diesen Blick von Herrn Bülent gesehen? Er war regelrecht stolz auf dich!' Ich lächelte. Seit langer Zeit genoss ich es zum ersten Mal, nicht nur etwas erreicht zu haben, sondern schlicht ich selbst zu sein. Wir sprachen nicht nur über Gedichte, sondern auch über die Zukunft, über unsere Ängste und über die alltäglichen Skurrilitäten jener Stunden. Didems unerschöpfliche Energie tat meiner Seele gut. Als ich nach Hause zurückkehrte, wohnte eine gewisse Leichtigkeit in mir. Um die obligatorischen Ermahnungen meiner Mutter bezüglich der anstehenden Prüfungen nicht hören zu müssen, schlüpfte ich frühzeitig in die Küche...
half ihr, und schlich mich danach in Merts Zimmer. Als er mich sah, leuchteten seine Augen auf. 'Abla, bist du fertig mit deinen Hausaufgaben?', fragte er hoffnungsvoll. In dieser Nacht wollte ich mir selbst und auch ihm eine Belohnung schenken. 'Sie sind fertig, Mert! Komm, lass uns Popcorn machen, heute Abend veranstalten wir einen Filmabend!', sagte ich. Mert war außer sich vor Freude. Wir suchten seinen liebsten Animationsfilm aus und kuschelten uns unter die warme Decke. Während wir den Film schauten, fühlten sich die Abwesenheit meines Vaters und der Druck meiner Mutter wie ein weit entfernter Dialog an. Als Mert auf meinem Schoß einschlief, blickte ich durch das Fenster zu den Sternen empor. Ich wusste nicht, was der morgige Tag bringen würde, doch nun trug ich mehr als nur ein Stück Papier in meiner Tasche; ich besaß nun endlich eine Stimme, die ganz allein mir gehörte.
In jener Nacht waren wir in der farbenfrohen Welt des Animationsfilms, den ich mit Mert schaute, unter der Decke einfach eingeschlafen. Am Morgen wachte ich nicht durch die Stimme meiner Mutter auf, sondern schreckte durch das grelle Sonnenlicht hoch, das in das Zimmer drang. 'Ach herrje, ich bin zu spät!', murmelte ich vor mich hin, während Mert noch immer friedlich schlummerte. In aller Eile bereitete ich mich vor, schnappte mir meine Tasche und stürzte hinaus auf die Straße. In der Schule sprachen wir an jenem Tag seltsamerweise überhaupt nicht über Gedichte oder Literatur. Ich saß mit Didem im Garten; wir plauderten nur über Belanglosigkeiten, über das alltägliche Einerlei in der Kantine und über unsere Pläne für das Wochenende. Manchmal tat es mir einfach unglaublich gut, nur 'Mısra' zu sein, jene schwere literarische Identität abzustreifen und einfach nur zu lachen.
Als ich nach Hause zurückkehrte, blickte ich auf die Papiere, die über meinen Schreibtisch verstreut lagen. Jedes einzelne von ihnen war wie ein Stück, das aus meinem Herzen herausgerissen worden war, und ihre Zahl wuchs stetig an. Während ich sie in die Hand nahm und ordnete, überkam mich eine plötzliche Aufregung: 'Könnten diese Gedichte eines Tages wohl zu einem Buch werden?', dachte ich bei mir. Doch das war nichts als ein ferner Traum; ich besaß keinen einzigen Cent in meiner Tasche, um so etwas zu verwirklichen. Der nächste Tag war ein Wochenende, und als ich merkte, dass ich mit der Last dieser Gedanken nicht allein fertig wurde, beschloss ich, meine Tante zu besuchen. Meine Tante war die Einzige, die mich stets verstand, meine einzige Zuflucht gegen die harten Mauern, die meine Mutter um sich errichtet hatte. Vielleicht war nun endlich der Augenblick gekommen, dieses Geheimnis mit ihr zu teilen.
Am Samstagmorgen stand ich schon früh vor der Tür meiner Tante. Ihr Zuhause bedeutete für mich seit jeher inneren Frieden und den vertrauten Duft von frisch gebrühtem Tee. Kaum war ich eingetreten, warf ich mich an ihren Hals; ihr bekannter, liebevoller Geruch löschte all meine Sorgen für einen Augenblick aus. Als wir uns im Wohnzimmer gegenübersaßen, musterte mich meine Tante mit ihrem tiefgründigen und verständnisvollen Blick. 'Erzähl schon, Mısra', sagte sie lächelnd, 'in deinen Augen liegt ein Glanz, den ich so noch nie gesehen habe.' Ich konnte nicht länger an mich halten und offenbarte ihr alles: die Verse, die ich nächtelang niedergeschrieben hatte, die würdevolle und gütige Unterstützung von Herrn Bülent und diesen unmöglichen Traum von einem eigenen Buch, der in meinem Herzen herangewachsen war. 'Ich möchte meine Gedichte auf den Seiten eines echten Buches sehen, Tante', sagte ich mit bebender Stimme. 'Aber du weißt, meine Mutter würde das niemals erlauben. Zudem fehlt mir das nötige Geld für einen Druck. Ich schreibe einfach nur, und die Papiere stapeln sich ziellos auf meinem Schreibtisch.' Meine Tante nahm meine Hände und drückte sie fest.
Sie schwieg eine Weile, als würde sie in ihrem Geist die Steine eines fernen Plans zusammensetzen. In ihren Augen erschien jener vertraute, beschützerische und entschlossene Ausdruck. 'Schreibe einfach weiter, mein schönes Mädchen', sagte sie flüsternd. 'Träume schreiten manchmal durch Türen, die du niemals erwartet hättest. Wir werden gemeinsam einen Weg finden, mach dir keine Sorgen.' In jenem Augenblick wusste ich nicht, was meine Tante plante, doch ihre Worte hatten jenes fast erloschene Feuer in mir neu entfacht. Der Sonntag hatte sich wie eine schwere Staubwolke über unser Haus gelegt. Schon in der frühen Morgendämmerung drückte mir meine Mutter einen Lappen in die Hand; wir begannen mit einem endlos scheinenden Hausputz. Während ich die Fenster putzte und auf die leeren Straßen hinausblickte, erinnerte ich mich an jene unruhigen Sonntagsfrühstücke mit meinem Vater. Die erhobenen Stimmen, die zerbrochenen Hoffnungen und der letzte Blick meines Vaters, bevor er die Tür hinter sich zuschlug... Es war, als würden diese Erinnerungen aus staubigen Regalen hervorkriechen und mich überwältigen. Während ich unter den harten Anweisungen meiner Mutter schweigend arbeitete, fühlte ich, wie fern jenes Dichter-Mädchen in meinem Inneren in diesem Moment war.
Doch als ich mich am Nachmittag an meinen Schreibtisch setzte, blickte ich auf den Kalender und lächelte. Morgen war Montag! Das bedeutete, wieder zur Schule zu gehen, mit Didem zu lachen und – was am wichtigsten war – den Unterricht meines geliebten Lehrers zu besuchen. Wenn ich an den unvergleichlichen Frieden dachte, den ich in Herrn Bülents Unterricht fand, weitete sich meine Brust; es war, als würden in dem Augenblick, in dem ich die Schwelle des Klassenzimmers betrat, alle Sorgen der Außenwelt hinter der Tür zurückbleiben. Die tiefen Wunden, die mein Vater in mir hinterlassen hatte, wurden durch die Literaturverbundenheit meines Lehrers und sein Vertrauen in mich geheilt. Voller Begeisterung erledigte ich all meine Hausaufgaben vorzeitig. Während ich meine Bücher in die Tasche legte, wusste ich, dass der morgige Tag mir eine neue Zeile zuflüstern würde. Als ich am Montag von der Schule nach Hause zurückkehrte, trug ich die frische Ruhe aus Herrn Bülents Unterricht in mir. Ich warf meine Tasche beiseite und eilte sofort an meinen Schreibtisch; mein einziger Gedanke war es, die wenigen neuen Verse, die sich über den Tag angesammelt hatten, zu Papier zu bringen. Doch als ich das Zimmer betrat, erstarrte ich.
Mein Schreibtisch war vollkommen leer. Die Papiere, an denen ich Tag und Nacht geschrieben und denen ich mein Herz anvertraut hatte, waren verschwunden. Während meine Augen entsetzt das Zimmer absuchten, bemerkte ich, dass Mert das Fenster sperrangelweit offengelassen hatte. Der Vorhang flatterte wild im Wind. 'Mama! Wo sind meine Papiere?', schrie ich, während ich verzweifelt in die Küche stürmte. Meine Mutter antwortete mit ihrer gewohnten Kaltblütigkeit: 'Ich weiß es nicht, Mısra. Mert hat in deinem Zimmer gespielt, vielleicht hat er sie gesehen.' Als ich zu Mert lief, deutete er mit schuldbewusster Miene zum Fenster: 'Abla, es war so heiß... Ich habe das Fenster geöffnet, aber dann sind sie alle davonflogen, ich konnte sie nicht halten...', sagte er. Voller Hoffnung rannte ich hinaus auf die Straße, blickte nach links und rechts, doch es war vergeblich; der Wind hatte meine Zeilen fortgetragen und sie in die Ungewissheit entführt. In jenem Augenblick brach meine Welt zusammen. Es fühlte sich an, als seien nicht nur die Papiere, sondern auch meine Stimme mit ihnen davongeflogen. 'Das war’s wohl', flüsterte ich mir selbst zu. Ich beschloss, mit dem Schreiben aufzuhören und die Feder aus der Hand zu legen. Wenn das Schicksal sie mir so leicht entriss, dann war es vielleicht doch nicht meine Bestimmung, eine Dichterin zu sein.
An jenem Abend herrschte im Haus keine bloße Stille, sondern die Trümmerlandschaft nach einem gewaltigen Sturm. Während der Schmerz über meine verlorenen Verse in mir wuchs, zwang ich mich an meinen Schreibtisch, um für das von mir verhasste Fach Geschichte zu lernen. Daten, Namen und Kriege vermischten sich in meinem Kopf; mein Stift glitt voller Zorn über das Papier. Mert beobachtete mich durch den Türspalt mit reumütigem Blick. Ich wollte ihn tadeln, ihn anschreien, doch als ich sein unschuldiges Gesicht sah, brachte ich es nicht übers Herz; mein Zorn kehrte zurück und verwandelte sich in meinem Inneren in tiefe Trauer. ‚Es waren nur Papiere, Mısra, vergiss sie einfach‘, flüsterte ich mir selbst zu, doch ich konnte es nicht vergessen. Genau in diesem Moment betrat meine Mutter das Zimmer und sprach mit ihrer gewohnt distanzierten Art: ‚Zieh mir jetzt nicht wegen dieser Zettel ein solches Gesicht. Verschwende deine Zeit nicht mit unnützen Dingen, konzentrier dich auf den Unterricht. Wenn sie weggeflogen sind, dann sind sie eben weg; diese Gedichte hatten ohnehin keinen Nutzen für dich.‘ Diese Worte waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. ‚Sie waren nicht nur Gedichte, Mama, sie waren ein Teil von mir!‘, schrie ich. Nach einem kurzen, aber brennenden Streit schlug ich die Tür zu und vergrub mich in meinem Bett. Während meine Tränen das Kissen benetzten, schlief ich in dem Glauben ein, dass meine Träume ebenso wie jene Papiere im Wind verweht waren. Hinter der Tür blieb meine Mutter unter der Last ihrer eigenen Worte wie erstarrt stehen; zum ersten Mal in ihrem Leben begann sie, die Reue über ihre eigene Härte zu spüren.
Am nächsten Morgen saß meine Mutter allein im Wohnzimmer und starrte ins Leere; die Reue über den heftigen Streit der vergangenen Nacht und die Tränen, die ich vergossen hatte, war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Ich hörte, wie sie zum Telefon griff und meine Tante anrief. Ihre Stimme klang gedämpfter als sonst: ‚Das Verhältnis zwischen Mısra und mir ist zerrüttet, sie hat sich vollkommen von mir distanziert... Du stehst ihr näher, du weißt, was geschehen ist. Bitte sprich nach der Schule mit ihr, spende ihr Trost‘, sagte sie. Zum ersten Mal hatte meine Mutter in einer Angelegenheit kapituliert und für mich die Hilfe eines anderen gesucht. Als ich nach der Schule zu meiner Tante ging, empfing sie mich mit ihrer gewohnten Herzlichkeit. Doch dieses Mal hielt sie etwas ganz Besonderes in den Händen: einen eleganten Stift und ein makelloses Notizbuch mit einem seidigen Einband. Während sie mir beides reichte, sagte sie: ‚Das sind deine neuen Weggefährten, Mısra. Die Worte in deiner Seele werden niemals versiegen, du musst weiterschreiben.‘ Meine Finger zitterten, als ich das Buch berührte. Ein Teil von mir trauerte noch immer um meine verlorenen Gedichte, während der andere Teil sich in diese neuen, leeren Seiten flüchten wollte. In meinem Inneren herrschte eine tiefe Unentschlossenheit; war es nach all diesem Schmerz wirklich möglich, noch einmal ganz von vorn zu beginnen und meine Gefühle erneut dem Papier anzuvertrauen?
Einige Tage später erschien meine Tante an unserer Tür, in den Händen frisch gebackene Kekse. Sie und meine Mutter verschwanden in der Küche; zum fernen Klappern der Teelöffel gesellten sich leise, flüsternde Stimmen. Ich saß in meinem Zimmer und starrte auf die schneeweißen Seiten jenes neuen Notizbuchs, das meine Tante mir geschenkt hatte, doch ich brachte nicht eine einzige Linie zustande. Da öffnete sich die Tür. Meine Tante trat ein, und hinter ihr stand zum ersten Mal meine Mutter – mit einem Blick, so voller Demut und mit feuchten Augen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Meine Tante setzte sich an meine Bettkante, legte eine Hand auf die meine und die andere auf die Schulter meiner Mutter. 'Sieh nur', sagte sie zu meiner Mutter gewandt, 'es ist ein Wunder, dass dieses Mädchen die tiefe Leere, die ihr Vater hinterlassen hat, mit ihren eigenen Worten füllt. Lass das, was in ihrem Herzen ruht, frei sein; lass die Gefühle, die sie auf das Papier gießt, ihre Wunden heilen. Das ist ihre einzige Zuflucht.' Meine Mutter stieß einen tiefen Seufzer aus, und ihr harter Schutzschild sank zum ersten Mal vollkommen herab. Sie trat näher, strich mir zärtlich über das Haar und sagte mit brüchiger Stimme: 'Du hast recht. Ich werde dir nicht länger im Weg stehen. Ich hätte nie geahnt, Mısra, dass dich das so sehr schmerzen würde. Von nun an möchte ich lernen, stolz auf dich zu sein.' Als ich meine Mutter in jenem Augenblick umarmte, fühlte es sich an, als fielen tonnenschwere Lasten von mir ab. Meine Gedichte mochten davongeflogen sein, doch die Unterstützung meiner Mutter gewonnen zu haben, linderte den brennenden Schmerz über jene verlorenen Zeilen ein wenig. Während ich in jener Nacht friedvoll in meinem Zimmer schlief, ahnte ich noch nicht, welch großes Opfer meine Familie bereits für mich vorbereitete.
Als das Wochenende kam, fand ich mich in unserem Lieblingscafé der Stadt an einem großen, belebten Tisch wieder. Meine Mutter, meine Tante, Mert und sogar meine engste Freundin Didem waren da. In unserer Familie war ein gemeinsames Essen im Restaurant eine Seltenheit; es war eine Aktivität, die nur besonderen Erfolgen oder Feierlichkeiten vorbehalten blieb. Mit einer sanften Neugier im Herzen musterte ich die Anwesenden. ‚Und, was feiern wir heute?‘, fragte ich lächelnd. ‚Gibt es etwa einen Feiertag, von dem ich nichts weiß?‘ Didem platzte sofort mit ihrer gewohnten Begeisterung heraus: ‚Mısra, du wirst es nicht glauben, aber ich habe in der Mathematikprüfung, für die ich mich Tag und Nacht gequält habe, volle 100 Punkte bekommen! Das feiern wir!‘ Wir lachten alle, Glückwünsche hingen in der Luft, doch irgendetwas war anders. Ich bemerkte das geheimnisvolle Funkeln in den Blicken meiner Mutter und meiner Tante; ich sah, wie Mert unter dem Tisch unaufhörlich seine Hände aneinanderrieb. Während wir unseren Kuchen aßen und an unserem Tee nippten, änderte sich die Atmosphäre am Tisch schlagartig. Didems Prüfungsnote war in Wahrheit nur ein charmanter Vorwand gewesen. Meine Tante zog behutsam ein sorgfältig verpacktes Paket mit einer roten Schleife aus ihrer Tasche. Alle am Tisch verstummten, aller Augen waren auf mich gerichtet. ‚Mısra‘, sagte meine Tante mit bebender Stimme, ‚die eigentliche Feier beginnt erst jetzt. Dies ist das Geschenk für dein Herz und für deine Seele, die niemals aufgegeben hat.‘ Sie reichte mir das Paket. Als ich mit zitternden Fingern begann, die Schleife zu lösen, hielten alle am Tisch den Atem an und sahen mich erwartungsvoll an. In dem Moment, als ich den festen Einband unter dem Papier spürte, begann mein Herz in einer unbeschreiblichen Erregung lichterloh zu brennen.
Während ich jenen harten Gegenstand aus dem Paket zog, hielten alle am Tisch den Atem an und starrten mich erwartungsvoll an. Als ich das Paket vollständig geöffnet hatte und das Objekt in meinen Händen hielt, entwich mir ein lautes Lachen. 'Ich fass es nicht! Habt ihr mir ein Buch gekauft? Vielen Dank!', sagte ich, während ich noch immer unaufhörlich lachte. Während meine Mutter, meine Tante und Didem sich fassungslos ansahen, redete ich weiter: 'Aber ich verstehe nicht... Wir sind doch hier, weil Didem eine 100 in Mathe geschrieben hat. Warum habt ihr mir ein Geschenk gekauft? Ihr hättet es Didem kaufen sollen!' Für einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den Tisch. Alle schienen wie erstarrt, als hätten sie eine solch naive Reaktion von mir nicht erwartet. Mert hielt es schließlich nicht mehr aus, griff ein und sagte mit seinem gewohnt schelmischen Tonfall kichernd: 'Abla, sag mal, bist du wirklich so naiv? Schau dir dieses Buch doch mal etwas genauer an!' Durch Merts Mahnung senkte ich meinen Blick auf den Buchdeckel. Auf dem glänzenden Einband stand in großen Lettern: 'Mısra Karadağ'. In diesem Augenblick blieb die Welt für eine Sekunde stehen. Mein Lächeln gefror auf meinem Gesicht, und meine Augen drohten aus ihren Höhlen zu treten. 'Das... das ist mein Name', flüsterte ich. Darunter waren jene ersten Gedichte aufgereiht, die mir aus dem Herzen entsprungen waren. All jene Gefühle, von denen ich glaubte, sie seien für immer vom Wind verweht worden, befanden sich nun unter diesem Einband, auf den Seiten eines echten Buches. Während die kindliche Freude auf meinem Gesicht einer tiefen Erschütterung und Tränen wich, glitten meine zitternden Hände ehrfürchtig über meinen eigenen Namen.
Während ich den Schock allmählich überwand, beugte sich meine Tante über den Tisch, nahm meine Hand und begann lächelnd zu erzählen: ‚Mısra, an jenem Tag, als Mert das Fenster öffnete, ist in Wahrheit gar nichts im Wind davongeflogen. Wir haben das alles nur für dich und heimlich vor dir geplant. Mert hat die Papiere aufgesammelt, deine Mutter hat sie alle sorgfältig aufbewahrt, und Didem hat mir geholfen, unter deinen Gedichten jene auszuwählen, die uns am meisten berührt haben. Unser Herz wollte sich nicht damit abfinden, dass dein Talent nur in deinem Zimmer verborgen bleibt.‘ Auch meine Mutter schaltete sich ein und sagte: ‚Verzeih mir, mein Kind, dass ich deine Leidenschaft als ‚unnütze Dinge‘ abgetan habe; ich musste mich so verhalten, um diese Überraschung nicht zu verderben.‘ Da wichen die Tränen in meinen Augen einem friedvollen Lächeln. Als ich das Geschehene in meinem Geist verarbeitet hatte, fielen wir uns am Tisch alle so innig in die Arme, dass alle Kränkungen augenblicklich wie verflogen waren. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, wandte ich mich mit gespielter Strenge an Didem: ‚Und was ist mit jenen 100 Punkten aus deiner Prüfung? War das etwa auch gelogen?‘ Didem lachte schallend, zog ihre Prüfung aus der Tasche und rief: ‚Eigentlich habe ich eine 58 bekommen, Mısra! Die größte Lüge habe ich erzählt, nur um dich in dieses Café zu locken, aber ich finde, es war es wert!‘ Mit Didems Geständnis brachen alle am Tisch gleichzeitig in lautes Gelächter aus. Es war schwer zu glauben, dass ich noch vor wenigen Augenblicken geweint hatte; nun begann ich ein neues Leben inmitten meiner liebsten Menschen, während ich den Duft meines eigenen Buches tief in mich einsaugte. In jenem Moment begriff ich, dass wahre Poesie nicht nur auf dem Papier existiert, sondern in jenen großherzigen Menschen wohnt, die hinter einem stehen.
Seit jenem wunderbaren Tag war bereits eine ganze Woche vergangen, doch noch immer fiel es mir schwer, an das Buch zu glauben, das jeden Morgen auf meinem Schreibtisch lag. Mehrmals am Tag ging ich zu ihm, berührte den Einband, schlug die Seiten einzeln auf und las voller Bewunderung meine eigenen Sätze. Jedes Mal erinnerte mich der frische Duft des Papiers daran, dass meine Träume nun Wirklichkeit waren. Doch seltsamerweise machte mich dieses Glück nicht träge; ganz im Gegenteil, es nahm den gewaltigen Druck von mir. Da ich nicht mehr darüber nachdenken musste, wie ich meine Gedichte verstecken sollte oder was meine Mutter wohl dazu sagen würde, öffnete sich in meinem Geist ein riesiger Raum für meine Schulsachen. Da die Prüfungswoche näher rückte, stellte ich fest, dass ich motivierter denn je war zu lernen. Während ich mich früher nur in den staubigen Seiten der Literatur verlor, begann ich nun, in jedem Fach – von Geschichte bis Mathematik – hohe Noten zu erzielen. Jeden Tag mit einer neuen Erfolgsnachricht nach Hause zurückzukehren und jenes stolze Leuchten in den Augen meiner Mutter zu sehen, war ein unbeschreibliches Gefühl. Als ich Mert meine Noten zeigte, lächelte ich still vor mich hin. Ich sagte mir: 'Ich war so sehr auf meine Gedichte fokussiert, dass ich meine Prüfungen und Verantwortungen erst dank Didems charmanter Lüge wieder in Erinnerung rufen konnte.' Es schien, als hätte alles seine rechte Zeit; meine Gefühle waren nun sicher zwischen jenen Buchdeckeln verwahrt, und ich war endlich frei, die anderen Farben des Lebens zu entdecken.
Während die Prüfungswoche hinter mir lag, begann das Wetter allmählich wärmer zu werden; jene süßen Winde, die Vorboten des Sommers, fingen an zu wehen. In jeder Ecke der Schule herrschte ein reges Treiben; jeder sprach von jenem großen TÜBİTAK-Projekt, das jedes Jahr im Schulgarten veranstaltet wurde. Während ich diese freudige Unruhe beobachtete, betrat Herr Bülent das Klassenzimmer und machte mit seiner gewohnt vertrauenerweckenden Stimme eine Ankündigung, die uns alle begeisterte: ‚Kinder, dieses Jahr führen wir eine Neuerung ein. Ab jetzt könnt ihr nicht nur mit wissenschaftlichen Experimenten, sondern auch mit euren literarischen Werken und kulturellen Projekten an TÜBİTAK teilnehmen.‘ Bei diesen Worten meines Lehrers hatte ich das Gefühl, mein Herz würde aus meiner Brust springen. Mein Buch, meine Gefühle könnten nun als Schulprojekt präsentiert werden! Nach der Schule eilte ich förmlich nach Hause. Als ich meine Tante, meine Mutter und Mert im Wohnzimmer sah, teilte ich die Nachricht voller Aufregung: ‚Ich kann mit meinem Buch am TÜBİTAK-Projekt teilnehmen!‘ Meine Mutter lächelte liebevoll, während meine Tante mich ermutigte: ‚Das war die Gelegenheit, auf die wir gewartet haben.‘ In jener Nacht fand ich vor lauter Aufregung keinen Schlaf. Am nächsten Tag eilte ich mit den ersten Lichtstrahlen des Morgens zur Schule und lief sofort zu Herrn Bülent. Atemlos sagte ich: ‚Herr Lehrer, ich bin dabei! Ich möchte mit meinem Buch am Projekt teilnehmen.‘ Mein Lehrer legte seine Hand auf meine Schulter und blickte mich stolz an: ‚Nichts anderes habe ich von dir erwartet, Mısra, komm, lass uns mit den Vorbereitungen beginnen.
Nur noch wenige Wochen trennten uns vom TÜBİTAK-Projekt, und meine Aufregung war auf dem herben Höhepunkt angelangt. Ich hatte beschlossen, mein Buch mit in die Schule zu nehmen, um mit Herrn Bülent die letzten Details meines Vorhabens zu besprechen. In den Pausen legte ich das Buch auf meinen Tisch und blätterte voller Bewunderung durch die Seiten. Doch mir war nicht aufgefallen, dass sich einige Blicke in der Klasse auf mich gerichtet hatten – insbesondere die einer Schülerin, die es liebte, stets im Mittelpunkt zu stehen, und die mich mit unverhohlenem Neid beobachtete. Als ich nach der Schule nach Hause kam, wollte ich wie jeden Abend mein Buch zur Hand nehmen, um jenen beruhigenden Duft von frischem Papier tief einzuatmen. Ich suchte in jedem Fach meiner Tasche, stellte meinen Schreibtisch auf den Kopf, doch das Buch war unauffindbar! Mein Herz begann wild zu hämmern; ein riesiger Kloß setzte sich in meinem Hals fest, und ich brach an Ort und Stelle weinend zusammen. Wir stellten das ganze Haus auf den Kopf, meine Mutter und Mert suchten mit mir, doch das Buch war nirgends zu finden. In jener Nacht fand ich keine Sekunde Schlaf. Als ich am nächsten Tag zur Schule kam, empfing mich Didem bereits am Tor; an meinen verquollenen Augen sah sie sofort, dass etwas Schreckliches geschehen war. Nachdem ich ihr alles erzählt hatte, eilten wir sofort ins Klassenzimmer. Wir suchten unter den Bänken, in den Schränken, sogar in den Mülleimern – doch alles war vergeblich. ‚Jemand muss es genommen haben, Mısra, es ist schließlich nicht von alleine davongeflogen!‘, rief Didem empört aus. Als meine Verzweiflung immer größer wurde, packte Didem mich am Arm und sagte entschlossen: ‚So geht das nicht weiter, wir müssen zu Frau Selma gehen.‘ Als ich das Zimmer unserer Beratungslehrerin Selma Hanım betrat, erklärte ich ihr mit bebender Stimme die Situation. Es fühlte sich an, als sei erneut ein Stück aus meinem Herzen gerissen worden.
Frau Selma betrat mit tiefer Ernsthaftigkeit das Klassenzimmer und ließ ihren Blick über uns alle schweifen. ‚Mısras Buch ist verschwunden. Falls es jemand aus Spaß genommen oder es versehentlich in seine Tasche gesteckt hat, bitte ich darum, es sofort herauszugeben‘, sagte sie. In diesem Moment bemerkte ich, wie Sude, die in der letzten Reihe saß, totenbleich wurde und begann, nervös mit ihren Fingern zu spielen. Während eine vollkommene Stille herrschte, sprang plötzlich Can auf: ‚Frau Lehrerin, warum sollten wir es nehmen? Sie hat es selbst verloren und schiebt uns nun die Schuld zu!‘, sagte er mit schroffem Tonfall. Cans unnötige Aggressivität und Sudes niedergeschlagene Haltung weckten in Didem und mir denselben Verdacht: Can musste etwas verbergen. Nach der Schule stellten Didem und ich Can den Weg. ‚Can, wenn du das Buch hast, gib es mir bitte zurück, es ist mir unendlich wichtig‘, sagte ich. Can schleuderte wütend seine Tasche zu Boden, riss den Reißverschluss auf und zeigte uns den Inhalt: ‚Da, schau hin! Was soll ich mit deinem Buch? Bin ich etwa ein Dichter?‘ Didem schaltete sich ein und entgegnete: ‚Hier mag es nicht sein, aber woher sollen wir wissen, dass es nicht bei dir zu Hause ist? Warum reagierst du so extrem?‘ ‚Ihr seid doch völlig übergeschnappt!‘, rief Can aus und entfernte sich, während wir ihm fassungslos nachsahen. Sude huschte in diesem Augenblick eilig an uns vorbei. Didem beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte: ‚Hast du das gesehen? Sogar Sude hat Angst vor Cans Verhalten bekommen. Ich bin mir sicher, das Buch ist bei ihm.‘ Doch wir ahnten noch nicht, dass die wahre Gefahr von Sude ausging, die sich soeben still und heimlich davongeschlichen hatte.
In jener Nacht wandt ich mich schlaflos im Bett hin und her, während eine unbeschreibliche Leere in mir klaffte. Früher wäre ich in Tränen ausgebrochen, doch dieses Mal verspürte ich nur eine tiefe Überdrüssigkeit. Ich verglich das Verschwinden meines Buches mit dem Fortgang meines Vaters; ich war bereits so sehr daran gewöhnt, dass die Menschen, die ich am meisten liebte, mich verließen. ‚Vielleicht‘, dachte ich, während ich die Schatten an der Decke beobachtete, ‚kommen manche Dinge nur, um wieder zu gehen.‘ Meine Gedichte hatten mich, genau wie mein Vater, in dem Moment allein gelassen, als ich sie am dringendsten brauchte. Ich weinte nicht mehr; ich fühlte nur noch, wie meine Seele ermüdete und wie meine Worte mich aufgegeben hatten. Zur selben Zeit entfesselte Didem in ihrem eigenen Zimmer förmlich einen Sturm. Sie war nicht gewillt, die Situation so klaglos hinzunehmen wie ich. Vor Zorn schlug sie in ihre Kissen und plante, was sie mit der Person anstellen würde, die das Buch gestohlen hatte. Didem hatte ein ganz besonderes Instrument der Rache im Sinn: ihr Mathematikbuch! Jenes schwere, dicke Buch, in dem sie jene unheilvolle Prüfung mit nur 58 Punkten abgelegt hatte... Die Vorstellung, den Schuldigen zu fassen und ihm dieses Mathematikbuch immer wieder gegen den Kopf zu schlagen, verschaffte ihr eine gewisse Erleichterung. ‚Dieses Buch hat mir eine 58 eingebracht, aber dir wird es die Lektion deines Lebens erteilen!‘, flüsterte sie in die Dunkelheit. Dieser loyale Zorn meiner Freundin sollte uns – auch wenn ich es noch nicht wusste – die nötige gewaltige Energie für unsere Suche am nächsten Tag verleihen.
Am nächsten Tag begannen Didem und ich in der ersten Pause, Can heimlich zu folgen. Er ging in die Kantine und sprach mit seinen Freunden lediglich über Spielergebnisse und Computerspiele. Später setzte er sich in eine Ecke des Hinterhofs und starrte einfach ins Leere; er hatte nicht einmal seine Tasche bei sich. Während ich ihn beobachtete, begriff ich in jenem Moment, dass es in Cans Leben keinen Platz für ein Buch gab – erst recht nicht für gefühlvolle Gedichte. Er war lediglich ein Junge, der vor dem Unterricht und den Regeln floh; er war niemand, der komplex genug war, um meine Gefühle zu stehlen. Gerade als wir hinter dem Schatten des Baumes hervortraten, drehte Can sich plötzlich um und bemerkte uns. ‚Ihr seid wirklich wahnsinnig!‘, schrie er und verdrehte die Augen. ‚Seid ihr mir immer noch auf den Fersen? Lasst mich in Ruhe, das Buch ist nicht bei mir!‘ Angesichts seines aufrichtigen Protests ließ ich jeglichen Verdacht gegen ihn vollkommen fallen. Doch Didem dachte nicht im Traum daran aufzugeben. Sie trat einen Schritt auf Can zu, griff nach jenem schweren Mathematikbuch in ihrer Tasche und fragte mit spöttischem Tonfall: ‚Sag mal, Can... magst du Mathematik?‘ Während sie fragte, zwinkerte sie ihm so zu, dass ich Cans Gesichtsausdruck voller Fassungslosigkeit wohl nie vergessen werde. Während Can völlig überrumpelt dreinsah, packte ich Didem sofort am Arm, da ich ahnte, was sie mit jenem Buch, das ihr eine 58 eingebracht hatte, vorhatte. ‚Komm Didem, lass uns gehen! Er ist es nicht, begreif das doch!‘, sagte ich und zog sie von dort weg. Didem blickte immer noch zurück und hielt ihr Mathematikbuch fest umschlungen; sie hatte ihren Zorn noch nicht besänftigen können.
Auf dem Heimweg von der Schule beschlossen Didem und ich, unsere Strategie zu ändern. ‚Härte führt uns nicht weiter, Didem‘, sagte ich, ‚dieses Mal werden wir sie mit ihren eigenen Waffen schlagen.‘ Genau in diesem Moment sahen wir Sude, die allein vor uns herging. Wir beschleunigten unsere Schritte, holten sie ein und begannen ein völlig belangloses Gespräch über dies und das, als sei rein gar nichts geschehen. Sude zuckte zuerst zusammen, tat dann aber so, als sei sie erleichtert. Irgendwann lenkte ich das Gespräch auf das Buch, zuckte mit den Schultern und sagte: ‚Weißt du, Sude, eigentlich ist es mir mittlerweile völlig egal, dass das Buch weg ist. Jene Gedichte sind ohnehin fest in meinem Gedächtnis verankert.‘ Didem begriff sofort und fügte mit einem spöttischen Lächeln hinzu: ‚Ach was, es ist doch sowieso nicht wichtig! Mısras Tante hatte für alle Fälle eine Kopie des Buches auf dem Computer gespeichert. Morgen lassen wir einfach ein neues drucken, und die Sache ist erledigt.‘ Sude hielt schlagartig inne, ihr Gesicht wurde totenbleich. ‚Wie bitte? Gab es etwa eine Kopie?‘, fragte sie mit bebender Stimme. In jenem Augenblick wurde alles glasklar; hätte sie das Buch nicht an sich genommen, hätte sie niemals einen derart tiefen Schock erlitten. Jener verzweifelte Blick bei dem Gedanken, dass all ihre Mühen umsonst gewesen waren, hatte sie verraten. Didem und ich sahen uns an und lächelten uns wissend zu; wir hatten den Täter gefunden. Auf dem Weg nach Hause rief meine Tante erneut an; wie jeden Tag erwartete sie einen Bericht. ‚Wir haben es geschafft, Tante!‘, rief ich aufgeregt, ‚Sudes Gesichtsausdruck hat alles verraten.‘ Meine Tante atmete am Telefon tief durch: ‚Greift auf keinen Fall selbst ein, geht morgen als Erstes zu Frau Selma und schildert ihr die Situation.
Mit den ersten Lichtstrahlen des Morgens befanden wir uns bereits im Büro von Frau Selma. Als Sude hereingerufen wurde, waren ihre Schultern tief gesunken, und ihre Augen waren von nackter Furcht erfüllt. Unter den strengen Blicken von Frau Selma gestand sie alles in einem Atemzug: ‚Frau Lehrerin, ich habe das Buch genommen, aber Mehtap hat mich dazu gezwungen! Sie drohte mir, mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen; sie wollte die Lüge verbreiten, ich hätte bei ihr abgeschrieben, obwohl sie es war, die mir die Lösungen gab. Ich hatte solche Angst, bitte verzeihen Sie mir!‘ Didem und ich sahen uns fassungslos an. Mehtap, die sonst so stille Zweitbeste der Klasse, hatte also einen derart finsteren Plan geschmiedet. Frau Selma ließ Mehtap sofort rufen. Als Mehtap eintrat, zeigte sie nicht die geringste Spur von Reue; sie zog mein Buch aus ihrer Tasche und knallte es hart auf den Schreibtisch. ‚Warum Mehtap? Warum hast du so etwas getan?‘, fragte ich mit einer Stimme, in der meine ganze Enttäuschung mitschwang. Mehtap sah mir hasserfüllt direkt in die Augen und antwortete: ‚Ich wollte, dass du einmal in deinem Leben an etwas scheiterst, Mısra! Deine Noten waren ohnehin immer besser als meine, du warst mir bei jeder Prüfung einen Schritt voraus. Den Platz als Klassenbeste hast du mir bereits weggenommen, ich stehe immer nur in deinem Schatten. Und mit diesem Buch hättest du mich bei TÜBİTAK vollkommen in den Schatten gestellt. Alle hätten dir applaudiert, und ich wäre wieder nur die ‚Zweite im Dunkeln‘ gewesen. Das konnte ich nicht zulassen!‘ Was ich da hörte, ließ mir das Blut in den Aden gefrieren. Ihr innerer Ehrgeiz hatte sie in einen völlig anderen Menschen verwandelt. Ich nahm mein Buch vom Tisch und presste es fest an meine Brust. Das, was sie als ‚Schatten‘ bezeichnete, war mein Lebenslicht – und ich würde niemals zulassen, dass es noch einmal jemand auslöscht.
Als wir das Büro von Frau Selma verließen, spürte ich noch immer das Zittern in meinen Beinen. Auf dem Korridor hielten Didem und ich inne und atmeten einmal tief durch. Frau Selma war im Zimmer zurückgeblieben; sie hatte angekündigt, die Familien von Mehtap und Sude anzurufen und den Vorfall vor den Disziplinarausschuss zu bringen. Ich hielt mein Buch so fest umschlungen, als hätte ich Angst, es augenblicklich wieder zu verlieren. Didem fragte: ‚Hast du das gesehen, Mısra?‘ Ihre Stimme war noch immer voller Zorn. ‚Erfolg macht manche Menschen eben blind. Aber siehst du, die Wahrheit hat am Ende gesiegt.‘ In jenem Augenblick empfand ich nur Mitleid für Mehtap; es machte mich traurig, dass sie so verzweifelt war zu glauben, sie könne meinen Erfolg stehlen, indem sie ein Buch entwendete. Als wir ins Klassenzimmer zurückkehrten, hatten sich die Gerüchte bereits wie ein Lauffeuer verbreitet. Jeder brannte vor Neugier, was geschehen war. Auch Herr Bülent war bereits über die Situation im Bilde. Zu Beginn der Stunde kam er zu mir und sagte: ‚Mısra, was du durchgemacht hast, war sehr schwer, aber ich bin froh, dass du dein Buch zurückhast und standhaft geblieben bist. Nun möchte ich, dass du all diese Energie in unser Projekt fließen lässt.‘ An jenem Tag wurde in der Klasse nicht nur unterrichtet; wir hatten in Wahrheit die Prüfung der Ehrlichkeit und der Freundschaft bestanden. Als ich nach der Schule mit meiner Tante telefonierte, klang meine Stimme kräftiger denn je. ‚Tante, alles hat sich zum Guten gewandt‘, sagte ich. ‚Meine Worte sind nach Hause zurückgekehrt.‘ Nun gab es keine Angst mehr, es war an der Zeit, sich ganz auf den bevorstehenden großen Tag zu konzentrieren.
Als ich mich an jenem Abend in mein Zimmer zurückzog, legte ich mein Buch an seinen sichersten Platz auf meinem Schreibtisch. Während ich vor das Fenster trat und beobachtete, wie sich die Bäume draußen sanft im Wind wiegten, stieg in meinem Geist eine Welle der Reue auf. Als mein Buch verschwunden war, hatte ich meine Gedichte mit meinem Vater verglichen; ich hatte geglaubt, auch sie hätten mich verlassen. ‚Habe ich meine Gedichte zu Unrecht beschuldigt?‘, flüsterte ich in die Dunkelheit. Sie hatten mich nicht verlassen; im Gegenteil, ich hatte ihnen nicht genug vertraut. Ich schwor jenen Worten, die ich mit meinen eigenen Händen geschrieben hatte und die in jeder Zeile die Spuren meiner Seele trugen, sie nie wieder zu verraten. Sie waren nicht die Stimme derer, die wie mein Vater gegangen waren, sondern die Stimme derer, die bei mir blieben und mich heilten. Bei jeder Berührung jener frischen Seiten unter meinen Fingerspitzen erfüllte mich eine unbeschreibliche Freude. Doch es gab etwas, das noch größer war als diese Freude: Didem. Ohne sie, ohne ihren wahnsinnigen Mut und ihren unerschütterlichen Glauben, würde ich vielleicht noch immer im Dunkeln weinen. Ich fühlte mich als der glücklichste Mensch der Welt, eine Freundin wie Didem zu haben. Sie hatte nicht nur meine Geheimnisse, sondern auch meine Hoffnung bewahrt. Morgen würde ein neuer Tag beginnen, und ich vertraue nun sowohl mir selbst als auch meiner Freundin, die mich niemals allein lässt, mehr denn je.
Am nächsten Morgen gingen wir weitaus fröhlicher als sonst zur Schule. Während wir in der Pause in der Kantine unsere Toasts aßen, erinnerte sich Didem plötzlich an die Ereignisse jenes Tages und begann schallend zu lachen. ‚Mısra, Cans Gesichtsausdruck, als ich ihn fragte: ‚Magst du Mathematik?‘, werde ich mein Leben lang nicht vergessen!‘, sagte sie unter Gelächter. Genau in diesem Moment betrat Can die Kantine; als er uns sah und bemerkte, wie Didem ihre Hand in Richtung ihrer Tasche bewegte, drehte er sich augenblicklich um und ergriff die Flucht, als würde ihn ein Riese verfolgen. Wir lachten minutenlang über seine furchterfüllte Reaktion. Von nun an änderte Can jedes Mal seinen Weg, wenn er Didem sah; das Mathematikbuch war für ihn zum schlimmsten Albtraum geworden.
Da an jenem Tag eine große Lehrerkonferenz stattfand, wurde die Schule zum Halbtagsunterricht erklärt. Diese Nachricht war für uns eine unverhoffte Gelegenheit. ‚Komm‘, sagte Didem, ‚verlieren wir keine Zeit, wir müssen dem Projekt den letzten Schliff geben.‘ Sofort eilten wir zu mir nach Hause und kehrten in unser kleines Atelier auf dem Balkon zurück. Der Tisch war wie immer übersät mit bunten Papieren, Stiften und Bändern. Die TÜBİTAK-Ausstellung rückte immer näher, und während wir jede einzelne Gedichtrolle mit größter Sorgfalt vorbereiteten, merkten wir kaum, wie die Zeit verging. Es tat uns beiden unglaublich gut, der angespannten Atmosphäre der Schule zu entfliehen und nur mit unseren Träumen und unserem Schaffen allein zu sein.
Nach der Schule eilten Didem und ich förmlich nach Hause. Wir räumten meinen Schreibtisch komplett leer und begannen, jenen großen Traum, an dem wir wochenlang gearbeitet hatten, dort Gestalt annehmen zu lassen. In die Mitte des Tisches stellte ich voller Stolz mein Buch. Drumherum ordneten wir buntes Papier an, das mit eleganten Schleifen gebunden war; auf diesen Papieren standen die Kurzbiografien und unvergesslichen Werke jener großen Dichter, die mir als Inspiration dienten. Jene winzigen Glasfläschchen mit den darin verborgenen Gedichtrollen, die Didem vorbereitet hatte, verliehen dem Tisch eine märchenhafte Aura. Mein Schreibtisch war nun nicht mehr bloß ein Arbeitsplatz, sondern eine lebendige Miniatur-Bibliothek. Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, rief ich aufgeregt: ‚Mama, Tante, Mert! Kommt schnell her!‘ Als sie alle in den Raum stürmten, war der Ausdruck in ihren Gesichtern jede Mühe wert. Meine Mutter trat an den Tisch, nahm mit zitternden Händen eines der Fläschchen und sagte: ‚So etwas Schönes hätte ich mir nicht träumen lassen, in jedem Detail liegt deine Seele, meine Tochter.‘ Meine Tante untersuchte jedes Blatt Papier aufmerksam und fügte hinzu: ‚Die Lehrer, die für das Projekt verantwortlich sind, werden begeistert sein, Mısra! Das ist nicht bloß eine Hausaufgabe, es ist ein Kunstwerk, das Masche für Masche mit tiefer Hingabe erschaffen wurde.‘ Sogar Mert betrachtete den Tisch schweigend, bevor er stolz verkündete: ‚Schwester, das ist wirklich verdammt cool geworden.‘ Dann versammelten wir uns alle um den Tisch; Mert holte sein Handy heraus und machte ein Foto, um diesen Moment des Sieges zu verewigen. Auf jenem Bild lächelten nicht nur wir, sondern auch unsere Träume.
Am nächsten Tag in der Schule brannte ich darauf, jenes wunderschöne Foto zu zeigen, das Mert aufgenommen hatte. In der Pause suchten wir Herrn Bülent und die anderen für das Projekt zuständigen Lehrer auf. Als sie das Foto sahen, breitete sich auf all ihren Gesichtern ein breites Lächeln aus. Einer der verantwortlichen Lehrer sagte voller Begeisterung: ‚Mısra, ihr habt da wirklich großartige Arbeit geleistet! Du, Didem und ein paar eurer Freunde solltet diese Ausstellung im Mai im Schulgarten aufbauen. Ich bin mir sicher, das wird einer jener Orte sein, die unsere Schule so besonders machen.‘ Diese Anerkennung erfüllte uns mit tiefer Glückseligkeit. Kaum waren wir ins Klassenzimmer zurückgekehrt, übernahm Didem sofort die Koordination und ging zu unseren anderen Mitschülern, um zu besprechen, wer uns helfen könnte. In diesem Moment trat Can an meinen Tisch. ‚Ich möchte auch helfen‘, sagte er mit leiser Stimme. Voller Erstaunen entgegnete ich: ‚Warum, Can? Ich dachte, du interessierst dich nicht sonderlich für Gedichte.‘ Can blickte zu Didem, die in der Ferne mit unseren Freunden sprach, und lächelte sanft: ‚Es geht mir nicht um das Projekt, Mısra, sondern um Didem. Ich wäre dir dankbar, wenn das unter uns bliebe.‘ Angesichts dieses ehrlichen Geständnisses blieb mir förmlich der Mund offen stehen! Sobald Can sich entfernt hatte, eilte ich sofort zu Didem und zog sie beiseite. In einem Atemzug erzählte ich ihr alles, was Can gesagt hatte. Didem schien keineswegs überrascht zu sein; ein verschmitztes, spielerisches Lächeln zeichnete sich in ihren Mundwinkeln ab. ‚Sicher, er soll ruhig helfen‘, sagte Didem. ‚Er kann uns beim Tragen der schweren Kisten nützlich sein, und wir werden dabei sicher unseren Spaß haben!‘ An Didems schelmischem Blick erkannte ich sofort, dass Can es in nächster Zeit wohl nicht allzu leicht haben würde.
Endlich war jene ersehnte, große Woche angebrochen! Da die TÜBİTAK-Woche begonnen hatte, ruhte der reguläre Unterricht, und die Korridore sowie der Schulgarten hatten sich in einen lebhaften Festplatz verwandelt. Jeder war in eine emsige Geschäftigkeit vertieft, um sein eigenes Projekt vorzubereiten. Am Vorabend hatten wir gemeinsam mit meiner Mutter und Mert all die Dekorationen, jene winzigen Fläschchen und die Biografiekarten mit größter Sorgfalt in Kartons gebettet. Didems Haus lag gleich am Anfang unserer Straße; wir trafen uns in den frühen Morgenstunden vor der Tür. Wir beide hielten riesige Kartons in den Armen; in unseren Gesichtern lag eine müde, aber dennoch strahlende Freude. Während wir zur Schule schritten, spürten wir nicht einmal das schwere Gewicht der Pakete. Meine Tante war ebenso aufgeregt wie wir, doch leider konnte sie uns heute nicht begleiten. Als alleinstehende und karrierefokussierte Frau hatte sie ausgerechnet heute ein überaus wichtiges Vorstellungsgespräch. ‚Es tut mir so leid, dass ich nicht kommen kann, Mısra, aber mein Herz ist bei dir. Vergiss bloß nicht, Fotos zu machen!‘, rief sie mir zum Abschied zu. Als Didem und ich den Schulgarten betraten, erblickten wir jene wunderschöne Ecke, in der der Wind sanft wehte. ‚Genau hier ist es‘, sagte Didem, während sie ihren Karton abstellte, sich den Schweiß von der Stirn wischte und hinzufügte: ‚Hier werden wir das Königreich deiner Worte errichten.‘ Zu wissen, dass Can ebenfalls bald hier sein würde, ließ jenes verschmitzte Funkeln in Didems Augen nur noch heller erstrahlen.
Als wir im Garten ankamen, war Can bereits vor Ort; er hatte sich die Ärmel hochgekrempelt und wartete auf uns. Didem, sichtlich erleichtert darüber, selbst nichts tragen zu müssen, begann sofort damit, Kommandos zu erteilen: ‚Can, du musst jenen Tisch vom Ende des Korridors hierher tragen, beeil dich ein wenig! Die Zeit rennt uns davon.‘ Obwohl Can den Tisch schleppte und dabei sichtlich ins Schwitzen geriet, tat er ohne Zögern alles, was Didem verlangte. Er schien eine gewisse Scheu vor ihr zu haben, doch gleichzeitig versuchte er, ihr Herz durch seinen unermüdlichen Einsatz zu gewinnen. ‚Schon gut, Didem, ich komme ja! Der Tisch ist verdammt schwer, aber ich krieg das hin‘, antwortete er völlig außer Atem. Es kostete mich größte Mühe, nicht laut loszulachen, während ich ihre kleinen Reibereien beobachtete. Schließlich stand der Tisch an seinem Platz, und wir begannen gemeinsam, die Kartons zu öffnen und alles zu dekorieren.
Genau in diesem Moment betrat unsere enge Freundin Betül, die Didem zur Hilfe gerufen hatte, mit einem riesigen Strauß strahlend weißer Rosen den Garten. ‚Hallo zusammen! Mısra, was hältst du davon, diese Rosen auf den Ausstellungstisch zu stellen? Ich dachte, sie passen perfekt zur Reinheit deiner Gedichte‘, sagte sie. Jeder wusste um meine Liebe zu Blumen, insbesondere zu weißen Rosen; meine Augen leuchteten augenblicklich auf. ‚Betül, du bist großartig! Ich nehme sie nur zu gerne an‘, sagte ich, nahm die Rosen entgegen und platzierte sie an der schönsten Ecke des Tisches, direkt neben meinem Buch. Als die weißen Rosen mit den Bändern, den winzigen Fläschchen und den Lebensgeschichten der alten Dichter verschmolzen, wurde unser Tisch zur attraktivsten Ecke der ganzen Schule. Endlich war alles bereit; jene kleine Welt, die wir erschaffen hatten, erstrahlte hell im Garten der Schule.
Einen Tag bevor die Ausstellung für die gesamte Schule und die Eltern eröffnet werden sollte, erhielten wir einen völlig unerwarteten Anruf. Mein Vater wollte Mert und mich treffen. Mert stimmte mit jener kindlichen Sehnsucht nach seinem Vater sofort zu; ich hingegen wollte nicht gehen, doch den beharrlichen Bitten meines Vaters und Merts flehendem Blick konnte ich letztlich nicht widerstehen. Da ich wusste, dass am nächsten Tag ohnehin kein Unterricht stattfinden würde und unsere Ausstellungs-Ecke bereits fertig vorbereitet war, ging ich an jenem Tag nicht zur Schule. Stattdessen begaben wir uns früh am Morgen mit Mert zu jenem kleinen Café, in dem mein Vater wartete. Sobald Mert meinen Vater erblickte, umarmte er ihn mit großer Begeisterung. Ich hingegen sagte nur aus der Ferne ein kühles ‚Hallo‘ und ließ mich auf einen der harten Stühle in der Ecke sinken. Mein Vater streichelte Mert über das Haar und sagte: ‚Soll ich dir deinen liebsten Erdbeer-Milkshake bestellen, mein Löwe?‘ Mert stimmte freudig zu. Dann wandte sich mein Vater mir zu; doch jenes Leuchten in seinem Blick war erloschen. ‚Was willst du... oder was magst du eigentlich?‘, fragte er. Mir schnürte es die Kehle zu. Mein Vater wusste nicht einmal, was ich liebte. ‚Nur Wasser‘, sagte ich mit heiserer Stimme. Irgendwann kam das Gespräch durch Merts Aufregung auf die große Ausstellung von morgen. Mit wild gestikulierenden Händen erzählte Mert, welch wunderbare Gedichte ich schrieb und berichtete von meinem großen Buch. Mein Vater lächelte mit einem leichten Spott, während er Mert zuhörte. Dann wandte er seinen Blick mir zu und sagte in einem gleichgültigen Tonfall: ‚Beschäftigst du dich immer noch mit solch kindischen Dingen, Mısra?‘ Er fügte hinzu: ‚Vom Gedichte-Kritzeln wird man nicht satt.‘ In jenem Moment fühlte es sich an, als würde sich ein schwerer Stein mitten auf mein Herz legen.
Meine Mühen, die für Didem, meine Mutter und meine Tante geradezu heilig waren, galten in den Augen meines Vaters lediglich als eine ‚Kinderei‘. Er nahm einen Schluck aus seinem Glas, sah mir direkt in die Augen und stellte jene brennende Frage: ‚Sag mal, Mısra, erinnerst du dich eigentlich an deinen siebten Geburtstag?‘ Mit dieser Frage riss in meinem Geist ein dunkler Vorhang auf; ich kehrte zurück an jene vergiftete Tafel meines siebten Geburtstags. Während meine Mutter aufgeregt den Kuchen anschnitt, war mein Vater plötzlich aufgestanden und hatte mit einer Stimme wie Eis gesagt: ‚Glaubst du etwa, du seist wertvoll? Denkst du wirklich, wir hätten diese ganzen Vorbereitungen nur für dich getroffen?‘ Während meine Mutter noch versuchte, ihn zurückzuhalten, hatte er jenen Satz herausgeschleudert, der mein kindliches Herz in tausend Stücke riss: ‚Du bist nichts weiter als der Fehler meines Lebens und meine größte Schande!‘ An jenem Tag war meine Mutter zum ersten Mal derart stark geblieben und hatte meinen Vater aus dem Haus geworfen. Mein Vater wollte Mert, der damals noch ein Baby war, mitnehmen, doch meine Mutter hatte es nicht zugelassen. Mein Geburtstag war der erste Tag, an dem sie den Weg in Richtung ihrer Scheidung einschlugen.
Dieser Mann, der mir nun gegenübersaß, blickte mir mit demselben Hass direkt in die Augen und sagte: ‚Bist du immer noch jenes erbärmliche Kind, das sich einbildet, wertvoll zu sein?‘ Mert, der neben uns saß, war fassungslos über das, was er hören musste; während er jene einsame Träne betrachtete, die über die Wange seiner Schwester rollte, begegnete er zum ersten Mal dem wahren Gesicht seines Vaters. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und stand aufrecht da. ‚Und was ist mit dir?‘, fragte ich mit einer Stimme, die nicht zittern durfte. ‚Bist du immer noch jener Mann, der zum Mörder meiner Kindheit wurde?‘ Mein Vater hatte mit dieser Antwort nicht gerechnet; er erstarrte förmlich. Ich wischte mir die Tränen weg und fuhr fort: ‚Konntest du nicht wenigstens für einen einzigen Tag so tun, als seist du mein Vater? Hast du mich nur hierher gerufen, um mir wehzutun?‘ Ich nahm Mert fest an die Hand und stand auf, um mich von jenem Tisch, von jenem Mann und von jener Vergangenheit für immer und ewig zu entfernen.
Mein Vater Onur hatte mich seit dem Tag meiner Geburt niemals geliebt. Er war nur mit meiner Mutter verheiratet geblieben, um einen Sohn zu haben, und hatte jahrelang das Theaterstück des ‚guten Vaters‘ inszeniert. Doch an jenem siebten Geburtstag war seine innere, finstere Wut übergeschwappt, als er die Vorbereitungen sah, die nur für mich getroffen worden waren, und den Wert spürte, den man mir beimaß. Nach der Scheidung hatte er nur noch Kontakt zu Mert gehalten und mich stets nur zu sich gerufen, um mir Schmerz zuzufügen. Damit Mert nicht ohne Vater aufwachsen musste, hatte ich all die Jahre geschwiegen; ich hatte jede Demütigung stumm hinuntergeschluckt. Doch heute hatte der Hochmut meines Vaters meine Geduld endgültig besiegt. Als er mich in Merts Gegenwart erneut herabsetzte, zerbrach jener Schutzschild, den ich um uns errichtet hatte, in tausend Stücke. Während Mert und ich das Café verließen, ließen wir einen innerlich zerstörten, aber noch immer hasserfüllten Mann hinter uns zurück. Ich wusste, dass mein Vater, während er dort am Tisch saß, mir die Schuld gab und in Wahrheit nur um Mert trauerte. In seiner Welt hatte ich ohnehin nie existiert; wie hätte mein Verlust für ihn also von Bedeutung sein können? Mert hingegen zitterte noch immer am ganzen Körper, als wir ins Freie traten. ‚Abla‘, sagte er mit einer Stimme, die dem Weinen nahe war, ‚warum hast du mir das all die Jahre nicht gesagt?‘ Mert hatte begriffen, dass unser Vater nicht nur der Mörder meiner, sondern auch seiner Unschuld war. Jenes jahrelange, falsche Theaterstück vom ‚guten Vater‘ hatte mit einer einzigen Beleidigung sein Ende gefunden. Nun gab es nur noch uns beide; und mit der schweren Last der Freiheit, die uns die Befreiung von jenem falschen väterlichen Gewicht schenkte, schritten wir nach Hause, unserer Zuflucht entgegen.
Als wir zu Hause ankamen, war meine Mutter in der Küche; damit sie das Zittern in unseren Stimmen nicht bemerkte, gingen wir sofort in Merts Zimmer, ohne ihr in die Augen zu blicken. Um sie nicht zu betrüben, hatten wir schweigend beschlossen, ihr diese schmerzvolle Geschichte nicht noch einmal zu erzählen. Wir legten uns auf Merts Bett, und ich murmelte ihm eines jener Märchen vor, die ich ihm schon als Kind erzählt hatte. Währenddessen konnte ich aus dem Nebenzimmer hören, wie meine Mutter mit meiner Tante telefonierte und wie voller Vorfreude sie auf die morgige Ausstellung war. Mert, erschöpft von der Last des erlittenen Schocks, schlief mitten in meinem Märchen ein. Ich deckte ihn behutsam zu und ging in mein eigenes Zimmer. In dem Augenblick, als ich die Tür schloss, brach jene gewaltige Last in meiner Brust hervor. Um niemanden zu wecken und niemanden zu verletzen, vergrub ich mein Gesicht im Kissen; ich erstickte meine Schluchzer in der Weichheit des Stoffes und weinte. So hatte ich es jahrelang getan; wann immer meine Seele brannte, weinte ich lautlos und unterdrückte meine Stimme.
Als meine Tränen versiegten, waren Stunden vergangen, doch der Schlaf blieb mir fern. In meinem Geist tauchte jener berühmte Satz auf, den ich im Internet gelesen hatte: ‚Mädchen verlieben sich in ihre Väter, und Väter sind die erste Liebe ihrer Töchter.‘ Während ich die dunkle Decke anstarrte, breitete sich ein bitteres Lächeln auf meinem Gesicht aus. ‚Ich war niemals eines jener Mädchen‘, flüsterte ich. Meine erste Liebe waren meine Gedichte, die mich niemals verließen. Ich war nicht in einen Menschen verliebt, sondern in die Tiefe der Gefühle und die heilende Kraft der Worte. Den Wert, den mir mein Vater versagte, hatte ich in meinen eigenen Versen gefunden. Gegen Morgen, als der Sturm in meiner Seele einer erschöpften Stille wich, flüchtete ich mich in den Gedanken an den großen morgigen Tag und schlief endlich ein.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch mein Fenster drangen. Obwohl ich in der Nacht kaum ein Auge zugetan hatte, fühlte ich mich seltsam leicht, als hätte ich eine jahrelange Last am Tisch jenes Cafés zurückgelassen. Ich wusch mein Gesicht und betrachtete mich im Spiegel; meine Augen waren zwar noch ein wenig gerötet, doch in ihnen lag ein neuer Glanz — die Entschlossenheit einer Frau, die ihre eigene Geschichte schreibt. Ich weckte Mert mit einem sanften Kuss auf die Stirn. ‚Komm schon, kleiner Held‘, flüsterte ich, ‚heute ist der Tag, an dem unsere Worte fliegen lernen.‘ Meine Mutter hatte bereits das Frühstück vorbereitet; der Duft von frischem Tee und Gebäck erfüllte das Haus und schenkte uns jene Geborgenheit, die uns gestern so gefehlt hatte. Wir sprachen nicht über das Treffen mit Onur; es war, als existierte dieser Name in unserem Zuhause nicht mehr. Als ich mein Buch und die restlichen Materialien für die Ausstellung an mich nahm, spürte ich ein tiefes Vertrauen in mich selbst. In der Schule angekommen, erwartete uns bereits jener Garten, den wir gestern mit Didem und Can in ein kleines Paradies verwandelt hatten. Die weißen Rosen auf dem Tisch schienen im Morgentau noch heller zu strahlen. Didem rannte auf mich zu, ihre Augen funkelten vor Aufregung. ‚Bist du bereit, Mısra?‘, fragte sie und drückte fest meine Hand. Ich blickte auf mein Buch, auf meine mühsam gewebten Verse und dann in den klaren Himmel. ‚Ich bin mehr als bereit‘, antwortete ich. Heute würde nicht nur meine Kunst, sondern auch meine Seele vor der ganzen Welt Zeugnis ablegen.
Während Didem wie gewohnt Can neckte und ihn ordentlich ins Schwitzen brachte, begrüßte ich Betül und tauchte in die lebendige Atmosphäre des Gartens ein. Beim Rundgang zwischen den anderen Tischen verloren wir uns zwischen komplexen mathematischen Formeln, Fermentationsbeispielen und tiefgründigen philosophischen Schautafeln. Die diesjährige TÜBİTAK-Ausstellung war wahrlich reich an Inhalten; der Garten war überfüllt mit Lehrern, pflichtbewussten Eltern und erwartungsvollen Schülern. Als der Beginn der Ausstellung verkündet wurde, suchte ich sogleich Herrn Bülent auf und lud ihn an unseren Tisch ein. Meine Augen waren nur auf ihn gerichtet; die Kommentare der anderen Lehrer drangen nur wie ein fernes Rauschen an mein Ohr. Als Herr Bülent unseren Tisch und mein Buch betrachtete, erstrahlte in seinen Augen ein solch tiefer Stolz, dass ich mich augenblicklich an jene hasserfüllten, herablassenden Blicke meines Vaters im Café erinnerte. Der tiefe Abgrund zwischen jenem Hass und diesem Stolz ließ mein Herz schmerzlich erzittern; eine einzelne Träne stahl sich aus meinem Auge, doch ich wischte sie hastig fort, bevor sie jemand bemerken konnte.
In diesem Moment bemerkte ich jemanden in der Menge. Er glich weder einem Schüler noch einem Lehrer. Er wich keinen Augenblick von unserem Tisch und betrachtete mich, als würde er bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele blicken. In seinen Augen lag eine seltsame Vertrautheit; es war, als kannte er all meinen Schmerz, jedes meiner Schluchzen und jede Zeile, die ich bisher geschrieben hatte. Für einen Moment schien es, als gehöre er nicht in dieses Märchen, sondern sei von einem fernen Ort außerhalb unserer Welt gekommen. Am Ende der Ausstellung trat dieser Fremde auf mich zu und umarmte mich wortlos und fest. ‚Ich gratuliere dir, du hast es geschafft‘, flüsterte er mir zu. Ich war fassungslos; noch bevor ich fragen konnte, wer er sei, verschwand er in der Menge. Er war so geheimnisvoll, dass mein Geist Mühe hatte, ihn als eine reale Erinnerung festzuhalten; es war, als wäre dieser Fremde niemals dagewesen, und so vergaß ich ihn innerhalb von Sekunden. Doch das Gefühl jener herzlichen Umarmung hatte die Kälte, die mein Vater hinterlassen hatte, vollkommen hinweggefegt.
Während die süße Erschöpfung der Ausstellung noch auf uns lastete, sehnten wir den Abend herbei. Als es schließlich dunkel wurde, flüchteten meine Mutter, meine Tante, Didem und ich in jene vertraute Festung — unser liebstes Café. Die Energie am Tisch war so hoch, dass die schweren Szenen, die ich erst gestern erlebt hatte, wie Jahre zurückliegend erschienen. Mit leuchtenden Augen verkündete meine Tante die frohe Botschaft: ‚Mädchen, mein Vorstellungsgespräch bei jener großen Firma lief fantastisch, und ich wurde heute eingestellt!‘ Diese Nachricht versetzte uns alle in helle Begeisterung. Als sich der Erfolg meiner Tante mit unserem Stolz auf die Ausstellung vereinte, verwandelte sich das Café förmlich in einen Ort des Feierns. Meine Mutter betrachtete uns mit einem Frieden im Gesicht, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, und sagte: ‚Heute feiern wir nicht nur ein Projekt oder einen Job, wir feiern unsere Verbundenheit zueinander. Ihr habt einmal mehr bewiesen, dass wir gemeinsam alles erreichen können.‘ Während Didem aufgeregt von den komischen Momenten der Ausstellung erzählte und davon berichtete, wie Can den Tisch wie ein treuer Soldat bewacht hatte, vermischte sich unser Lachen in der Luft. Meine Tante hielt meine Hand und flüsterte: ‚Mısra, deine Feder hat heute die Herzen vieler Menschen berührt. Das ist erst der Anfang.‘ An jenem Abend in diesem Café feierten wir nicht nur unsere Erfolge, sondern auch die Freundschaft, die Mühe und die Kraft einer Familie, die aus ihrer eigenen Asche neu erstanden war. Das Fehlen meines Vaters war nun keine Leere mehr, sondern ein Symbol unserer Freiheit.
Nachdem die Ausstellung vorüber war, wich die geschäftige Unruhe der Schule einer eher verhaltenen Gangart. Der reguläre Unterricht hatte wieder begonnen, doch in unseren Köpfen hallte nur ein einziger Gedanke wider: Das unerbittliche Vergehen der Zeit. Diese wenigen Wochen gehörten zu den seltsamsten Phasen meines Lebens. Can machte aus seiner beschützenden Haltung, die er während der gesamten Ausstellung an den Tag gelegt hatte, kein Geheimnis mehr. Jene Anziehungskraft zwischen ihm und Didem war an unserem Tisch in der Schulkantine fast greifbar geworden. Auf jede von Didems neckischen Scherzen antwortete Can mit einem schüchternen, aber herzlichen Lächeln, während Didem ihn mit ihrem gewohnt verschmitzten Funkeln in den Augen sanft herausforderte. Es wärmte mir das Herz, sie einander so nah zu sehen, doch gleichzeitig wuchs in meinem Inneren ein stechender Schmerz.
Ob im Schulgarten, in der Kantine oder in der Bibliothek – wenn wir zu dritt Zeit verbrachten, fehlte es nie an Gelächter. Doch wann immer Stille einkehrte, senkten wir alle unsere Blicke zu Boden. Denn wir wussten: Diese Witze, die gemeinsam geteilten Sesamringe und unsere Schritte in den Korridoren der Schule waren gezählt. Der Tag, an dem Didem nach Antalya ziehen würde, rückte auf dem Kalender wie ein riesiger schwarzer Fleck immer näher. Manchmal sah Can Didem auf eine Weise an, als wollte er sie mit seinen Blicken für immer hier festschmieden. Ich wiederum versuchte, jeden Augenblick dieser letzten Wochen – mit meiner besten Freundin auf der einen und unserem treuen Kameraden auf der anderen Seite – tief in mein Gedächtnis einzugraben. Die Frage ‚Kannst du nicht doch bleiben?‘ lag mir ständig auf der Zunge, doch ich schwieg, um Didems fröhliche Art, mit der sie so tat, als würde sie niemals fortgehen, nicht zu zerstören.
Als das Wochenende kam, suchten wir Zuflucht am Ufer des Meeres, beim beruhigenden Rauschen der Wellen. Der Himmel war an jenem Tag grauer als je zuvor. Während Didem einen Stein ins Meer schleuderte, ließ sie zum ersten Mal ihre Maske fallen. ‚Weißt du, Mısra‘, sagte sie mit bebender Stimme, ‚ich hasse es, fortzugehen. Selbst die Sonne von Antalya wird niemals jene regnerischen Wege ersetzen können, die ich mit dir gemeinsam gegangen bin.‘ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Doch sie holte tief Luft, wandte sich mir zu und ergriff meine Hände: ‚Aber lass uns versprechen: Wir werden diese letzten Tage nicht mit Weinen, sondern mit den schönsten Erinnerungen beenden. Wir werden uns nicht an den Tag meines Abschieds erinnern, sondern an die Tage, die uns noch bleiben.‘ Ich schwieg und nickte nur. Wir vertagten unseren Schmerz, indem wir uns gegenseitig dieses Versprechen gaben.
Am Abend trafen wir uns bei Didem zu Hause. Wir kauften unsere liebsten Knabbereien, kuschelten uns unter eine Decke und schalteten eine alte Komödie ein. Während unser Gelächter den Raum erfüllte, schien alles ganz normal zu sein. Doch als der Film endete und wir uns ins Bett legten, blinzelte mir die Wahrheit aus der Dunkelheit entgegen. Mein Blick blieb an den Kartons unter dem Bett und den leeren Regalen in der Bibliothek hängen. Die Seele des Zimmers war nach und nach eingepackt worden. Didems Zuhause, jene Zuflucht, die wir uns geteilt hatten, hatte sich nun in eine Durchgangsstation verwandelt. Mein Herz krampfte sich zusammen; ich wollte beim Anblick dieser leeren Kartons laut schluchzend weinen. Doch als ich zu Didem blickte, bemerkte ich, dass auch sie ihre Augen fest an die Decke geheftet hatte, um jene Kartons nicht sehen zu müssen. Ich hielt mein Versprechen; ich schluckte den Kummer hinunter, lächelte und umarmte sie fester, ohne ein einziges Wort zu sagen.
Am Sonntagmorgen erwachte ich trotz des strahlenden Sonnenlichts, das in das Haus drang, mit einer Schwere im Inneren, die einfach nicht weichen wollte. Am Frühstückstisch saßen meine Mutter, Mert und ich an unseren gewohnten Plätzen, doch die übliche Heiterkeit war einer beunruhigenden Stille gewichen. Während der Dampf des Tees in der Luft schwebte, legte sich die Gewissheit von Didems bevorstehendem Abschied erneut wie ein zentnerschwerer Stein auf mein Herz. ‚Didem wird bald gehen, der Countdown hat bereits begonnen‘, flüsterte ich, während ich geistesabwesend mit den Oliven auf meinem Teller spielte. Als meine Mutter das Zittern in meiner Stimme hörte, griff sie sanft nach meiner Hand; Mert hingegen kam wortlos auf mich zu und umarmte mich fest. Sie teilten meinen Schmerz nicht nur mit Worten, sondern schenkten mir durch ihre bloße, warme Gegenwart Trost.
Nach dem Frühstück zog ich mich aus dem lebendigen Trubel des Hauses in mein Zimmer, mein eigenes Refugium, zurück. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren, um meine Gedanken zu zerstreuen; doch bei jeder Bewegung schien meine Feder Didems Namen schreiben zu wollen. Einen Augenblick lang hielt ich inne und blickte auf den Kalender; es waren nur noch zwei Wochen. In zwei Wochen würden wir unsere Zeugnisse erhalten. Jener Tag der Zeugnisausgabe, den ich normalerweise wie eine Siegesfeier herbeigesehnt hätte, war nun lediglich der Vorbote von tausenden Kilometern, die sich zwischen Didem und mich drängen würden, und von leisen Abschieden. Es schmerzte mich zutiefst, wie grausam und schnell die Zeit verging – fast so, als wollte sie mir etwas rauben. Ich konnte spüren, wie selbst die Zeilen zwischen meinen Hausaufgaben von dieser tiefen Melancholie ergriffen wurden.
In den Korridoren der Schule, die sich allmählich zu leeren begannen und in deren jeder Ecke eine unserer Erinnerungen wie ein Echo nachhallte, sah ich Didem und Can nebeneinander hergehen. Ihre Schritte waren schwer, und ihr Schweigen war tiefer als je zuvor. Plötzlich hielt Didem inne, holte tief Luft und sprach, während sie Can direkt in die Augen blickte, die unvermeidliche Wahrheit aus: ‚Du weißt es, nicht wahr, Can? Ich gehe... Aber ich werde dich niemals vergessen. Du bist wirklich ein sehr guter Freund.‘ Ihre Stimme war so innig und voller Wehmut, dass sich die Atmosphäre im Korridor schlagartig verdüsterte; ein Wind des Abschieds begann zwischen den beiden zu wehen. Angesichts dieses emotionalen Ausbruchs blitzte in Cans Augen für einen flüchtigen Moment ein tiefer Schmerz auf, doch um Didem nicht noch mehr zu betrüben, setzte er sogleich seine gewohnt heitere Maske wieder auf.
Mit einem vorgetäuschten Ausdruck der Erleichterung erwiderte Can: ‚Mensch! Du verabschiedest dich also endlich von jener Gefahr für dein Leben und von diesem Mathematiklehrbuch, was? Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich sei nicht froh darüber. Dieses Mathebuch zwinkert mir in meinen Träumen immer noch hämisch zu.‘ Didem hielt ob dieser unerwarteten Antwort zunächst überrascht inne, bevor sie Can mit ihrem berühmten, verschmitzten Lächeln einen kräftigen Stoß gegen die Schulter versetzte. ‚Ach, geh doch weg! Wer bist du schon, und was verstehst du schon von einem Mathebuch? Es taugt wenigstens zu etwas!‘, konterte sie schlagfertig. Während ihr gemeinsames Lachen in den leeren Korridoren widerhallte, blieb der große Schmerz, der sich unter diesem heiteren Schlagabtausch verbarg, als ein feiner, stechender Riss in beider Herzen zurück.
Während ich die Tage inständig bat, innezuhalten, vergingen sie, als hätten sie Eile, uns voneinander zu trennen. Endlich war jener gefürchtete Tag der Zeugnisausgabe gekommen. Das Schulgebäude, das wir jahrelang mit unseren Hoffnungen, Enttäuschungen und unserem Gelächter gefüllt hatten, wirkte heute seltsam fremd und leer auf mich. In den Korridoren herrschte nicht jene übliche, freudige Aufregung vor den Ferien; stattdessen lag eine bleierne Schwere in der Luft. Als ich mein Zeugnis in den Händen hielt, empfand ich keinen Stolz über die Noten. Jedes Mal, wenn mein Blick auf Didem fiel, schnürte sich mir die Kehle zu. Wir sprachen kaum; es war, als hätten wir all unsere Worte bereits in jenen vergangenen Wochen aufgebraucht, und nun blieb uns nur noch das schmerzvolle Schweigen. Can stand etwas abseits, seine Hände tief in den Taschen vergraben, und blickte abwechselnd zu Boden und zu Didem. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den ich niemals vergessen würde – eine Mischung aus tiefer Ergebenheit und einem stillen, unterdrückten Abschiedsschmerz. Wir wussten beide, dass dies nicht nur das Ende eines Schuljahres war, sondern das Ende einer Ära, die uns für immer geprägt hatte.
Während ich die Tage inständig bat, innezuhalten, schienen sie geradezu darauf zu brennen, uns voneinander zu trennen. Es erfüllte mich mit Zorn zu sehen, wie die Kalenderblätter so rücksichtslos fielen und wie die Zeit mir Stück für Stück etwas raubte. Da der Vater von Didem versetzt worden war, gab es nun kein Zurück mehr. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, versetzte es mir einen Stich ins Herz zu sehen, wie sich unser warmes Refugium in eine bloße Verladestation verwandelte, in der sich die Kartons turmhoch stapelten. Während ich ihr und ihrer Familie half, die Küchenutensilien in Zeitungspapier einzuwickeln, konnte ich auf Didems Schultern jene stille Ergebenheit spüren. Nun war alles bereit; zurück blieben nur leere Wände und traurige Erinnerungen.
Wenn ich dieses Tempo schon nicht verlangsamen konnte, so musste ich wenigstens jene Augenblicke einfrieren. Am Abend schloss ich mich in mein Zimmer ein und ließ alle Fotos entwickeln, die ich mit Didem zusammen hatte. Vom ersten Schultag bis zu unserem gemeinsamen Moment auf der Ausstellung hielt ich jede einzelne Aufnahme in den Händen. Ich ordnete sie sorgfältig in eine elegante Mappe ein, um sie ihr am Tag der Zeugnisausgabe zu überreichen. Diese Mappe bestand nicht nur aus Papier; ich hatte unsere gesamte Kindheit und unsere unerschütterliche Verbundenheit hineingelegt. Wenn in zwei Wochen der große Tag käme, würde ich ihr nicht nur ein Zeugnis überreichen, sondern ein Stück meines Herzens.
Als der Tag der Zeugnisausgabe kam, schien selbst der Himmel bereit, gemeinsam mit uns zu weinen. Im Garten der Schule, der einst so voller Lebensfreude und Gelächter war, standen Didem und ich ein letztes Mal beieinander und machten unsere letzten Fotos. Wir versuchten zu lächeln, doch jene tiefe Schwermut war in jede einzelne Aufnahme gesickert. Didem verabschiedete sich auch kurz von Can; der scherzhafte Can war verschwunden, an seine Stelle war ein stiller, niedergeschlagener Junge getreten. Als die Zeremonie begann, traten wir auf die Bühne, um unsere Auszeichnungen entgegenzunehmen. Während der Applaus anschwoll, hielten wir uns einfach nur an den Händen fest; dieser Erfolg fühlte sich nun vollkommen bedeutungslos an. Nach der Feier wartete das Auto von Didems Familie bereits am Schultor. Als dieser Augenblick kam, brachen wir unter Schmerzen unser Versprechen, das wir uns gegeben hatten: tagelang nicht zu weinen. Wir klammerten uns so fest aneinander, als könnte sie niemals fortgehen, wenn wir uns nur nicht losließen. Unsere Schluchzer vermischten sich mit dem Lärm der Menge. Didem stieg mühsam ins Auto und winkte mir hinter der Scheibe zu, während sie sich entfernte. Ich blieb wie angewurzelt stehen, bis das Auto vollends aus meinem Blickfeld verschwunden war.
Als ich nach Hause zurückkehrte, war die Stille in meinem Zimmer ohrenbetäubend. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, und während meine Tränen auf das Papier tropften, schrieb ich ein letztes Gedicht für Didem; ich erzählte von ihrem Fortgehen, meiner Leere und unserer unendlichen Freundschaft. Ich faltete das Gedicht zusammen und verbarg es in jenem winzigen, bunten Strickmäppchen, das Didem mir vor Jahren mit ihren eigenen Händen gefertigt und geschenkt hatte. Jenes Mäppchen bewahrte nun nicht mehr nur meine Stifte auf, sondern trug den schwersten Schmerz meines Herzens und zugleich meine schönste Erinnerung in sich. An jenem Tag war nicht nur meine beste Freundin gegangen; mit jenem Auto hatte sich auch die Hälfte meiner Kindheit für immer entfernt.
Als die Stille im Haus nach Didems Fortgang wie eine zentnerschwere Last auf mich niederging, wollten meine Mutter und Mert mich von dort wegführen. An jenem Abend besuchten wir gemeinsam meine Tante. Doch selbst der vertraute, beruhigende Duft von Zimt, der ihrem Haus eigen war, vermochte den Sturm in meinem Inneren nicht zu bändigen. Während die anderen sich im Wohnzimmer unterhielten, suchte ich Zuflucht bei meiner Tante. Mich bei ihr auszusprechen und ihr von jenem riesigen Loch zu erzählen, das Didems Abwesenheit in mein Herz gerissen hatte, ließ mich zumindest für einen Moment aufatmen. Meine Tante hielt meine Hände und sagte: ‚Manche Abschiede, Mısra, sind nur der Anfang von noch größeren Wiedersehen.‘ Durch ihre tröstenden Worte beruhigte ich mich ein wenig und fühlte mich geborgener.
Als wir in der Nacht nach Hause zurückkehrten, legte ich mich mit Augen, die vom Weinen und vor Erschöpfung geschwollen waren, ins Bett. Sobald ich in den Schlaf hinüberglitt, fand ich mich auf dem Ausstellungsgelände im Schulgarten wieder. Alles war seltsam, eingehüllt in einen halbtransparenten Nebel. In der Ferne, an jenem Tisch bei meinen Gedichten und meinem Buch, das eigentlich mein Herz war, erschien eine Silhouette; es war jene geheimnisvolle Frau, die ich am Tag der Ausstellung gesehen hatte. Sie machte keinen einzigen Schritt auf mich zu, sondern beobachtete mich nur aus der Ferne mit ihren tiefen, wehmütigen Blicken. In ihren Augen lag etwas, das sie mir sagen wollte, wofür sie jedoch keine Worte fand. Ich wollte auf sie zugehen und laut rufen: ‚Wer bist du?‘, doch meine Stimme verhallte ungehört an den Mauern der Schule. Die Frau lächelte nur sanft, drehte sich wortlos um und verschwand im Nebel. Als ich schweißgebadet aufwachte, hämmerte mein Herz im Takt des Geheimnisses, das in den Blicken jener Frau verborgen lag.
Während ich schweißgebadet aufwachte und in das fahle Licht blickte, das von der Zimmerdecke herabsank, versuchte ich, meinen Herzschlag zu bändigen. Die Blicke jener mysteriösen Frau inmitten des Nebels ruhten noch immer schwer auf mir. Doch dann tauchte aus den Tiefen meines Bewusstseins ein anderes Bild auf; ich hatte sie schon einmal in meinem Traum gesehen. Aber jener Traum war, ganz im Gegenteil zu diesem, weder neblig noch kalt. In jenem Traum war die Frau auf mich zugekommen und hatte mich so warm, so innig umarmt, dass ich von einem Gefühl der Geborgenheit erfüllt worden war, wie ich es in der realen Welt niemals zuvor empfunden hatte. Auf der einen Seite die hüzünvolle Fremde, die mich aus der Ferne beobachtete, auf der anderen jener friedvolle Schoß, der mich mit Zärtlichkeit empfing... Ich richtete mich im Bett auf und blickte aus dem Fenster auf den grauen Morgen. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen: Wenn diese Frau jenseits meiner Träume auch im wirklichen Leben existierte, wie würde sie sich mir gegenüber wohl verhalten? Würde sie mich bei unserer Begegnung wieder mit jenen fernen ve geheimnisvollen Blicken empfangen oder mit jener herzlichen Umarmung, die meine Seele heilte? Während die Realität mit meinen Fantasien verschmolz, fragte ich mich, wer diese Frau wirklich war und warum sie ausgerechnet mit Didems Fortgang in das Zentrum meines Lebens, in meine Träume, gesickert war. Vielleicht versuchte mein Herz, ein fehlendes Stück mit diesem völlig unbekannten Gesicht zu vervollständigen.
Als ich euch fragte, was ein Buch für euch beeindruckend macht, hielt ich dies für eine einfache Frage; ich betrachtete es als eine gewöhnliche Neugierde, die man ohne langes Nachdenken beantworten könnte. Doch jene Frage hat uns bis hierher geführt, ist Seite um Seite gewachsen und in jede Zeile unserer Geschichte gesickert. Nun trete ich mit einer weitaus anderen Frage vor euch. Die Antwort, die ihr auf diese Frage geben werdet, wird nicht nur das Ende von Mısra, sondern das Ende dieser gesamten Geschichte bestimmen; vielleicht wird sie sogar eure eigenen zukünftigen Handlungen und eure Reaktionen gegenüber dem Leben prägen. Manche Fragen werden nicht gestellt, nur um beantwortet zu werden, sondern um einen Weg zu wählen.
Mısra hat in ihren Träumen zwei verschiedene Enden für sich vorbereitet; beide sind so kraftvoll, dass sie ihre eigene Realität sein könnten, und beide sind gleichermaßen geheimnisvoll. Doch für diese Geschichte wird nur ein einziges Ende geschrieben werden, und wenn jener Tag im Mai kommt, wird diese Wahl ganz allein bei euch liegen. Solltet ihr Mısra in jenem nebligen Schulgarten mit dem Geheimnis der mysteriösen Frau zurücklassen, die sie aus der Ferne beobachtet? Oder solltet ihr sie mit dem Frieden jener herzlichen Umarmung zusammenführen, wie in ihrem anderen Traum? Den letzten Satz dieser Geschichte werde nicht ich bilden, sondern ihr. Die Entscheidung, die ihr trefft, wird die letzte Seite des Buches in Mısras Herzen besiegeln.
Ich hatte euch ein Versprechen gegeben, und dieses Versprechen habe ich bereits in aller Stille eingelöst. Jene unter euch, die dieses feine Detail bemerkt haben, sind dem Hauptcharakter im wirklichen Leben bereits begegnet. Diejenigen, die es noch nicht bemerkt haben, können an den Anfang des Buches zurückkehren oder auf jenen berühmten Tag im Mai warten. Wenn ihr bis hierher gelesen habt, so hoffe ich, dass ihr Mısra in euer Herz geschlossen habt. Ich danke euch dafür, dass ihr Teil dieser kleinen Geschichte geworden seid, und spreche euch aus tiefstem Herzen meinen Dank aus.
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Romantik
Was macht ein Buch wahrhaft fesselnd? Ist es die Handlung, der tragende Gedanke oder sind es die Emotionen, die es in uns weckt? Es gibt jene Bücher, deren Geflecht aus Ereignissen uns mitreißt, deren Kernbotschaft uns trifft und deren emotionale Tiefe uns überwältigt. Doch das Besondere an diesem Buch liegt in keinem dieser Aspekte. Sein eigentliches Wesen ist die bevorstehende Begegnung mit dem Protagonisten. Wenn wir lesen, identifizieren wir uns oft mit der Hauptfigur, suchen ihre Nähe. Doch niemals können wir ihr wahrhaftig gegenübertreten oder ein Wort mit ihr wechseln. Glücklicherweise bricht dieses Buch mit jener Gesetzmäßigkeit. An einem Maitag werdet ihr ihm begegnen. Vielleicht werdet ihr auf ihn zugehen und ihn umarmen, vielleicht werdet ihr euch damit begnügen, ihn nur aus der Ferne zu betrachten. Die Entscheidung liegt bei euch.
Während ich in jenem Klassenzimmer mit der hohen Decke saß, in dem der Geruch von Kreide in der Luft hing, schien die Zeit stillzustehen. Die komplexen Formeln, die unser Physiklehrer mit grimmigem Eifer an die Tafel schrieb, waren für mich nichts weiter als bedeutungslose Linien, die auf dem Papier tanzten. Ich besaß jene analytische Begabung, die alle mit Bewunderung betrachteten; ich gehörte zu den erfolgreichsten Schülern der Klasse, war der Zweitbeste der Schule. Doch in jenem Augenblick fühlte ich, wie meine Seele zwischen diesen eiskalten Zahlen und starren Regeln gefangen war und kaum noch atmen konnte. Während ich durch das Fenster dem freien Tanz der Bäume im Wind zusah, keimte in mir ein Traum auf, dem ich noch keinen Namen zu geben wagte und vor dessen Entdeckung ich mich selbst fürchtete. Ich wollte nicht bloß Formeln lösen; ich wollte den geheimen Rhythmus des Lebens und jene Gefühle, die die Menschen nicht in Worte fassen können, auf das Papier bringen. Doch das Etikett des 'erfolgreichen Schülers', das man mir verliehen hatte, lastete wie eine schwere Bürde auf meinen Schultern.
Als die Schule endete, ging ich mit diesem Chaos in meinem Kopf nach Hause. In dem Moment, als ich an die Tür klopfte, begegnete mir jene fröhliche Stimme, die die gesamte Erschöpfung des Tages vergessen ließ. Mein neunjähriger Bruder Mert öffnete die Tür mit einem strahlenden Lächeln. Die Bewunderung, die er für mich empfand, war in seinen Augen deutlich zu lesen; für ihn war ich sowohl seine große Schwester als auch seine Heldin. 'Mısra Ablâ, schau, ich habe ein neues Bild gemalt, wollen wir zusammen spielen?', fragte er und zupfte an meinem Rock. Obwohl mein Herz sich danach sehnte, Zeit mit ihm zu verbringen, flüsterte mir die disziplinierte Stimme in meinem Inneren zu. Ich streichelte ihm sanft über den Kopf, doch mit den Worten 'Ich habe keine Zeit, Mert, ich muss noch viele Hausaufgaben erledigen', zog ich mich in mein Zimmer zurück – in meinen eigenen, stillen Zufluchtsort. Aus der Küche drang der vertraute Duft der Speisen herüber, die meine Mutter zubereitet hatte, doch ich hatte begonnen, mich bereits in den Literaturhausaufgaben auf meinem Schreibtisch zu verlieren.
Am nächsten Tag befanden wir uns im Literaturunterricht. Herr Bülent betrat das Klassenzimmer mit seinen gewohnt würdeviollen Schritten und teilte uns in Gruppen auf. Unsere Aufgabe war ebenso schlicht wie herausfordernd: Wir sollten gemeinsam ein Gedicht verfassen. Während meine Gruppenmitglieder ratlos auf das leere Blatt starrten und sich gegenseitig verständnislos anlächelten, fühlte es sich in meinem Inneren an, als hätten sich die Schleusen eines gewaltigen Dammes geöffnet. Die Zeit verrann unaufhaltsam, und der Lärm im Klassenzimmer schwoll an, doch in meinem Geist fügten sich die Worte in einer stillen Zeremonie zusammen. Ich konnte nicht länger anhalten; mit zitternden Fingern griff ich nach dem Stift und füllte das leere Papier in letzter Minute mit den Farben meiner Seele. Als Herr Bülent zu uns trat und das Blatt in die Hand nahm, hielt er einen Augenblick inne. Seine Augen leuchteten auf, ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, und er las das Gedicht vor der gesamten Klasse vor, wobei er mich mit lobenden Worten überschüttete. In jenem Moment wurde mir mein Brustkorb zu eng für mein klopfendes Herz; ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wahrhaftig 'gesehen'.
Mit diesem Wunder im Herzen und dem Gefühl von flatternden Flügeln in meiner Brust kehrte ich nach Hause zurück. Ich eilte in die Küche zu meiner Mutter, die gerade das Abendessen zubereitete; ich brannte darauf, meine Aufregung mit ihr zu teilen. Doch noch bevor ich meinen ersten Satz beenden konnte, schloss sie mit einem harten Knall den Topfdeckel und wandte sich mir zu. In ihrem Gesicht spiegelte sich nichts als die unendliche Sorge um Prüfungen und die ungewisse Zukunft wider. 'Lass diese brotlosen Künste sein, Mısra', sagte sie, ihre Stimme klang wie eine eiskalte Realität. 'Deine Prüfungen rücken näher, deine einzige Aufgabe ist es, dich darauf zu konzentrieren. Von Lyrik wird man nicht satt.' Die Worte blieben mir im Hals stecken, und meine Begeisterung erlosch wie eine ausgeblasene Kerze. Als ich mich in mein Zimmer zurückzog und mich im Dunkeln auf mein Bett legte, flüsterte ich mir selbst zu: Ich war nie jemand, der geplant hatte zu schreiben, und erst recht gehörte ich nicht zu jenen Kindern, die davon träumten, Dichter zu werden. Doch an jenem Tag konnte ich noch nicht ahnen, wohin mich das einzige Lob meines Lehrers noch führen würde.
In jener Nacht glitt ich, begleitet vom Klappern des Geschirrs aus der Küche und den unbeantworteten Fragen in meinem Kopf, in einen tiefen, unruhigen Schlaf. In meinem Traum fand ich mich an einem nebligen, schier endlosen Hafen wieder. Mein Vater Onur stand auf dem Deck eines gigantischen, weißen Schiffes. Er sah mich an, doch in seinem Blick lag eine Fremdheit, die ich nie zuvor gesehen hatte; eine Distanz, als gehöre er bereits einer vollkommen anderen Welt an. Ich wollte auf ihn zulaufen, seine Hand ergreifen, doch meine Füße rührten sich nicht, als seien sie tief unter der Erde festgenagelt. 'Papa, warum gehst du? Lass mich hier nicht so allein zurück!', schrie ich. Meine Stimme hallte im dichten Nebel wider, doch sie erreichte ihn nicht. Er lächelte nur voller Wehmut, während das Schiff langsam in den Nebelschleiern verschwand und schließlich ganz verloren ging.
Als ich schweißgebadet aufwachte, das Kissen von meinen Tränen genässt, war die Sonne noch nicht aufgegangen. Mein Zimmer war eisig kalt, und die gähnende Leere in meinem Herzen fühlte sich tiefer an als je zuvor. Es gab nur einen Weg, diesen stechenden Schmerz zu lindern: das Schreiben. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch; die alten Regeln der Lyrik, die Herr Bülent im Unterricht erklärt hatte, schienen vergessen, doch die Worte, die aus meiner Seele flossen, fanden von selbst zu einem Rhythmus, zum fernen Klang des alten Versmaßes. Mit zitternden Fingern brachte ich jene Zeilen zu Papier:
Verschlossen bleibt das Herz den vielen, während meine Brust in Flammen steht,
Ein warmes Heim hab’ ich nie gesehen, meine grollende Seele ist von Gram umweht,
In diesem kalten Land glich ich einer Taube, die einsam ihre Kreise zieht,
Gibt es denn keinen Ort für mich? Dass ich dort ruhe und mein Weinen flieht.
Als ich das Gedicht beendet hatte, legte ich den Stift behutsam auf den Tisch. Ich las die Worte in meinem Inneren immer wieder; es war, als würde jede Zeile den Knoten in meiner Seele ein Stück weit lösen. Für einen Augenblick vergaß ich das Fortgehen meines Vaters auf jenem nebligen Schiff, vergaß den schwermütigen Abschied aus meinem Traum. Ich war ganz auf diese neue Welt konzentriert, die zwischen mir und dem Papier entstanden war. Eine unbeschreibliche Erregung stieg in mir auf. Ich faltete das Blatt sorgfältig und verstaute es im geheimsten Fach meiner Tasche. Ich konnte es kaum erwarten, zur Schule zu gehen und Herrn Bülent diese Zeilen zu zeigen. Zum ersten Mal schlug mein Herz nicht vor Angst, sondern vor Hoffnung.
Als ich die Schule erreichte, trug der Himmel noch die graue Benommenheit des Morgens, doch in meinem Inneren waren bereits Sonnen aufgegangen. Den ganzen Unterricht über fühlte es sich an, als würde ich nicht im Klassenzimmer, sondern zwischen den Zeilen leben, die ich selbst geschrieben hatte. Endlich ertönte die Pausenklingel mit ihrem schrillen Ton, und ich sprang förmlich von meinem Platz auf. Ich presste das Papier fest an meine Brust und lief atemlos zum Lehrerzimmer, doch Herr Bülent war nicht dort. Gerade als ich mit einer flüchtigen Enttäuschung umkehren wollte, sah ich ihn am Ende des Korridors. Als ich ihn erreichte, zitterten meine Knie vor Aufregung, und mir blieb fast der Atem weg. Ohne ein Wort hervorbringen zu können, streckte ich ihm mit bebenden Händen das Papier entgegen. Herr Bülent sah erst mich an, dann mit seinem gewohnt würdevollen und gütigen Blick auf das Blatt. Während er das Gedicht las, schien die Zeit für uns langsamer zu fließen. Als seine Augen schwerfällig über die Zeilen wanderten, breitete sich ein tiefer Friede auf seinem Gesicht aus. Er senkte das Papier langsam, sah mir mit seiner vertrauenerweckenden Stimme direkt in die Augen und schenkte mir einen Blick voller aufrichtiger Anerkennung, dass in jenem Augenblick der gesamte Lärm der Welt verstummte.
„‚Mısra‘, sagte er, und seine Stimme wärmte mein Innerstes. ‚Dieses Gedicht ist wahrhaftig wundervoll... Als stamme es aus der Feder eines Meisters. Es gibt lediglich einen kleinen metrischen Fehler an einer Stelle, doch das ist nebensächlich; es trübt diese Schönheit in keiner Weise. Ich wusste, dass du ein tiefes Interesse an der Literatur hegst, doch dass du eine so kraftvolle Feder besitzt, habe ich erst heute erfahren. Hör niemals auf zu schreiben.‘ In jenem Augenblick fühlte es sich an, als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren. Als Herr Bülent uns verließ, packte Didem mich sofort am Arm und schüttelte mich voller Aufregung: ‚Mädchen, was hast du nur getan? Der Lehrer sah dich mit solchem Stolz an! Du hättest diesen Ausdruck in seinen Augen sehen sollen. Wann und wie hast du das bloß geschrieben?‘ Ich spürte, wie meine Wangen vor Scham glühten. Ich senkte den Kopf und flüsterte meiner Freundin, die mich seit acht Jahren begleitete, zu: ‚Eigentlich begann alles erst gestern Abend, Didem... Die Worte kamen wie eine Flut über mich, und ich habe lediglich versucht, sie auf dem Papier festzuhalten.‘“
Nach der Schule schien der schwere Druck auf mir gewichen zu sein und hatte einer sanften Brise Platz gemacht. Gemeinsam mit Didem gingen wir zu unserem gewohnten Dönerladen. Trotz des Lärms um uns herum, des Hupens der Autos und der Hektik der Menschen, waren wir ganz in unserer eigenen kleinen Welt versunken. Didem nahm einen großen Bissen von ihrem Dürüm und redete voller Aufregung weiter: 'Ich kann es immer noch nicht fassen, Mısra, hast du diesen Blick von Herrn Bülent gesehen? Er war regelrecht stolz auf dich!' Ich lächelte. Seit langer Zeit genoss ich es zum ersten Mal, nicht nur etwas erreicht zu haben, sondern schlicht ich selbst zu sein. Wir sprachen nicht nur über Gedichte, sondern auch über die Zukunft, über unsere Ängste und über die alltäglichen Skurrilitäten jener Stunden. Didems unerschöpfliche Energie tat meiner Seele gut. Als ich nach Hause zurückkehrte, wohnte eine gewisse Leichtigkeit in mir. Um die obligatorischen Ermahnungen meiner Mutter bezüglich der anstehenden Prüfungen nicht hören zu müssen, schlüpfte ich frühzeitig in die Küche...
half ihr, und schlich mich danach in Merts Zimmer. Als er mich sah, leuchteten seine Augen auf. 'Abla, bist du fertig mit deinen Hausaufgaben?', fragte er hoffnungsvoll. In dieser Nacht wollte ich mir selbst und auch ihm eine Belohnung schenken. 'Sie sind fertig, Mert! Komm, lass uns Popcorn machen, heute Abend veranstalten wir einen Filmabend!', sagte ich. Mert war außer sich vor Freude. Wir suchten seinen liebsten Animationsfilm aus und kuschelten uns unter die warme Decke. Während wir den Film schauten, fühlten sich die Abwesenheit meines Vaters und der Druck meiner Mutter wie ein weit entfernter Dialog an. Als Mert auf meinem Schoß einschlief, blickte ich durch das Fenster zu den Sternen empor. Ich wusste nicht, was der morgige Tag bringen würde, doch nun trug ich mehr als nur ein Stück Papier in meiner Tasche; ich besaß nun endlich eine Stimme, die ganz allein mir gehörte.
In jener Nacht waren wir in der farbenfrohen Welt des Animationsfilms, den ich mit Mert schaute, unter der Decke einfach eingeschlafen. Am Morgen wachte ich nicht durch die Stimme meiner Mutter auf, sondern schreckte durch das grelle Sonnenlicht hoch, das in das Zimmer drang. 'Ach herrje, ich bin zu spät!', murmelte ich vor mich hin, während Mert noch immer friedlich schlummerte. In aller Eile bereitete ich mich vor, schnappte mir meine Tasche und stürzte hinaus auf die Straße. In der Schule sprachen wir an jenem Tag seltsamerweise überhaupt nicht über Gedichte oder Literatur. Ich saß mit Didem im Garten; wir plauderten nur über Belanglosigkeiten, über das alltägliche Einerlei in der Kantine und über unsere Pläne für das Wochenende. Manchmal tat es mir einfach unglaublich gut, nur 'Mısra' zu sein, jene schwere literarische Identität abzustreifen und einfach nur zu lachen.
Als ich nach Hause zurückkehrte, blickte ich auf die Papiere, die über meinen Schreibtisch verstreut lagen. Jedes einzelne von ihnen war wie ein Stück, das aus meinem Herzen herausgerissen worden war, und ihre Zahl wuchs stetig an. Während ich sie in die Hand nahm und ordnete, überkam mich eine plötzliche Aufregung: 'Könnten diese Gedichte eines Tages wohl zu einem Buch werden?', dachte ich bei mir. Doch das war nichts als ein ferner Traum; ich besaß keinen einzigen Cent in meiner Tasche, um so etwas zu verwirklichen. Der nächste Tag war ein Wochenende, und als ich merkte, dass ich mit der Last dieser Gedanken nicht allein fertig wurde, beschloss ich, meine Tante zu besuchen. Meine Tante war die Einzige, die mich stets verstand, meine einzige Zuflucht gegen die harten Mauern, die meine Mutter um sich errichtet hatte. Vielleicht war nun endlich der Augenblick gekommen, dieses Geheimnis mit ihr zu teilen.
Am Samstagmorgen stand ich schon früh vor der Tür meiner Tante. Ihr Zuhause bedeutete für mich seit jeher inneren Frieden und den vertrauten Duft von frisch gebrühtem Tee. Kaum war ich eingetreten, warf ich mich an ihren Hals; ihr bekannter, liebevoller Geruch löschte all meine Sorgen für einen Augenblick aus. Als wir uns im Wohnzimmer gegenübersaßen, musterte mich meine Tante mit ihrem tiefgründigen und verständnisvollen Blick. 'Erzähl schon, Mısra', sagte sie lächelnd, 'in deinen Augen liegt ein Glanz, den ich so noch nie gesehen habe.' Ich konnte nicht länger an mich halten und offenbarte ihr alles: die Verse, die ich nächtelang niedergeschrieben hatte, die würdevolle und gütige Unterstützung von Herrn Bülent und diesen unmöglichen Traum von einem eigenen Buch, der in meinem Herzen herangewachsen war. 'Ich möchte meine Gedichte auf den Seiten eines echten Buches sehen, Tante', sagte ich mit bebender Stimme. 'Aber du weißt, meine Mutter würde das niemals erlauben. Zudem fehlt mir das nötige Geld für einen Druck. Ich schreibe einfach nur, und die Papiere stapeln sich ziellos auf meinem Schreibtisch.' Meine Tante nahm meine Hände und drückte sie fest.
Sie schwieg eine Weile, als würde sie in ihrem Geist die Steine eines fernen Plans zusammensetzen. In ihren Augen erschien jener vertraute, beschützerische und entschlossene Ausdruck. 'Schreibe einfach weiter, mein schönes Mädchen', sagte sie flüsternd. 'Träume schreiten manchmal durch Türen, die du niemals erwartet hättest. Wir werden gemeinsam einen Weg finden, mach dir keine Sorgen.' In jenem Augenblick wusste ich nicht, was meine Tante plante, doch ihre Worte hatten jenes fast erloschene Feuer in mir neu entfacht. Der Sonntag hatte sich wie eine schwere Staubwolke über unser Haus gelegt. Schon in der frühen Morgendämmerung drückte mir meine Mutter einen Lappen in die Hand; wir begannen mit einem endlos scheinenden Hausputz. Während ich die Fenster putzte und auf die leeren Straßen hinausblickte, erinnerte ich mich an jene unruhigen Sonntagsfrühstücke mit meinem Vater. Die erhobenen Stimmen, die zerbrochenen Hoffnungen und der letzte Blick meines Vaters, bevor er die Tür hinter sich zuschlug... Es war, als würden diese Erinnerungen aus staubigen Regalen hervorkriechen und mich überwältigen. Während ich unter den harten Anweisungen meiner Mutter schweigend arbeitete, fühlte ich, wie fern jenes Dichter-Mädchen in meinem Inneren in diesem Moment war.
Doch als ich mich am Nachmittag an meinen Schreibtisch setzte, blickte ich auf den Kalender und lächelte. Morgen war Montag! Das bedeutete, wieder zur Schule zu gehen, mit Didem zu lachen und – was am wichtigsten war – den Unterricht meines geliebten Lehrers zu besuchen. Wenn ich an den unvergleichlichen Frieden dachte, den ich in Herrn Bülents Unterricht fand, weitete sich meine Brust; es war, als würden in dem Augenblick, in dem ich die Schwelle des Klassenzimmers betrat, alle Sorgen der Außenwelt hinter der Tür zurückbleiben. Die tiefen Wunden, die mein Vater in mir hinterlassen hatte, wurden durch die Literaturverbundenheit meines Lehrers und sein Vertrauen in mich geheilt. Voller Begeisterung erledigte ich all meine Hausaufgaben vorzeitig. Während ich meine Bücher in die Tasche legte, wusste ich, dass der morgige Tag mir eine neue Zeile zuflüstern würde. Als ich am Montag von der Schule nach Hause zurückkehrte, trug ich die frische Ruhe aus Herrn Bülents Unterricht in mir. Ich warf meine Tasche beiseite und eilte sofort an meinen Schreibtisch; mein einziger Gedanke war es, die wenigen neuen Verse, die sich über den Tag angesammelt hatten, zu Papier zu bringen. Doch als ich das Zimmer betrat, erstarrte ich.
Mein Schreibtisch war vollkommen leer. Die Papiere, an denen ich Tag und Nacht geschrieben und denen ich mein Herz anvertraut hatte, waren verschwunden. Während meine Augen entsetzt das Zimmer absuchten, bemerkte ich, dass Mert das Fenster sperrangelweit offengelassen hatte. Der Vorhang flatterte wild im Wind. 'Mama! Wo sind meine Papiere?', schrie ich, während ich verzweifelt in die Küche stürmte. Meine Mutter antwortete mit ihrer gewohnten Kaltblütigkeit: 'Ich weiß es nicht, Mısra. Mert hat in deinem Zimmer gespielt, vielleicht hat er sie gesehen.' Als ich zu Mert lief, deutete er mit schuldbewusster Miene zum Fenster: 'Abla, es war so heiß... Ich habe das Fenster geöffnet, aber dann sind sie alle davonflogen, ich konnte sie nicht halten...', sagte er. Voller Hoffnung rannte ich hinaus auf die Straße, blickte nach links und rechts, doch es war vergeblich; der Wind hatte meine Zeilen fortgetragen und sie in die Ungewissheit entführt. In jenem Augenblick brach meine Welt zusammen. Es fühlte sich an, als seien nicht nur die Papiere, sondern auch meine Stimme mit ihnen davongeflogen. 'Das war’s wohl', flüsterte ich mir selbst zu. Ich beschloss, mit dem Schreiben aufzuhören und die Feder aus der Hand zu legen. Wenn das Schicksal sie mir so leicht entriss, dann war es vielleicht doch nicht meine Bestimmung, eine Dichterin zu sein.
An jenem Abend herrschte im Haus keine bloße Stille, sondern die Trümmerlandschaft nach einem gewaltigen Sturm. Während der Schmerz über meine verlorenen Verse in mir wuchs, zwang ich mich an meinen Schreibtisch, um für das von mir verhasste Fach Geschichte zu lernen. Daten, Namen und Kriege vermischten sich in meinem Kopf; mein Stift glitt voller Zorn über das Papier. Mert beobachtete mich durch den Türspalt mit reumütigem Blick. Ich wollte ihn tadeln, ihn anschreien, doch als ich sein unschuldiges Gesicht sah, brachte ich es nicht übers Herz; mein Zorn kehrte zurück und verwandelte sich in meinem Inneren in tiefe Trauer. ‚Es waren nur Papiere, Mısra, vergiss sie einfach‘, flüsterte ich mir selbst zu, doch ich konnte es nicht vergessen. Genau in diesem Moment betrat meine Mutter das Zimmer und sprach mit ihrer gewohnt distanzierten Art: ‚Zieh mir jetzt nicht wegen dieser Zettel ein solches Gesicht. Verschwende deine Zeit nicht mit unnützen Dingen, konzentrier dich auf den Unterricht. Wenn sie weggeflogen sind, dann sind sie eben weg; diese Gedichte hatten ohnehin keinen Nutzen für dich.‘ Diese Worte waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. ‚Sie waren nicht nur Gedichte, Mama, sie waren ein Teil von mir!‘, schrie ich. Nach einem kurzen, aber brennenden Streit schlug ich die Tür zu und vergrub mich in meinem Bett. Während meine Tränen das Kissen benetzten, schlief ich in dem Glauben ein, dass meine Träume ebenso wie jene Papiere im Wind verweht waren. Hinter der Tür blieb meine Mutter unter der Last ihrer eigenen Worte wie erstarrt stehen; zum ersten Mal in ihrem Leben begann sie, die Reue über ihre eigene Härte zu spüren.
Am nächsten Morgen saß meine Mutter allein im Wohnzimmer und starrte ins Leere; die Reue über den heftigen Streit der vergangenen Nacht und die Tränen, die ich vergossen hatte, war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Ich hörte, wie sie zum Telefon griff und meine Tante anrief. Ihre Stimme klang gedämpfter als sonst: ‚Das Verhältnis zwischen Mısra und mir ist zerrüttet, sie hat sich vollkommen von mir distanziert... Du stehst ihr näher, du weißt, was geschehen ist. Bitte sprich nach der Schule mit ihr, spende ihr Trost‘, sagte sie. Zum ersten Mal hatte meine Mutter in einer Angelegenheit kapituliert und für mich die Hilfe eines anderen gesucht. Als ich nach der Schule zu meiner Tante ging, empfing sie mich mit ihrer gewohnten Herzlichkeit. Doch dieses Mal hielt sie etwas ganz Besonderes in den Händen: einen eleganten Stift und ein makelloses Notizbuch mit einem seidigen Einband. Während sie mir beides reichte, sagte sie: ‚Das sind deine neuen Weggefährten, Mısra. Die Worte in deiner Seele werden niemals versiegen, du musst weiterschreiben.‘ Meine Finger zitterten, als ich das Buch berührte. Ein Teil von mir trauerte noch immer um meine verlorenen Gedichte, während der andere Teil sich in diese neuen, leeren Seiten flüchten wollte. In meinem Inneren herrschte eine tiefe Unentschlossenheit; war es nach all diesem Schmerz wirklich möglich, noch einmal ganz von vorn zu beginnen und meine Gefühle erneut dem Papier anzuvertrauen?
Einige Tage später erschien meine Tante an unserer Tür, in den Händen frisch gebackene Kekse. Sie und meine Mutter verschwanden in der Küche; zum fernen Klappern der Teelöffel gesellten sich leise, flüsternde Stimmen. Ich saß in meinem Zimmer und starrte auf die schneeweißen Seiten jenes neuen Notizbuchs, das meine Tante mir geschenkt hatte, doch ich brachte nicht eine einzige Linie zustande. Da öffnete sich die Tür. Meine Tante trat ein, und hinter ihr stand zum ersten Mal meine Mutter – mit einem Blick, so voller Demut und mit feuchten Augen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Meine Tante setzte sich an meine Bettkante, legte eine Hand auf die meine und die andere auf die Schulter meiner Mutter. 'Sieh nur', sagte sie zu meiner Mutter gewandt, 'es ist ein Wunder, dass dieses Mädchen die tiefe Leere, die ihr Vater hinterlassen hat, mit ihren eigenen Worten füllt. Lass das, was in ihrem Herzen ruht, frei sein; lass die Gefühle, die sie auf das Papier gießt, ihre Wunden heilen. Das ist ihre einzige Zuflucht.' Meine Mutter stieß einen tiefen Seufzer aus, und ihr harter Schutzschild sank zum ersten Mal vollkommen herab. Sie trat näher, strich mir zärtlich über das Haar und sagte mit brüchiger Stimme: 'Du hast recht. Ich werde dir nicht länger im Weg stehen. Ich hätte nie geahnt, Mısra, dass dich das so sehr schmerzen würde. Von nun an möchte ich lernen, stolz auf dich zu sein.' Als ich meine Mutter in jenem Augenblick umarmte, fühlte es sich an, als fielen tonnenschwere Lasten von mir ab. Meine Gedichte mochten davongeflogen sein, doch die Unterstützung meiner Mutter gewonnen zu haben, linderte den brennenden Schmerz über jene verlorenen Zeilen ein wenig. Während ich in jener Nacht friedvoll in meinem Zimmer schlief, ahnte ich noch nicht, welch großes Opfer meine Familie bereits für mich vorbereitete.
Als das Wochenende kam, fand ich mich in unserem Lieblingscafé der Stadt an einem großen, belebten Tisch wieder. Meine Mutter, meine Tante, Mert und sogar meine engste Freundin Didem waren da. In unserer Familie war ein gemeinsames Essen im Restaurant eine Seltenheit; es war eine Aktivität, die nur besonderen Erfolgen oder Feierlichkeiten vorbehalten blieb. Mit einer sanften Neugier im Herzen musterte ich die Anwesenden. ‚Und, was feiern wir heute?‘, fragte ich lächelnd. ‚Gibt es etwa einen Feiertag, von dem ich nichts weiß?‘ Didem platzte sofort mit ihrer gewohnten Begeisterung heraus: ‚Mısra, du wirst es nicht glauben, aber ich habe in der Mathematikprüfung, für die ich mich Tag und Nacht gequält habe, volle 100 Punkte bekommen! Das feiern wir!‘ Wir lachten alle, Glückwünsche hingen in der Luft, doch irgendetwas war anders. Ich bemerkte das geheimnisvolle Funkeln in den Blicken meiner Mutter und meiner Tante; ich sah, wie Mert unter dem Tisch unaufhörlich seine Hände aneinanderrieb. Während wir unseren Kuchen aßen und an unserem Tee nippten, änderte sich die Atmosphäre am Tisch schlagartig. Didems Prüfungsnote war in Wahrheit nur ein charmanter Vorwand gewesen. Meine Tante zog behutsam ein sorgfältig verpacktes Paket mit einer roten Schleife aus ihrer Tasche. Alle am Tisch verstummten, aller Augen waren auf mich gerichtet. ‚Mısra‘, sagte meine Tante mit bebender Stimme, ‚die eigentliche Feier beginnt erst jetzt. Dies ist das Geschenk für dein Herz und für deine Seele, die niemals aufgegeben hat.‘ Sie reichte mir das Paket. Als ich mit zitternden Fingern begann, die Schleife zu lösen, hielten alle am Tisch den Atem an und sahen mich erwartungsvoll an. In dem Moment, als ich den festen Einband unter dem Papier spürte, begann mein Herz in einer unbeschreiblichen Erregung lichterloh zu brennen.
Während ich jenen harten Gegenstand aus dem Paket zog, hielten alle am Tisch den Atem an und starrten mich erwartungsvoll an. Als ich das Paket vollständig geöffnet hatte und das Objekt in meinen Händen hielt, entwich mir ein lautes Lachen. 'Ich fass es nicht! Habt ihr mir ein Buch gekauft? Vielen Dank!', sagte ich, während ich noch immer unaufhörlich lachte. Während meine Mutter, meine Tante und Didem sich fassungslos ansahen, redete ich weiter: 'Aber ich verstehe nicht... Wir sind doch hier, weil Didem eine 100 in Mathe geschrieben hat. Warum habt ihr mir ein Geschenk gekauft? Ihr hättet es Didem kaufen sollen!' Für einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den Tisch. Alle schienen wie erstarrt, als hätten sie eine solch naive Reaktion von mir nicht erwartet. Mert hielt es schließlich nicht mehr aus, griff ein und sagte mit seinem gewohnt schelmischen Tonfall kichernd: 'Abla, sag mal, bist du wirklich so naiv? Schau dir dieses Buch doch mal etwas genauer an!' Durch Merts Mahnung senkte ich meinen Blick auf den Buchdeckel. Auf dem glänzenden Einband stand in großen Lettern: 'Mısra Karadağ'. In diesem Augenblick blieb die Welt für eine Sekunde stehen. Mein Lächeln gefror auf meinem Gesicht, und meine Augen drohten aus ihren Höhlen zu treten. 'Das... das ist mein Name', flüsterte ich. Darunter waren jene ersten Gedichte aufgereiht, die mir aus dem Herzen entsprungen waren. All jene Gefühle, von denen ich glaubte, sie seien für immer vom Wind verweht worden, befanden sich nun unter diesem Einband, auf den Seiten eines echten Buches. Während die kindliche Freude auf meinem Gesicht einer tiefen Erschütterung und Tränen wich, glitten meine zitternden Hände ehrfürchtig über meinen eigenen Namen.
Während ich den Schock allmählich überwand, beugte sich meine Tante über den Tisch, nahm meine Hand und begann lächelnd zu erzählen: ‚Mısra, an jenem Tag, als Mert das Fenster öffnete, ist in Wahrheit gar nichts im Wind davongeflogen. Wir haben das alles nur für dich und heimlich vor dir geplant. Mert hat die Papiere aufgesammelt, deine Mutter hat sie alle sorgfältig aufbewahrt, und Didem hat mir geholfen, unter deinen Gedichten jene auszuwählen, die uns am meisten berührt haben. Unser Herz wollte sich nicht damit abfinden, dass dein Talent nur in deinem Zimmer verborgen bleibt.‘ Auch meine Mutter schaltete sich ein und sagte: ‚Verzeih mir, mein Kind, dass ich deine Leidenschaft als ‚unnütze Dinge‘ abgetan habe; ich musste mich so verhalten, um diese Überraschung nicht zu verderben.‘ Da wichen die Tränen in meinen Augen einem friedvollen Lächeln. Als ich das Geschehene in meinem Geist verarbeitet hatte, fielen wir uns am Tisch alle so innig in die Arme, dass alle Kränkungen augenblicklich wie verflogen waren. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, wandte ich mich mit gespielter Strenge an Didem: ‚Und was ist mit jenen 100 Punkten aus deiner Prüfung? War das etwa auch gelogen?‘ Didem lachte schallend, zog ihre Prüfung aus der Tasche und rief: ‚Eigentlich habe ich eine 58 bekommen, Mısra! Die größte Lüge habe ich erzählt, nur um dich in dieses Café zu locken, aber ich finde, es war es wert!‘ Mit Didems Geständnis brachen alle am Tisch gleichzeitig in lautes Gelächter aus. Es war schwer zu glauben, dass ich noch vor wenigen Augenblicken geweint hatte; nun begann ich ein neues Leben inmitten meiner liebsten Menschen, während ich den Duft meines eigenen Buches tief in mich einsaugte. In jenem Moment begriff ich, dass wahre Poesie nicht nur auf dem Papier existiert, sondern in jenen großherzigen Menschen wohnt, die hinter einem stehen.
Seit jenem wunderbaren Tag war bereits eine ganze Woche vergangen, doch noch immer fiel es mir schwer, an das Buch zu glauben, das jeden Morgen auf meinem Schreibtisch lag. Mehrmals am Tag ging ich zu ihm, berührte den Einband, schlug die Seiten einzeln auf und las voller Bewunderung meine eigenen Sätze. Jedes Mal erinnerte mich der frische Duft des Papiers daran, dass meine Träume nun Wirklichkeit waren. Doch seltsamerweise machte mich dieses Glück nicht träge; ganz im Gegenteil, es nahm den gewaltigen Druck von mir. Da ich nicht mehr darüber nachdenken musste, wie ich meine Gedichte verstecken sollte oder was meine Mutter wohl dazu sagen würde, öffnete sich in meinem Geist ein riesiger Raum für meine Schulsachen. Da die Prüfungswoche näher rückte, stellte ich fest, dass ich motivierter denn je war zu lernen. Während ich mich früher nur in den staubigen Seiten der Literatur verlor, begann ich nun, in jedem Fach – von Geschichte bis Mathematik – hohe Noten zu erzielen. Jeden Tag mit einer neuen Erfolgsnachricht nach Hause zurückzukehren und jenes stolze Leuchten in den Augen meiner Mutter zu sehen, war ein unbeschreibliches Gefühl. Als ich Mert meine Noten zeigte, lächelte ich still vor mich hin. Ich sagte mir: 'Ich war so sehr auf meine Gedichte fokussiert, dass ich meine Prüfungen und Verantwortungen erst dank Didems charmanter Lüge wieder in Erinnerung rufen konnte.' Es schien, als hätte alles seine rechte Zeit; meine Gefühle waren nun sicher zwischen jenen Buchdeckeln verwahrt, und ich war endlich frei, die anderen Farben des Lebens zu entdecken.
Während die Prüfungswoche hinter mir lag, begann das Wetter allmählich wärmer zu werden; jene süßen Winde, die Vorboten des Sommers, fingen an zu wehen. In jeder Ecke der Schule herrschte ein reges Treiben; jeder sprach von jenem großen TÜBİTAK-Projekt, das jedes Jahr im Schulgarten veranstaltet wurde. Während ich diese freudige Unruhe beobachtete, betrat Herr Bülent das Klassenzimmer und machte mit seiner gewohnt vertrauenerweckenden Stimme eine Ankündigung, die uns alle begeisterte: ‚Kinder, dieses Jahr führen wir eine Neuerung ein. Ab jetzt könnt ihr nicht nur mit wissenschaftlichen Experimenten, sondern auch mit euren literarischen Werken und kulturellen Projekten an TÜBİTAK teilnehmen.‘ Bei diesen Worten meines Lehrers hatte ich das Gefühl, mein Herz würde aus meiner Brust springen. Mein Buch, meine Gefühle könnten nun als Schulprojekt präsentiert werden! Nach der Schule eilte ich förmlich nach Hause. Als ich meine Tante, meine Mutter und Mert im Wohnzimmer sah, teilte ich die Nachricht voller Aufregung: ‚Ich kann mit meinem Buch am TÜBİTAK-Projekt teilnehmen!‘ Meine Mutter lächelte liebevoll, während meine Tante mich ermutigte: ‚Das war die Gelegenheit, auf die wir gewartet haben.‘ In jener Nacht fand ich vor lauter Aufregung keinen Schlaf. Am nächsten Tag eilte ich mit den ersten Lichtstrahlen des Morgens zur Schule und lief sofort zu Herrn Bülent. Atemlos sagte ich: ‚Herr Lehrer, ich bin dabei! Ich möchte mit meinem Buch am Projekt teilnehmen.‘ Mein Lehrer legte seine Hand auf meine Schulter und blickte mich stolz an: ‚Nichts anderes habe ich von dir erwartet, Mısra, komm, lass uns mit den Vorbereitungen beginnen.
Nur noch wenige Wochen trennten uns vom TÜBİTAK-Projekt, und meine Aufregung war auf dem herben Höhepunkt angelangt. Ich hatte beschlossen, mein Buch mit in die Schule zu nehmen, um mit Herrn Bülent die letzten Details meines Vorhabens zu besprechen. In den Pausen legte ich das Buch auf meinen Tisch und blätterte voller Bewunderung durch die Seiten. Doch mir war nicht aufgefallen, dass sich einige Blicke in der Klasse auf mich gerichtet hatten – insbesondere die einer Schülerin, die es liebte, stets im Mittelpunkt zu stehen, und die mich mit unverhohlenem Neid beobachtete. Als ich nach der Schule nach Hause kam, wollte ich wie jeden Abend mein Buch zur Hand nehmen, um jenen beruhigenden Duft von frischem Papier tief einzuatmen. Ich suchte in jedem Fach meiner Tasche, stellte meinen Schreibtisch auf den Kopf, doch das Buch war unauffindbar! Mein Herz begann wild zu hämmern; ein riesiger Kloß setzte sich in meinem Hals fest, und ich brach an Ort und Stelle weinend zusammen. Wir stellten das ganze Haus auf den Kopf, meine Mutter und Mert suchten mit mir, doch das Buch war nirgends zu finden. In jener Nacht fand ich keine Sekunde Schlaf. Als ich am nächsten Tag zur Schule kam, empfing mich Didem bereits am Tor; an meinen verquollenen Augen sah sie sofort, dass etwas Schreckliches geschehen war. Nachdem ich ihr alles erzählt hatte, eilten wir sofort ins Klassenzimmer. Wir suchten unter den Bänken, in den Schränken, sogar in den Mülleimern – doch alles war vergeblich. ‚Jemand muss es genommen haben, Mısra, es ist schließlich nicht von alleine davongeflogen!‘, rief Didem empört aus. Als meine Verzweiflung immer größer wurde, packte Didem mich am Arm und sagte entschlossen: ‚So geht das nicht weiter, wir müssen zu Frau Selma gehen.‘ Als ich das Zimmer unserer Beratungslehrerin Selma Hanım betrat, erklärte ich ihr mit bebender Stimme die Situation. Es fühlte sich an, als sei erneut ein Stück aus meinem Herzen gerissen worden.
Frau Selma betrat mit tiefer Ernsthaftigkeit das Klassenzimmer und ließ ihren Blick über uns alle schweifen. ‚Mısras Buch ist verschwunden. Falls es jemand aus Spaß genommen oder es versehentlich in seine Tasche gesteckt hat, bitte ich darum, es sofort herauszugeben‘, sagte sie. In diesem Moment bemerkte ich, wie Sude, die in der letzten Reihe saß, totenbleich wurde und begann, nervös mit ihren Fingern zu spielen. Während eine vollkommene Stille herrschte, sprang plötzlich Can auf: ‚Frau Lehrerin, warum sollten wir es nehmen? Sie hat es selbst verloren und schiebt uns nun die Schuld zu!‘, sagte er mit schroffem Tonfall. Cans unnötige Aggressivität und Sudes niedergeschlagene Haltung weckten in Didem und mir denselben Verdacht: Can musste etwas verbergen. Nach der Schule stellten Didem und ich Can den Weg. ‚Can, wenn du das Buch hast, gib es mir bitte zurück, es ist mir unendlich wichtig‘, sagte ich. Can schleuderte wütend seine Tasche zu Boden, riss den Reißverschluss auf und zeigte uns den Inhalt: ‚Da, schau hin! Was soll ich mit deinem Buch? Bin ich etwa ein Dichter?‘ Didem schaltete sich ein und entgegnete: ‚Hier mag es nicht sein, aber woher sollen wir wissen, dass es nicht bei dir zu Hause ist? Warum reagierst du so extrem?‘ ‚Ihr seid doch völlig übergeschnappt!‘, rief Can aus und entfernte sich, während wir ihm fassungslos nachsahen. Sude huschte in diesem Augenblick eilig an uns vorbei. Didem beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte: ‚Hast du das gesehen? Sogar Sude hat Angst vor Cans Verhalten bekommen. Ich bin mir sicher, das Buch ist bei ihm.‘ Doch wir ahnten noch nicht, dass die wahre Gefahr von Sude ausging, die sich soeben still und heimlich davongeschlichen hatte.
In jener Nacht wandt ich mich schlaflos im Bett hin und her, während eine unbeschreibliche Leere in mir klaffte. Früher wäre ich in Tränen ausgebrochen, doch dieses Mal verspürte ich nur eine tiefe Überdrüssigkeit. Ich verglich das Verschwinden meines Buches mit dem Fortgang meines Vaters; ich war bereits so sehr daran gewöhnt, dass die Menschen, die ich am meisten liebte, mich verließen. ‚Vielleicht‘, dachte ich, während ich die Schatten an der Decke beobachtete, ‚kommen manche Dinge nur, um wieder zu gehen.‘ Meine Gedichte hatten mich, genau wie mein Vater, in dem Moment allein gelassen, als ich sie am dringendsten brauchte. Ich weinte nicht mehr; ich fühlte nur noch, wie meine Seele ermüdete und wie meine Worte mich aufgegeben hatten. Zur selben Zeit entfesselte Didem in ihrem eigenen Zimmer förmlich einen Sturm. Sie war nicht gewillt, die Situation so klaglos hinzunehmen wie ich. Vor Zorn schlug sie in ihre Kissen und plante, was sie mit der Person anstellen würde, die das Buch gestohlen hatte. Didem hatte ein ganz besonderes Instrument der Rache im Sinn: ihr Mathematikbuch! Jenes schwere, dicke Buch, in dem sie jene unheilvolle Prüfung mit nur 58 Punkten abgelegt hatte... Die Vorstellung, den Schuldigen zu fassen und ihm dieses Mathematikbuch immer wieder gegen den Kopf zu schlagen, verschaffte ihr eine gewisse Erleichterung. ‚Dieses Buch hat mir eine 58 eingebracht, aber dir wird es die Lektion deines Lebens erteilen!‘, flüsterte sie in die Dunkelheit. Dieser loyale Zorn meiner Freundin sollte uns – auch wenn ich es noch nicht wusste – die nötige gewaltige Energie für unsere Suche am nächsten Tag verleihen.
Am nächsten Tag begannen Didem und ich in der ersten Pause, Can heimlich zu folgen. Er ging in die Kantine und sprach mit seinen Freunden lediglich über Spielergebnisse und Computerspiele. Später setzte er sich in eine Ecke des Hinterhofs und starrte einfach ins Leere; er hatte nicht einmal seine Tasche bei sich. Während ich ihn beobachtete, begriff ich in jenem Moment, dass es in Cans Leben keinen Platz für ein Buch gab – erst recht nicht für gefühlvolle Gedichte. Er war lediglich ein Junge, der vor dem Unterricht und den Regeln floh; er war niemand, der komplex genug war, um meine Gefühle zu stehlen. Gerade als wir hinter dem Schatten des Baumes hervortraten, drehte Can sich plötzlich um und bemerkte uns. ‚Ihr seid wirklich wahnsinnig!‘, schrie er und verdrehte die Augen. ‚Seid ihr mir immer noch auf den Fersen? Lasst mich in Ruhe, das Buch ist nicht bei mir!‘ Angesichts seines aufrichtigen Protests ließ ich jeglichen Verdacht gegen ihn vollkommen fallen. Doch Didem dachte nicht im Traum daran aufzugeben. Sie trat einen Schritt auf Can zu, griff nach jenem schweren Mathematikbuch in ihrer Tasche und fragte mit spöttischem Tonfall: ‚Sag mal, Can... magst du Mathematik?‘ Während sie fragte, zwinkerte sie ihm so zu, dass ich Cans Gesichtsausdruck voller Fassungslosigkeit wohl nie vergessen werde. Während Can völlig überrumpelt dreinsah, packte ich Didem sofort am Arm, da ich ahnte, was sie mit jenem Buch, das ihr eine 58 eingebracht hatte, vorhatte. ‚Komm Didem, lass uns gehen! Er ist es nicht, begreif das doch!‘, sagte ich und zog sie von dort weg. Didem blickte immer noch zurück und hielt ihr Mathematikbuch fest umschlungen; sie hatte ihren Zorn noch nicht besänftigen können.
Auf dem Heimweg von der Schule beschlossen Didem und ich, unsere Strategie zu ändern. ‚Härte führt uns nicht weiter, Didem‘, sagte ich, ‚dieses Mal werden wir sie mit ihren eigenen Waffen schlagen.‘ Genau in diesem Moment sahen wir Sude, die allein vor uns herging. Wir beschleunigten unsere Schritte, holten sie ein und begannen ein völlig belangloses Gespräch über dies und das, als sei rein gar nichts geschehen. Sude zuckte zuerst zusammen, tat dann aber so, als sei sie erleichtert. Irgendwann lenkte ich das Gespräch auf das Buch, zuckte mit den Schultern und sagte: ‚Weißt du, Sude, eigentlich ist es mir mittlerweile völlig egal, dass das Buch weg ist. Jene Gedichte sind ohnehin fest in meinem Gedächtnis verankert.‘ Didem begriff sofort und fügte mit einem spöttischen Lächeln hinzu: ‚Ach was, es ist doch sowieso nicht wichtig! Mısras Tante hatte für alle Fälle eine Kopie des Buches auf dem Computer gespeichert. Morgen lassen wir einfach ein neues drucken, und die Sache ist erledigt.‘ Sude hielt schlagartig inne, ihr Gesicht wurde totenbleich. ‚Wie bitte? Gab es etwa eine Kopie?‘, fragte sie mit bebender Stimme. In jenem Augenblick wurde alles glasklar; hätte sie das Buch nicht an sich genommen, hätte sie niemals einen derart tiefen Schock erlitten. Jener verzweifelte Blick bei dem Gedanken, dass all ihre Mühen umsonst gewesen waren, hatte sie verraten. Didem und ich sahen uns an und lächelten uns wissend zu; wir hatten den Täter gefunden. Auf dem Weg nach Hause rief meine Tante erneut an; wie jeden Tag erwartete sie einen Bericht. ‚Wir haben es geschafft, Tante!‘, rief ich aufgeregt, ‚Sudes Gesichtsausdruck hat alles verraten.‘ Meine Tante atmete am Telefon tief durch: ‚Greift auf keinen Fall selbst ein, geht morgen als Erstes zu Frau Selma und schildert ihr die Situation.
Mit den ersten Lichtstrahlen des Morgens befanden wir uns bereits im Büro von Frau Selma. Als Sude hereingerufen wurde, waren ihre Schultern tief gesunken, und ihre Augen waren von nackter Furcht erfüllt. Unter den strengen Blicken von Frau Selma gestand sie alles in einem Atemzug: ‚Frau Lehrerin, ich habe das Buch genommen, aber Mehtap hat mich dazu gezwungen! Sie drohte mir, mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen; sie wollte die Lüge verbreiten, ich hätte bei ihr abgeschrieben, obwohl sie es war, die mir die Lösungen gab. Ich hatte solche Angst, bitte verzeihen Sie mir!‘ Didem und ich sahen uns fassungslos an. Mehtap, die sonst so stille Zweitbeste der Klasse, hatte also einen derart finsteren Plan geschmiedet. Frau Selma ließ Mehtap sofort rufen. Als Mehtap eintrat, zeigte sie nicht die geringste Spur von Reue; sie zog mein Buch aus ihrer Tasche und knallte es hart auf den Schreibtisch. ‚Warum Mehtap? Warum hast du so etwas getan?‘, fragte ich mit einer Stimme, in der meine ganze Enttäuschung mitschwang. Mehtap sah mir hasserfüllt direkt in die Augen und antwortete: ‚Ich wollte, dass du einmal in deinem Leben an etwas scheiterst, Mısra! Deine Noten waren ohnehin immer besser als meine, du warst mir bei jeder Prüfung einen Schritt voraus. Den Platz als Klassenbeste hast du mir bereits weggenommen, ich stehe immer nur in deinem Schatten. Und mit diesem Buch hättest du mich bei TÜBİTAK vollkommen in den Schatten gestellt. Alle hätten dir applaudiert, und ich wäre wieder nur die ‚Zweite im Dunkeln‘ gewesen. Das konnte ich nicht zulassen!‘ Was ich da hörte, ließ mir das Blut in den Aden gefrieren. Ihr innerer Ehrgeiz hatte sie in einen völlig anderen Menschen verwandelt. Ich nahm mein Buch vom Tisch und presste es fest an meine Brust. Das, was sie als ‚Schatten‘ bezeichnete, war mein Lebenslicht – und ich würde niemals zulassen, dass es noch einmal jemand auslöscht.
Als wir das Büro von Frau Selma verließen, spürte ich noch immer das Zittern in meinen Beinen. Auf dem Korridor hielten Didem und ich inne und atmeten einmal tief durch. Frau Selma war im Zimmer zurückgeblieben; sie hatte angekündigt, die Familien von Mehtap und Sude anzurufen und den Vorfall vor den Disziplinarausschuss zu bringen. Ich hielt mein Buch so fest umschlungen, als hätte ich Angst, es augenblicklich wieder zu verlieren. Didem fragte: ‚Hast du das gesehen, Mısra?‘ Ihre Stimme war noch immer voller Zorn. ‚Erfolg macht manche Menschen eben blind. Aber siehst du, die Wahrheit hat am Ende gesiegt.‘ In jenem Augenblick empfand ich nur Mitleid für Mehtap; es machte mich traurig, dass sie so verzweifelt war zu glauben, sie könne meinen Erfolg stehlen, indem sie ein Buch entwendete. Als wir ins Klassenzimmer zurückkehrten, hatten sich die Gerüchte bereits wie ein Lauffeuer verbreitet. Jeder brannte vor Neugier, was geschehen war. Auch Herr Bülent war bereits über die Situation im Bilde. Zu Beginn der Stunde kam er zu mir und sagte: ‚Mısra, was du durchgemacht hast, war sehr schwer, aber ich bin froh, dass du dein Buch zurückhast und standhaft geblieben bist. Nun möchte ich, dass du all diese Energie in unser Projekt fließen lässt.‘ An jenem Tag wurde in der Klasse nicht nur unterrichtet; wir hatten in Wahrheit die Prüfung der Ehrlichkeit und der Freundschaft bestanden. Als ich nach der Schule mit meiner Tante telefonierte, klang meine Stimme kräftiger denn je. ‚Tante, alles hat sich zum Guten gewandt‘, sagte ich. ‚Meine Worte sind nach Hause zurückgekehrt.‘ Nun gab es keine Angst mehr, es war an der Zeit, sich ganz auf den bevorstehenden großen Tag zu konzentrieren.
Als ich mich an jenem Abend in mein Zimmer zurückzog, legte ich mein Buch an seinen sichersten Platz auf meinem Schreibtisch. Während ich vor das Fenster trat und beobachtete, wie sich die Bäume draußen sanft im Wind wiegten, stieg in meinem Geist eine Welle der Reue auf. Als mein Buch verschwunden war, hatte ich meine Gedichte mit meinem Vater verglichen; ich hatte geglaubt, auch sie hätten mich verlassen. ‚Habe ich meine Gedichte zu Unrecht beschuldigt?‘, flüsterte ich in die Dunkelheit. Sie hatten mich nicht verlassen; im Gegenteil, ich hatte ihnen nicht genug vertraut. Ich schwor jenen Worten, die ich mit meinen eigenen Händen geschrieben hatte und die in jeder Zeile die Spuren meiner Seele trugen, sie nie wieder zu verraten. Sie waren nicht die Stimme derer, die wie mein Vater gegangen waren, sondern die Stimme derer, die bei mir blieben und mich heilten. Bei jeder Berührung jener frischen Seiten unter meinen Fingerspitzen erfüllte mich eine unbeschreibliche Freude. Doch es gab etwas, das noch größer war als diese Freude: Didem. Ohne sie, ohne ihren wahnsinnigen Mut und ihren unerschütterlichen Glauben, würde ich vielleicht noch immer im Dunkeln weinen. Ich fühlte mich als der glücklichste Mensch der Welt, eine Freundin wie Didem zu haben. Sie hatte nicht nur meine Geheimnisse, sondern auch meine Hoffnung bewahrt. Morgen würde ein neuer Tag beginnen, und ich vertraue nun sowohl mir selbst als auch meiner Freundin, die mich niemals allein lässt, mehr denn je.
Am nächsten Morgen gingen wir weitaus fröhlicher als sonst zur Schule. Während wir in der Pause in der Kantine unsere Toasts aßen, erinnerte sich Didem plötzlich an die Ereignisse jenes Tages und begann schallend zu lachen. ‚Mısra, Cans Gesichtsausdruck, als ich ihn fragte: ‚Magst du Mathematik?‘, werde ich mein Leben lang nicht vergessen!‘, sagte sie unter Gelächter. Genau in diesem Moment betrat Can die Kantine; als er uns sah und bemerkte, wie Didem ihre Hand in Richtung ihrer Tasche bewegte, drehte er sich augenblicklich um und ergriff die Flucht, als würde ihn ein Riese verfolgen. Wir lachten minutenlang über seine furchterfüllte Reaktion. Von nun an änderte Can jedes Mal seinen Weg, wenn er Didem sah; das Mathematikbuch war für ihn zum schlimmsten Albtraum geworden.
Da an jenem Tag eine große Lehrerkonferenz stattfand, wurde die Schule zum Halbtagsunterricht erklärt. Diese Nachricht war für uns eine unverhoffte Gelegenheit. ‚Komm‘, sagte Didem, ‚verlieren wir keine Zeit, wir müssen dem Projekt den letzten Schliff geben.‘ Sofort eilten wir zu mir nach Hause und kehrten in unser kleines Atelier auf dem Balkon zurück. Der Tisch war wie immer übersät mit bunten Papieren, Stiften und Bändern. Die TÜBİTAK-Ausstellung rückte immer näher, und während wir jede einzelne Gedichtrolle mit größter Sorgfalt vorbereiteten, merkten wir kaum, wie die Zeit verging. Es tat uns beiden unglaublich gut, der angespannten Atmosphäre der Schule zu entfliehen und nur mit unseren Träumen und unserem Schaffen allein zu sein.
Nach der Schule eilten Didem und ich förmlich nach Hause. Wir räumten meinen Schreibtisch komplett leer und begannen, jenen großen Traum, an dem wir wochenlang gearbeitet hatten, dort Gestalt annehmen zu lassen. In die Mitte des Tisches stellte ich voller Stolz mein Buch. Drumherum ordneten wir buntes Papier an, das mit eleganten Schleifen gebunden war; auf diesen Papieren standen die Kurzbiografien und unvergesslichen Werke jener großen Dichter, die mir als Inspiration dienten. Jene winzigen Glasfläschchen mit den darin verborgenen Gedichtrollen, die Didem vorbereitet hatte, verliehen dem Tisch eine märchenhafte Aura. Mein Schreibtisch war nun nicht mehr bloß ein Arbeitsplatz, sondern eine lebendige Miniatur-Bibliothek. Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, rief ich aufgeregt: ‚Mama, Tante, Mert! Kommt schnell her!‘ Als sie alle in den Raum stürmten, war der Ausdruck in ihren Gesichtern jede Mühe wert. Meine Mutter trat an den Tisch, nahm mit zitternden Händen eines der Fläschchen und sagte: ‚So etwas Schönes hätte ich mir nicht träumen lassen, in jedem Detail liegt deine Seele, meine Tochter.‘ Meine Tante untersuchte jedes Blatt Papier aufmerksam und fügte hinzu: ‚Die Lehrer, die für das Projekt verantwortlich sind, werden begeistert sein, Mısra! Das ist nicht bloß eine Hausaufgabe, es ist ein Kunstwerk, das Masche für Masche mit tiefer Hingabe erschaffen wurde.‘ Sogar Mert betrachtete den Tisch schweigend, bevor er stolz verkündete: ‚Schwester, das ist wirklich verdammt cool geworden.‘ Dann versammelten wir uns alle um den Tisch; Mert holte sein Handy heraus und machte ein Foto, um diesen Moment des Sieges zu verewigen. Auf jenem Bild lächelten nicht nur wir, sondern auch unsere Träume.
Am nächsten Tag in der Schule brannte ich darauf, jenes wunderschöne Foto zu zeigen, das Mert aufgenommen hatte. In der Pause suchten wir Herrn Bülent und die anderen für das Projekt zuständigen Lehrer auf. Als sie das Foto sahen, breitete sich auf all ihren Gesichtern ein breites Lächeln aus. Einer der verantwortlichen Lehrer sagte voller Begeisterung: ‚Mısra, ihr habt da wirklich großartige Arbeit geleistet! Du, Didem und ein paar eurer Freunde solltet diese Ausstellung im Mai im Schulgarten aufbauen. Ich bin mir sicher, das wird einer jener Orte sein, die unsere Schule so besonders machen.‘ Diese Anerkennung erfüllte uns mit tiefer Glückseligkeit. Kaum waren wir ins Klassenzimmer zurückgekehrt, übernahm Didem sofort die Koordination und ging zu unseren anderen Mitschülern, um zu besprechen, wer uns helfen könnte. In diesem Moment trat Can an meinen Tisch. ‚Ich möchte auch helfen‘, sagte er mit leiser Stimme. Voller Erstaunen entgegnete ich: ‚Warum, Can? Ich dachte, du interessierst dich nicht sonderlich für Gedichte.‘ Can blickte zu Didem, die in der Ferne mit unseren Freunden sprach, und lächelte sanft: ‚Es geht mir nicht um das Projekt, Mısra, sondern um Didem. Ich wäre dir dankbar, wenn das unter uns bliebe.‘ Angesichts dieses ehrlichen Geständnisses blieb mir förmlich der Mund offen stehen! Sobald Can sich entfernt hatte, eilte ich sofort zu Didem und zog sie beiseite. In einem Atemzug erzählte ich ihr alles, was Can gesagt hatte. Didem schien keineswegs überrascht zu sein; ein verschmitztes, spielerisches Lächeln zeichnete sich in ihren Mundwinkeln ab. ‚Sicher, er soll ruhig helfen‘, sagte Didem. ‚Er kann uns beim Tragen der schweren Kisten nützlich sein, und wir werden dabei sicher unseren Spaß haben!‘ An Didems schelmischem Blick erkannte ich sofort, dass Can es in nächster Zeit wohl nicht allzu leicht haben würde.
Endlich war jene ersehnte, große Woche angebrochen! Da die TÜBİTAK-Woche begonnen hatte, ruhte der reguläre Unterricht, und die Korridore sowie der Schulgarten hatten sich in einen lebhaften Festplatz verwandelt. Jeder war in eine emsige Geschäftigkeit vertieft, um sein eigenes Projekt vorzubereiten. Am Vorabend hatten wir gemeinsam mit meiner Mutter und Mert all die Dekorationen, jene winzigen Fläschchen und die Biografiekarten mit größter Sorgfalt in Kartons gebettet. Didems Haus lag gleich am Anfang unserer Straße; wir trafen uns in den frühen Morgenstunden vor der Tür. Wir beide hielten riesige Kartons in den Armen; in unseren Gesichtern lag eine müde, aber dennoch strahlende Freude. Während wir zur Schule schritten, spürten wir nicht einmal das schwere Gewicht der Pakete. Meine Tante war ebenso aufgeregt wie wir, doch leider konnte sie uns heute nicht begleiten. Als alleinstehende und karrierefokussierte Frau hatte sie ausgerechnet heute ein überaus wichtiges Vorstellungsgespräch. ‚Es tut mir so leid, dass ich nicht kommen kann, Mısra, aber mein Herz ist bei dir. Vergiss bloß nicht, Fotos zu machen!‘, rief sie mir zum Abschied zu. Als Didem und ich den Schulgarten betraten, erblickten wir jene wunderschöne Ecke, in der der Wind sanft wehte. ‚Genau hier ist es‘, sagte Didem, während sie ihren Karton abstellte, sich den Schweiß von der Stirn wischte und hinzufügte: ‚Hier werden wir das Königreich deiner Worte errichten.‘ Zu wissen, dass Can ebenfalls bald hier sein würde, ließ jenes verschmitzte Funkeln in Didems Augen nur noch heller erstrahlen.
Als wir im Garten ankamen, war Can bereits vor Ort; er hatte sich die Ärmel hochgekrempelt und wartete auf uns. Didem, sichtlich erleichtert darüber, selbst nichts tragen zu müssen, begann sofort damit, Kommandos zu erteilen: ‚Can, du musst jenen Tisch vom Ende des Korridors hierher tragen, beeil dich ein wenig! Die Zeit rennt uns davon.‘ Obwohl Can den Tisch schleppte und dabei sichtlich ins Schwitzen geriet, tat er ohne Zögern alles, was Didem verlangte. Er schien eine gewisse Scheu vor ihr zu haben, doch gleichzeitig versuchte er, ihr Herz durch seinen unermüdlichen Einsatz zu gewinnen. ‚Schon gut, Didem, ich komme ja! Der Tisch ist verdammt schwer, aber ich krieg das hin‘, antwortete er völlig außer Atem. Es kostete mich größte Mühe, nicht laut loszulachen, während ich ihre kleinen Reibereien beobachtete. Schließlich stand der Tisch an seinem Platz, und wir begannen gemeinsam, die Kartons zu öffnen und alles zu dekorieren.
Genau in diesem Moment betrat unsere enge Freundin Betül, die Didem zur Hilfe gerufen hatte, mit einem riesigen Strauß strahlend weißer Rosen den Garten. ‚Hallo zusammen! Mısra, was hältst du davon, diese Rosen auf den Ausstellungstisch zu stellen? Ich dachte, sie passen perfekt zur Reinheit deiner Gedichte‘, sagte sie. Jeder wusste um meine Liebe zu Blumen, insbesondere zu weißen Rosen; meine Augen leuchteten augenblicklich auf. ‚Betül, du bist großartig! Ich nehme sie nur zu gerne an‘, sagte ich, nahm die Rosen entgegen und platzierte sie an der schönsten Ecke des Tisches, direkt neben meinem Buch. Als die weißen Rosen mit den Bändern, den winzigen Fläschchen und den Lebensgeschichten der alten Dichter verschmolzen, wurde unser Tisch zur attraktivsten Ecke der ganzen Schule. Endlich war alles bereit; jene kleine Welt, die wir erschaffen hatten, erstrahlte hell im Garten der Schule.
Einen Tag bevor die Ausstellung für die gesamte Schule und die Eltern eröffnet werden sollte, erhielten wir einen völlig unerwarteten Anruf. Mein Vater wollte Mert und mich treffen. Mert stimmte mit jener kindlichen Sehnsucht nach seinem Vater sofort zu; ich hingegen wollte nicht gehen, doch den beharrlichen Bitten meines Vaters und Merts flehendem Blick konnte ich letztlich nicht widerstehen. Da ich wusste, dass am nächsten Tag ohnehin kein Unterricht stattfinden würde und unsere Ausstellungs-Ecke bereits fertig vorbereitet war, ging ich an jenem Tag nicht zur Schule. Stattdessen begaben wir uns früh am Morgen mit Mert zu jenem kleinen Café, in dem mein Vater wartete. Sobald Mert meinen Vater erblickte, umarmte er ihn mit großer Begeisterung. Ich hingegen sagte nur aus der Ferne ein kühles ‚Hallo‘ und ließ mich auf einen der harten Stühle in der Ecke sinken. Mein Vater streichelte Mert über das Haar und sagte: ‚Soll ich dir deinen liebsten Erdbeer-Milkshake bestellen, mein Löwe?‘ Mert stimmte freudig zu. Dann wandte sich mein Vater mir zu; doch jenes Leuchten in seinem Blick war erloschen. ‚Was willst du... oder was magst du eigentlich?‘, fragte er. Mir schnürte es die Kehle zu. Mein Vater wusste nicht einmal, was ich liebte. ‚Nur Wasser‘, sagte ich mit heiserer Stimme. Irgendwann kam das Gespräch durch Merts Aufregung auf die große Ausstellung von morgen. Mit wild gestikulierenden Händen erzählte Mert, welch wunderbare Gedichte ich schrieb und berichtete von meinem großen Buch. Mein Vater lächelte mit einem leichten Spott, während er Mert zuhörte. Dann wandte er seinen Blick mir zu und sagte in einem gleichgültigen Tonfall: ‚Beschäftigst du dich immer noch mit solch kindischen Dingen, Mısra?‘ Er fügte hinzu: ‚Vom Gedichte-Kritzeln wird man nicht satt.‘ In jenem Moment fühlte es sich an, als würde sich ein schwerer Stein mitten auf mein Herz legen.
Meine Mühen, die für Didem, meine Mutter und meine Tante geradezu heilig waren, galten in den Augen meines Vaters lediglich als eine ‚Kinderei‘. Er nahm einen Schluck aus seinem Glas, sah mir direkt in die Augen und stellte jene brennende Frage: ‚Sag mal, Mısra, erinnerst du dich eigentlich an deinen siebten Geburtstag?‘ Mit dieser Frage riss in meinem Geist ein dunkler Vorhang auf; ich kehrte zurück an jene vergiftete Tafel meines siebten Geburtstags. Während meine Mutter aufgeregt den Kuchen anschnitt, war mein Vater plötzlich aufgestanden und hatte mit einer Stimme wie Eis gesagt: ‚Glaubst du etwa, du seist wertvoll? Denkst du wirklich, wir hätten diese ganzen Vorbereitungen nur für dich getroffen?‘ Während meine Mutter noch versuchte, ihn zurückzuhalten, hatte er jenen Satz herausgeschleudert, der mein kindliches Herz in tausend Stücke riss: ‚Du bist nichts weiter als der Fehler meines Lebens und meine größte Schande!‘ An jenem Tag war meine Mutter zum ersten Mal derart stark geblieben und hatte meinen Vater aus dem Haus geworfen. Mein Vater wollte Mert, der damals noch ein Baby war, mitnehmen, doch meine Mutter hatte es nicht zugelassen. Mein Geburtstag war der erste Tag, an dem sie den Weg in Richtung ihrer Scheidung einschlugen.
Dieser Mann, der mir nun gegenübersaß, blickte mir mit demselben Hass direkt in die Augen und sagte: ‚Bist du immer noch jenes erbärmliche Kind, das sich einbildet, wertvoll zu sein?‘ Mert, der neben uns saß, war fassungslos über das, was er hören musste; während er jene einsame Träne betrachtete, die über die Wange seiner Schwester rollte, begegnete er zum ersten Mal dem wahren Gesicht seines Vaters. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und stand aufrecht da. ‚Und was ist mit dir?‘, fragte ich mit einer Stimme, die nicht zittern durfte. ‚Bist du immer noch jener Mann, der zum Mörder meiner Kindheit wurde?‘ Mein Vater hatte mit dieser Antwort nicht gerechnet; er erstarrte förmlich. Ich wischte mir die Tränen weg und fuhr fort: ‚Konntest du nicht wenigstens für einen einzigen Tag so tun, als seist du mein Vater? Hast du mich nur hierher gerufen, um mir wehzutun?‘ Ich nahm Mert fest an die Hand und stand auf, um mich von jenem Tisch, von jenem Mann und von jener Vergangenheit für immer und ewig zu entfernen.
Mein Vater Onur hatte mich seit dem Tag meiner Geburt niemals geliebt. Er war nur mit meiner Mutter verheiratet geblieben, um einen Sohn zu haben, und hatte jahrelang das Theaterstück des ‚guten Vaters‘ inszeniert. Doch an jenem siebten Geburtstag war seine innere, finstere Wut übergeschwappt, als er die Vorbereitungen sah, die nur für mich getroffen worden waren, und den Wert spürte, den man mir beimaß. Nach der Scheidung hatte er nur noch Kontakt zu Mert gehalten und mich stets nur zu sich gerufen, um mir Schmerz zuzufügen. Damit Mert nicht ohne Vater aufwachsen musste, hatte ich all die Jahre geschwiegen; ich hatte jede Demütigung stumm hinuntergeschluckt. Doch heute hatte der Hochmut meines Vaters meine Geduld endgültig besiegt. Als er mich in Merts Gegenwart erneut herabsetzte, zerbrach jener Schutzschild, den ich um uns errichtet hatte, in tausend Stücke. Während Mert und ich das Café verließen, ließen wir einen innerlich zerstörten, aber noch immer hasserfüllten Mann hinter uns zurück. Ich wusste, dass mein Vater, während er dort am Tisch saß, mir die Schuld gab und in Wahrheit nur um Mert trauerte. In seiner Welt hatte ich ohnehin nie existiert; wie hätte mein Verlust für ihn also von Bedeutung sein können? Mert hingegen zitterte noch immer am ganzen Körper, als wir ins Freie traten. ‚Abla‘, sagte er mit einer Stimme, die dem Weinen nahe war, ‚warum hast du mir das all die Jahre nicht gesagt?‘ Mert hatte begriffen, dass unser Vater nicht nur der Mörder meiner, sondern auch seiner Unschuld war. Jenes jahrelange, falsche Theaterstück vom ‚guten Vater‘ hatte mit einer einzigen Beleidigung sein Ende gefunden. Nun gab es nur noch uns beide; und mit der schweren Last der Freiheit, die uns die Befreiung von jenem falschen väterlichen Gewicht schenkte, schritten wir nach Hause, unserer Zuflucht entgegen.
Als wir zu Hause ankamen, war meine Mutter in der Küche; damit sie das Zittern in unseren Stimmen nicht bemerkte, gingen wir sofort in Merts Zimmer, ohne ihr in die Augen zu blicken. Um sie nicht zu betrüben, hatten wir schweigend beschlossen, ihr diese schmerzvolle Geschichte nicht noch einmal zu erzählen. Wir legten uns auf Merts Bett, und ich murmelte ihm eines jener Märchen vor, die ich ihm schon als Kind erzählt hatte. Währenddessen konnte ich aus dem Nebenzimmer hören, wie meine Mutter mit meiner Tante telefonierte und wie voller Vorfreude sie auf die morgige Ausstellung war. Mert, erschöpft von der Last des erlittenen Schocks, schlief mitten in meinem Märchen ein. Ich deckte ihn behutsam zu und ging in mein eigenes Zimmer. In dem Augenblick, als ich die Tür schloss, brach jene gewaltige Last in meiner Brust hervor. Um niemanden zu wecken und niemanden zu verletzen, vergrub ich mein Gesicht im Kissen; ich erstickte meine Schluchzer in der Weichheit des Stoffes und weinte. So hatte ich es jahrelang getan; wann immer meine Seele brannte, weinte ich lautlos und unterdrückte meine Stimme.
Als meine Tränen versiegten, waren Stunden vergangen, doch der Schlaf blieb mir fern. In meinem Geist tauchte jener berühmte Satz auf, den ich im Internet gelesen hatte: ‚Mädchen verlieben sich in ihre Väter, und Väter sind die erste Liebe ihrer Töchter.‘ Während ich die dunkle Decke anstarrte, breitete sich ein bitteres Lächeln auf meinem Gesicht aus. ‚Ich war niemals eines jener Mädchen‘, flüsterte ich. Meine erste Liebe waren meine Gedichte, die mich niemals verließen. Ich war nicht in einen Menschen verliebt, sondern in die Tiefe der Gefühle und die heilende Kraft der Worte. Den Wert, den mir mein Vater versagte, hatte ich in meinen eigenen Versen gefunden. Gegen Morgen, als der Sturm in meiner Seele einer erschöpften Stille wich, flüchtete ich mich in den Gedanken an den großen morgigen Tag und schlief endlich ein.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch mein Fenster drangen. Obwohl ich in der Nacht kaum ein Auge zugetan hatte, fühlte ich mich seltsam leicht, als hätte ich eine jahrelange Last am Tisch jenes Cafés zurückgelassen. Ich wusch mein Gesicht und betrachtete mich im Spiegel; meine Augen waren zwar noch ein wenig gerötet, doch in ihnen lag ein neuer Glanz — die Entschlossenheit einer Frau, die ihre eigene Geschichte schreibt. Ich weckte Mert mit einem sanften Kuss auf die Stirn. ‚Komm schon, kleiner Held‘, flüsterte ich, ‚heute ist der Tag, an dem unsere Worte fliegen lernen.‘ Meine Mutter hatte bereits das Frühstück vorbereitet; der Duft von frischem Tee und Gebäck erfüllte das Haus und schenkte uns jene Geborgenheit, die uns gestern so gefehlt hatte. Wir sprachen nicht über das Treffen mit Onur; es war, als existierte dieser Name in unserem Zuhause nicht mehr. Als ich mein Buch und die restlichen Materialien für die Ausstellung an mich nahm, spürte ich ein tiefes Vertrauen in mich selbst. In der Schule angekommen, erwartete uns bereits jener Garten, den wir gestern mit Didem und Can in ein kleines Paradies verwandelt hatten. Die weißen Rosen auf dem Tisch schienen im Morgentau noch heller zu strahlen. Didem rannte auf mich zu, ihre Augen funkelten vor Aufregung. ‚Bist du bereit, Mısra?‘, fragte sie und drückte fest meine Hand. Ich blickte auf mein Buch, auf meine mühsam gewebten Verse und dann in den klaren Himmel. ‚Ich bin mehr als bereit‘, antwortete ich. Heute würde nicht nur meine Kunst, sondern auch meine Seele vor der ganzen Welt Zeugnis ablegen.
Während Didem wie gewohnt Can neckte und ihn ordentlich ins Schwitzen brachte, begrüßte ich Betül und tauchte in die lebendige Atmosphäre des Gartens ein. Beim Rundgang zwischen den anderen Tischen verloren wir uns zwischen komplexen mathematischen Formeln, Fermentationsbeispielen und tiefgründigen philosophischen Schautafeln. Die diesjährige TÜBİTAK-Ausstellung war wahrlich reich an Inhalten; der Garten war überfüllt mit Lehrern, pflichtbewussten Eltern und erwartungsvollen Schülern. Als der Beginn der Ausstellung verkündet wurde, suchte ich sogleich Herrn Bülent auf und lud ihn an unseren Tisch ein. Meine Augen waren nur auf ihn gerichtet; die Kommentare der anderen Lehrer drangen nur wie ein fernes Rauschen an mein Ohr. Als Herr Bülent unseren Tisch und mein Buch betrachtete, erstrahlte in seinen Augen ein solch tiefer Stolz, dass ich mich augenblicklich an jene hasserfüllten, herablassenden Blicke meines Vaters im Café erinnerte. Der tiefe Abgrund zwischen jenem Hass und diesem Stolz ließ mein Herz schmerzlich erzittern; eine einzelne Träne stahl sich aus meinem Auge, doch ich wischte sie hastig fort, bevor sie jemand bemerken konnte.
In diesem Moment bemerkte ich jemanden in der Menge. Er glich weder einem Schüler noch einem Lehrer. Er wich keinen Augenblick von unserem Tisch und betrachtete mich, als würde er bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele blicken. In seinen Augen lag eine seltsame Vertrautheit; es war, als kannte er all meinen Schmerz, jedes meiner Schluchzen und jede Zeile, die ich bisher geschrieben hatte. Für einen Moment schien es, als gehöre er nicht in dieses Märchen, sondern sei von einem fernen Ort außerhalb unserer Welt gekommen. Am Ende der Ausstellung trat dieser Fremde auf mich zu und umarmte mich wortlos und fest. ‚Ich gratuliere dir, du hast es geschafft‘, flüsterte er mir zu. Ich war fassungslos; noch bevor ich fragen konnte, wer er sei, verschwand er in der Menge. Er war so geheimnisvoll, dass mein Geist Mühe hatte, ihn als eine reale Erinnerung festzuhalten; es war, als wäre dieser Fremde niemals dagewesen, und so vergaß ich ihn innerhalb von Sekunden. Doch das Gefühl jener herzlichen Umarmung hatte die Kälte, die mein Vater hinterlassen hatte, vollkommen hinweggefegt.
Während die süße Erschöpfung der Ausstellung noch auf uns lastete, sehnten wir den Abend herbei. Als es schließlich dunkel wurde, flüchteten meine Mutter, meine Tante, Didem und ich in jene vertraute Festung — unser liebstes Café. Die Energie am Tisch war so hoch, dass die schweren Szenen, die ich erst gestern erlebt hatte, wie Jahre zurückliegend erschienen. Mit leuchtenden Augen verkündete meine Tante die frohe Botschaft: ‚Mädchen, mein Vorstellungsgespräch bei jener großen Firma lief fantastisch, und ich wurde heute eingestellt!‘ Diese Nachricht versetzte uns alle in helle Begeisterung. Als sich der Erfolg meiner Tante mit unserem Stolz auf die Ausstellung vereinte, verwandelte sich das Café förmlich in einen Ort des Feierns. Meine Mutter betrachtete uns mit einem Frieden im Gesicht, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, und sagte: ‚Heute feiern wir nicht nur ein Projekt oder einen Job, wir feiern unsere Verbundenheit zueinander. Ihr habt einmal mehr bewiesen, dass wir gemeinsam alles erreichen können.‘ Während Didem aufgeregt von den komischen Momenten der Ausstellung erzählte und davon berichtete, wie Can den Tisch wie ein treuer Soldat bewacht hatte, vermischte sich unser Lachen in der Luft. Meine Tante hielt meine Hand und flüsterte: ‚Mısra, deine Feder hat heute die Herzen vieler Menschen berührt. Das ist erst der Anfang.‘ An jenem Abend in diesem Café feierten wir nicht nur unsere Erfolge, sondern auch die Freundschaft, die Mühe und die Kraft einer Familie, die aus ihrer eigenen Asche neu erstanden war. Das Fehlen meines Vaters war nun keine Leere mehr, sondern ein Symbol unserer Freiheit.
Nachdem die Ausstellung vorüber war, wich die geschäftige Unruhe der Schule einer eher verhaltenen Gangart. Der reguläre Unterricht hatte wieder begonnen, doch in unseren Köpfen hallte nur ein einziger Gedanke wider: Das unerbittliche Vergehen der Zeit. Diese wenigen Wochen gehörten zu den seltsamsten Phasen meines Lebens. Can machte aus seiner beschützenden Haltung, die er während der gesamten Ausstellung an den Tag gelegt hatte, kein Geheimnis mehr. Jene Anziehungskraft zwischen ihm und Didem war an unserem Tisch in der Schulkantine fast greifbar geworden. Auf jede von Didems neckischen Scherzen antwortete Can mit einem schüchternen, aber herzlichen Lächeln, während Didem ihn mit ihrem gewohnt verschmitzten Funkeln in den Augen sanft herausforderte. Es wärmte mir das Herz, sie einander so nah zu sehen, doch gleichzeitig wuchs in meinem Inneren ein stechender Schmerz.
Ob im Schulgarten, in der Kantine oder in der Bibliothek – wenn wir zu dritt Zeit verbrachten, fehlte es nie an Gelächter. Doch wann immer Stille einkehrte, senkten wir alle unsere Blicke zu Boden. Denn wir wussten: Diese Witze, die gemeinsam geteilten Sesamringe und unsere Schritte in den Korridoren der Schule waren gezählt. Der Tag, an dem Didem nach Antalya ziehen würde, rückte auf dem Kalender wie ein riesiger schwarzer Fleck immer näher. Manchmal sah Can Didem auf eine Weise an, als wollte er sie mit seinen Blicken für immer hier festschmieden. Ich wiederum versuchte, jeden Augenblick dieser letzten Wochen – mit meiner besten Freundin auf der einen und unserem treuen Kameraden auf der anderen Seite – tief in mein Gedächtnis einzugraben. Die Frage ‚Kannst du nicht doch bleiben?‘ lag mir ständig auf der Zunge, doch ich schwieg, um Didems fröhliche Art, mit der sie so tat, als würde sie niemals fortgehen, nicht zu zerstören.
Als das Wochenende kam, suchten wir Zuflucht am Ufer des Meeres, beim beruhigenden Rauschen der Wellen. Der Himmel war an jenem Tag grauer als je zuvor. Während Didem einen Stein ins Meer schleuderte, ließ sie zum ersten Mal ihre Maske fallen. ‚Weißt du, Mısra‘, sagte sie mit bebender Stimme, ‚ich hasse es, fortzugehen. Selbst die Sonne von Antalya wird niemals jene regnerischen Wege ersetzen können, die ich mit dir gemeinsam gegangen bin.‘ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Doch sie holte tief Luft, wandte sich mir zu und ergriff meine Hände: ‚Aber lass uns versprechen: Wir werden diese letzten Tage nicht mit Weinen, sondern mit den schönsten Erinnerungen beenden. Wir werden uns nicht an den Tag meines Abschieds erinnern, sondern an die Tage, die uns noch bleiben.‘ Ich schwieg und nickte nur. Wir vertagten unseren Schmerz, indem wir uns gegenseitig dieses Versprechen gaben.
Am Abend trafen wir uns bei Didem zu Hause. Wir kauften unsere liebsten Knabbereien, kuschelten uns unter eine Decke und schalteten eine alte Komödie ein. Während unser Gelächter den Raum erfüllte, schien alles ganz normal zu sein. Doch als der Film endete und wir uns ins Bett legten, blinzelte mir die Wahrheit aus der Dunkelheit entgegen. Mein Blick blieb an den Kartons unter dem Bett und den leeren Regalen in der Bibliothek hängen. Die Seele des Zimmers war nach und nach eingepackt worden. Didems Zuhause, jene Zuflucht, die wir uns geteilt hatten, hatte sich nun in eine Durchgangsstation verwandelt. Mein Herz krampfte sich zusammen; ich wollte beim Anblick dieser leeren Kartons laut schluchzend weinen. Doch als ich zu Didem blickte, bemerkte ich, dass auch sie ihre Augen fest an die Decke geheftet hatte, um jene Kartons nicht sehen zu müssen. Ich hielt mein Versprechen; ich schluckte den Kummer hinunter, lächelte und umarmte sie fester, ohne ein einziges Wort zu sagen.
Am Sonntagmorgen erwachte ich trotz des strahlenden Sonnenlichts, das in das Haus drang, mit einer Schwere im Inneren, die einfach nicht weichen wollte. Am Frühstückstisch saßen meine Mutter, Mert und ich an unseren gewohnten Plätzen, doch die übliche Heiterkeit war einer beunruhigenden Stille gewichen. Während der Dampf des Tees in der Luft schwebte, legte sich die Gewissheit von Didems bevorstehendem Abschied erneut wie ein zentnerschwerer Stein auf mein Herz. ‚Didem wird bald gehen, der Countdown hat bereits begonnen‘, flüsterte ich, während ich geistesabwesend mit den Oliven auf meinem Teller spielte. Als meine Mutter das Zittern in meiner Stimme hörte, griff sie sanft nach meiner Hand; Mert hingegen kam wortlos auf mich zu und umarmte mich fest. Sie teilten meinen Schmerz nicht nur mit Worten, sondern schenkten mir durch ihre bloße, warme Gegenwart Trost.
Nach dem Frühstück zog ich mich aus dem lebendigen Trubel des Hauses in mein Zimmer, mein eigenes Refugium, zurück. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren, um meine Gedanken zu zerstreuen; doch bei jeder Bewegung schien meine Feder Didems Namen schreiben zu wollen. Einen Augenblick lang hielt ich inne und blickte auf den Kalender; es waren nur noch zwei Wochen. In zwei Wochen würden wir unsere Zeugnisse erhalten. Jener Tag der Zeugnisausgabe, den ich normalerweise wie eine Siegesfeier herbeigesehnt hätte, war nun lediglich der Vorbote von tausenden Kilometern, die sich zwischen Didem und mich drängen würden, und von leisen Abschieden. Es schmerzte mich zutiefst, wie grausam und schnell die Zeit verging – fast so, als wollte sie mir etwas rauben. Ich konnte spüren, wie selbst die Zeilen zwischen meinen Hausaufgaben von dieser tiefen Melancholie ergriffen wurden.
In den Korridoren der Schule, die sich allmählich zu leeren begannen und in deren jeder Ecke eine unserer Erinnerungen wie ein Echo nachhallte, sah ich Didem und Can nebeneinander hergehen. Ihre Schritte waren schwer, und ihr Schweigen war tiefer als je zuvor. Plötzlich hielt Didem inne, holte tief Luft und sprach, während sie Can direkt in die Augen blickte, die unvermeidliche Wahrheit aus: ‚Du weißt es, nicht wahr, Can? Ich gehe... Aber ich werde dich niemals vergessen. Du bist wirklich ein sehr guter Freund.‘ Ihre Stimme war so innig und voller Wehmut, dass sich die Atmosphäre im Korridor schlagartig verdüsterte; ein Wind des Abschieds begann zwischen den beiden zu wehen. Angesichts dieses emotionalen Ausbruchs blitzte in Cans Augen für einen flüchtigen Moment ein tiefer Schmerz auf, doch um Didem nicht noch mehr zu betrüben, setzte er sogleich seine gewohnt heitere Maske wieder auf.
Mit einem vorgetäuschten Ausdruck der Erleichterung erwiderte Can: ‚Mensch! Du verabschiedest dich also endlich von jener Gefahr für dein Leben und von diesem Mathematiklehrbuch, was? Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich sei nicht froh darüber. Dieses Mathebuch zwinkert mir in meinen Träumen immer noch hämisch zu.‘ Didem hielt ob dieser unerwarteten Antwort zunächst überrascht inne, bevor sie Can mit ihrem berühmten, verschmitzten Lächeln einen kräftigen Stoß gegen die Schulter versetzte. ‚Ach, geh doch weg! Wer bist du schon, und was verstehst du schon von einem Mathebuch? Es taugt wenigstens zu etwas!‘, konterte sie schlagfertig. Während ihr gemeinsames Lachen in den leeren Korridoren widerhallte, blieb der große Schmerz, der sich unter diesem heiteren Schlagabtausch verbarg, als ein feiner, stechender Riss in beider Herzen zurück.
Während ich die Tage inständig bat, innezuhalten, vergingen sie, als hätten sie Eile, uns voneinander zu trennen. Endlich war jener gefürchtete Tag der Zeugnisausgabe gekommen. Das Schulgebäude, das wir jahrelang mit unseren Hoffnungen, Enttäuschungen und unserem Gelächter gefüllt hatten, wirkte heute seltsam fremd und leer auf mich. In den Korridoren herrschte nicht jene übliche, freudige Aufregung vor den Ferien; stattdessen lag eine bleierne Schwere in der Luft. Als ich mein Zeugnis in den Händen hielt, empfand ich keinen Stolz über die Noten. Jedes Mal, wenn mein Blick auf Didem fiel, schnürte sich mir die Kehle zu. Wir sprachen kaum; es war, als hätten wir all unsere Worte bereits in jenen vergangenen Wochen aufgebraucht, und nun blieb uns nur noch das schmerzvolle Schweigen. Can stand etwas abseits, seine Hände tief in den Taschen vergraben, und blickte abwechselnd zu Boden und zu Didem. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den ich niemals vergessen würde – eine Mischung aus tiefer Ergebenheit und einem stillen, unterdrückten Abschiedsschmerz. Wir wussten beide, dass dies nicht nur das Ende eines Schuljahres war, sondern das Ende einer Ära, die uns für immer geprägt hatte.
Während ich die Tage inständig bat, innezuhalten, schienen sie geradezu darauf zu brennen, uns voneinander zu trennen. Es erfüllte mich mit Zorn zu sehen, wie die Kalenderblätter so rücksichtslos fielen und wie die Zeit mir Stück für Stück etwas raubte. Da der Vater von Didem versetzt worden war, gab es nun kein Zurück mehr. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, versetzte es mir einen Stich ins Herz zu sehen, wie sich unser warmes Refugium in eine bloße Verladestation verwandelte, in der sich die Kartons turmhoch stapelten. Während ich ihr und ihrer Familie half, die Küchenutensilien in Zeitungspapier einzuwickeln, konnte ich auf Didems Schultern jene stille Ergebenheit spüren. Nun war alles bereit; zurück blieben nur leere Wände und traurige Erinnerungen.
Wenn ich dieses Tempo schon nicht verlangsamen konnte, so musste ich wenigstens jene Augenblicke einfrieren. Am Abend schloss ich mich in mein Zimmer ein und ließ alle Fotos entwickeln, die ich mit Didem zusammen hatte. Vom ersten Schultag bis zu unserem gemeinsamen Moment auf der Ausstellung hielt ich jede einzelne Aufnahme in den Händen. Ich ordnete sie sorgfältig in eine elegante Mappe ein, um sie ihr am Tag der Zeugnisausgabe zu überreichen. Diese Mappe bestand nicht nur aus Papier; ich hatte unsere gesamte Kindheit und unsere unerschütterliche Verbundenheit hineingelegt. Wenn in zwei Wochen der große Tag käme, würde ich ihr nicht nur ein Zeugnis überreichen, sondern ein Stück meines Herzens.
Als der Tag der Zeugnisausgabe kam, schien selbst der Himmel bereit, gemeinsam mit uns zu weinen. Im Garten der Schule, der einst so voller Lebensfreude und Gelächter war, standen Didem und ich ein letztes Mal beieinander und machten unsere letzten Fotos. Wir versuchten zu lächeln, doch jene tiefe Schwermut war in jede einzelne Aufnahme gesickert. Didem verabschiedete sich auch kurz von Can; der scherzhafte Can war verschwunden, an seine Stelle war ein stiller, niedergeschlagener Junge getreten. Als die Zeremonie begann, traten wir auf die Bühne, um unsere Auszeichnungen entgegenzunehmen. Während der Applaus anschwoll, hielten wir uns einfach nur an den Händen fest; dieser Erfolg fühlte sich nun vollkommen bedeutungslos an. Nach der Feier wartete das Auto von Didems Familie bereits am Schultor. Als dieser Augenblick kam, brachen wir unter Schmerzen unser Versprechen, das wir uns gegeben hatten: tagelang nicht zu weinen. Wir klammerten uns so fest aneinander, als könnte sie niemals fortgehen, wenn wir uns nur nicht losließen. Unsere Schluchzer vermischten sich mit dem Lärm der Menge. Didem stieg mühsam ins Auto und winkte mir hinter der Scheibe zu, während sie sich entfernte. Ich blieb wie angewurzelt stehen, bis das Auto vollends aus meinem Blickfeld verschwunden war.
Als ich nach Hause zurückkehrte, war die Stille in meinem Zimmer ohrenbetäubend. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, und während meine Tränen auf das Papier tropften, schrieb ich ein letztes Gedicht für Didem; ich erzählte von ihrem Fortgehen, meiner Leere und unserer unendlichen Freundschaft. Ich faltete das Gedicht zusammen und verbarg es in jenem winzigen, bunten Strickmäppchen, das Didem mir vor Jahren mit ihren eigenen Händen gefertigt und geschenkt hatte. Jenes Mäppchen bewahrte nun nicht mehr nur meine Stifte auf, sondern trug den schwersten Schmerz meines Herzens und zugleich meine schönste Erinnerung in sich. An jenem Tag war nicht nur meine beste Freundin gegangen; mit jenem Auto hatte sich auch die Hälfte meiner Kindheit für immer entfernt.
Als die Stille im Haus nach Didems Fortgang wie eine zentnerschwere Last auf mich niederging, wollten meine Mutter und Mert mich von dort wegführen. An jenem Abend besuchten wir gemeinsam meine Tante. Doch selbst der vertraute, beruhigende Duft von Zimt, der ihrem Haus eigen war, vermochte den Sturm in meinem Inneren nicht zu bändigen. Während die anderen sich im Wohnzimmer unterhielten, suchte ich Zuflucht bei meiner Tante. Mich bei ihr auszusprechen und ihr von jenem riesigen Loch zu erzählen, das Didems Abwesenheit in mein Herz gerissen hatte, ließ mich zumindest für einen Moment aufatmen. Meine Tante hielt meine Hände und sagte: ‚Manche Abschiede, Mısra, sind nur der Anfang von noch größeren Wiedersehen.‘ Durch ihre tröstenden Worte beruhigte ich mich ein wenig und fühlte mich geborgener.
Als wir in der Nacht nach Hause zurückkehrten, legte ich mich mit Augen, die vom Weinen und vor Erschöpfung geschwollen waren, ins Bett. Sobald ich in den Schlaf hinüberglitt, fand ich mich auf dem Ausstellungsgelände im Schulgarten wieder. Alles war seltsam, eingehüllt in einen halbtransparenten Nebel. In der Ferne, an jenem Tisch bei meinen Gedichten und meinem Buch, das eigentlich mein Herz war, erschien eine Silhouette; es war jene geheimnisvolle Frau, die ich am Tag der Ausstellung gesehen hatte. Sie machte keinen einzigen Schritt auf mich zu, sondern beobachtete mich nur aus der Ferne mit ihren tiefen, wehmütigen Blicken. In ihren Augen lag etwas, das sie mir sagen wollte, wofür sie jedoch keine Worte fand. Ich wollte auf sie zugehen und laut rufen: ‚Wer bist du?‘, doch meine Stimme verhallte ungehört an den Mauern der Schule. Die Frau lächelte nur sanft, drehte sich wortlos um und verschwand im Nebel. Als ich schweißgebadet aufwachte, hämmerte mein Herz im Takt des Geheimnisses, das in den Blicken jener Frau verborgen lag.
Während ich schweißgebadet aufwachte und in das fahle Licht blickte, das von der Zimmerdecke herabsank, versuchte ich, meinen Herzschlag zu bändigen. Die Blicke jener mysteriösen Frau inmitten des Nebels ruhten noch immer schwer auf mir. Doch dann tauchte aus den Tiefen meines Bewusstseins ein anderes Bild auf; ich hatte sie schon einmal in meinem Traum gesehen. Aber jener Traum war, ganz im Gegenteil zu diesem, weder neblig noch kalt. In jenem Traum war die Frau auf mich zugekommen und hatte mich so warm, so innig umarmt, dass ich von einem Gefühl der Geborgenheit erfüllt worden war, wie ich es in der realen Welt niemals zuvor empfunden hatte. Auf der einen Seite die hüzünvolle Fremde, die mich aus der Ferne beobachtete, auf der anderen jener friedvolle Schoß, der mich mit Zärtlichkeit empfing... Ich richtete mich im Bett auf und blickte aus dem Fenster auf den grauen Morgen. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen: Wenn diese Frau jenseits meiner Träume auch im wirklichen Leben existierte, wie würde sie sich mir gegenüber wohl verhalten? Würde sie mich bei unserer Begegnung wieder mit jenen fernen ve geheimnisvollen Blicken empfangen oder mit jener herzlichen Umarmung, die meine Seele heilte? Während die Realität mit meinen Fantasien verschmolz, fragte ich mich, wer diese Frau wirklich war und warum sie ausgerechnet mit Didems Fortgang in das Zentrum meines Lebens, in meine Träume, gesickert war. Vielleicht versuchte mein Herz, ein fehlendes Stück mit diesem völlig unbekannten Gesicht zu vervollständigen.
Als ich euch fragte, was ein Buch für euch beeindruckend macht, hielt ich dies für eine einfache Frage; ich betrachtete es als eine gewöhnliche Neugierde, die man ohne langes Nachdenken beantworten könnte. Doch jene Frage hat uns bis hierher geführt, ist Seite um Seite gewachsen und in jede Zeile unserer Geschichte gesickert. Nun trete ich mit einer weitaus anderen Frage vor euch. Die Antwort, die ihr auf diese Frage geben werdet, wird nicht nur das Ende von Mısra, sondern das Ende dieser gesamten Geschichte bestimmen; vielleicht wird sie sogar eure eigenen zukünftigen Handlungen und eure Reaktionen gegenüber dem Leben prägen. Manche Fragen werden nicht gestellt, nur um beantwortet zu werden, sondern um einen Weg zu wählen.
Mısra hat in ihren Träumen zwei verschiedene Enden für sich vorbereitet; beide sind so kraftvoll, dass sie ihre eigene Realität sein könnten, und beide sind gleichermaßen geheimnisvoll. Doch für diese Geschichte wird nur ein einziges Ende geschrieben werden, und wenn jener Tag im Mai kommt, wird diese Wahl ganz allein bei euch liegen. Solltet ihr Mısra in jenem nebligen Schulgarten mit dem Geheimnis der mysteriösen Frau zurücklassen, die sie aus der Ferne beobachtet? Oder solltet ihr sie mit dem Frieden jener herzlichen Umarmung zusammenführen, wie in ihrem anderen Traum? Den letzten Satz dieser Geschichte werde nicht ich bilden, sondern ihr. Die Entscheidung, die ihr trefft, wird die letzte Seite des Buches in Mısras Herzen besiegeln.
Ich hatte euch ein Versprechen gegeben, und dieses Versprechen habe ich bereits in aller Stille eingelöst. Jene unter euch, die dieses feine Detail bemerkt haben, sind dem Hauptcharakter im wirklichen Leben bereits begegnet. Diejenigen, die es noch nicht bemerkt haben, können an den Anfang des Buches zurückkehren oder auf jenen berühmten Tag im Mai warten. Wenn ihr bis hierher gelesen habt, so hoffe ich, dass ihr Mısra in euer Herz geschlossen habt. Ich danke euch dafür, dass ihr Teil dieser kleinen Geschichte geworden seid, und spreche euch aus tiefstem Herzen meinen Dank aus.
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