Psychologie
Kann ein Mensch leben, ohne seinen Vater je gekannt zu haben? Ich habe es getan.
Jedes Mal, wenn meine Mutter davon erzaehlte, kam sie nicht bis zum Ende des Satzes. Dabei kannte ich dieses Ende schon lange auswendig.
Ein Mann bricht mitten in der Nacht auf. Eine Frau wartet unter Wehen. Ein Kind kommt zur Welt - und dieser Mann erreicht diese Welt niemals.
Mein Vater hatte die Welt bereits verlassen, als er auf dem Weg zu mir war. Er hat mich nie gehalten. Hat meine Hand nie beruehrt, mein Gesicht nie gesehen. Das war die erste Nachricht meines Lebens: Ich war jemandes Ende.
Meine Mutter liess es sich nie wie ein Vergehen anfuehlen. Aber manchmal wohnt die Schuld in Stille, die sich nicht in Worte fassen laesst. In unserem Zuhause gab es eine leere Tasse zu viel und immer einen halbfertigen Satz. Wir hielten uns aneinander fest - meine Mutter und ich - und waehrend ich groesser wurde, schien sie kleiner zu werden.
Aber ich bin nicht so aufgewachsen wie andere Kinder.
Laufen, Lesen, Schreiben - all das lernte ich viel zu schnell. Mit vier Jahren konnte ich die Briefe lesen, die meine Mutter versteckt hielt. Doch ich habe mich nie wie ein Kind gefuehlt. Eher wie ein Erwachsener, der zu spaet gekommen war. Eine Seele, die im falschen Koerper geboren wurde. Vielleicht lag es daran, dass meine Seele genau in dem Moment in diese Welt kam, als eine andere sie verliess.
'Clara, alles in Ordnung?' Die Stimme meiner Mutter zerstreute das Rauschen in meinem Kopf. Ich blinzelte und richtete den Blick auf den Teller vor mir - ploetzlich wieder bewusst, wo ich war.
'Ja. Ich war nur kurz weg,' sagte ich.
Sie liess ihren Blick einen Moment zu lang auf mir ruhen - als wuesste sie genau, in welchem Gedanken ich verloren gegangen war. Der bittere Zug, der sich an ihren Mundwinkeln abzeichnete, verriet alles. Sie sagte nichts. Aber das Schweigen, das sie hinterliess, enthielt sehr viel.
'Los, du hast noch nichts angeruehrt. Fruehstueck jetzt,' sagte sie, leise, aber bestimmt.
'Okay,' sagte ich mit einem Nicken.
Das Geraeusch der Gabel auf dem Teller hallte unverhaeltnismaessig laut in der Kueche nach. Wir assen ohne zu sprechen. Das Ticken der Uhr, der Dunst des Tees, das blasse Morgenlicht an der Fensterscheibe - alles war zu scharf, zu klar.
Meine Mutter stand auf, stellte ihren Teller auf die Anrichte und wandte sich zur Tuer. 'Clara, ich gehe jetzt. Und komm nicht zu spaet,' sagte sie, schluepfte in ihre Schuhe. Als die Tuer hinter ihr ins Schloss fiel, legte sich Stille ueber die Wohnung.
Ich blieb sitzen und starrte auf den leeren Stuhl ihr gegenueber. Eben noch hatte sie ihn ausgefuellt. Jetzt war er nur noch Raum. Ich atmete tief durch, stand auf und begann die Kueche aufzuraeumen - Teller ins Spuelbecken, Wasser aufdrehen, das Rauschen vermischte sich mit dem Droehnen in meinem Kopf. Ich bewegte mich schnell, griff nach meiner Tasche, schluepfte in die Schuhe und trat hinaus.
Dann, um die Ecke - dieses Geraeusch.
'Clara.'
Mein Name. In den Wind gewoben, kaum hoerbar. Ich lief weiter, als haette ich nichts gehoert. Dann kam es erneut, deutlicher.
'Clara.'
Ich blieb stehen. Drehte mich um. Schaute nach links, nach rechts. Niemand. Aber mein Name hing in der Luft. 'Wer ist da?', rief ich. Die Angst hatte mich erfasst, und ich war schon dabei, die Beine in die Hand zu nehmen, als eine Stimme kam - nicht von draussen, sondern aus mir heraus.
'Clara. Ich bin hier.'
Ein Teil von mir war nicht einmal veraaengstigt. Der andere schrie, ich solle weglaufen. Die Angst gewann. Meine Beine bewegten sich, ohne dass ich es wollte. Ich rannte. Als ich in die Seitenstrasse einbog, stand die Schule vor mir - ruhig, still, als waere nichts gewesen. Ich verlangsamte meinen Schritt und ging auf die Eingangsstufen zu.
Der Hof war belebt - Schuelerinnen und Schueler in Grueppchen, andere auf den Stufen, Lachen ueberall. Alles wie es sein sollte. Die Welt stand noch. Und ich auch.
'Clara!' Mein Name - aber diesmal war es Freyas Stimme.
'Hey, ich hab dich gerade laufen sehen. Trainierst du fuer einen Marathon oder was?', sagte sie in neckendem Ton. Fast haette es mich zum Laecheln gebracht.
'Ich dachte, ich komme zu spaet,' sagte ich und wich der Wahrheit aus. Freya schaute mich weiter an, ueberzeugt.
'Komm schon, wenn wir noch laenger hier stehen, kommen wir wirklich zu spaet,' sagte ich und lenkte ab. Sie schuettelte den Kopf und lief in Richtung Klasse. Ich folgte ihr.
Hefte wurden aufgeschlagen. Stifte setzten auf Papier. Stuehle scharrten.
Ich beugte den Kopf ueber mein Heft. Die Schrift an der Tafel wirkte verblasst - als waeren die Woerter irgendwo weit weg. Die Stimme der Lehrerin wurde zum Hintergrundrauschen.
Ich machte Notizen. Blaetterte. Tat alles, was ich sollte. Aber nichts davon war wirklich.
Als die Glocke klingelte, erwachte der Raum - Stuehle wurden zurueckgeschoben, Lachen erhob sich, die Stunde war vorbei.
'Clara.' Freya erschien neben mir. 'Da soll ein neues Cafe aufgemacht haben. Gehen wir?'
'Nicht heute. Ich bin ein bisschen muede,' sagte ich mit einem kleinen Laecheln.
'Ach komm, es wird schoen - und die Muedigkeit verfliegt,' bestand sie.
'Zaehlt mich heute aus,' sagte ich und liess die Erschoepfung in meine Stimme einfliessen. Die anderen draengten nicht weiter.
Ich schnappte meine Tasche und verliess die Schule. Die Menge verteilte sich in verschiedene Richtungen. Ich ging den anderen Weg - den Weg, den meine Beine schon oft gegangen waren, besonders an solchen Tagen.
Als ich durch das Friedhofstor trat, legte sich eine seltsame Ruhe ueber mich. Hier war alles langsam. Niemand hatte es eilig. Niemand stellte Fragen.
Ich stand vor dem Grab meines Vaters.
Waehrend ich den Stein anstarrte, zog sich etwas in mir zusammen. Aber ich weinte nicht. Am Grab weinte ich nicht mehr.
'Ich hab es heute wieder gehoert,' sagte ich leise. 'Meinen Namen.'
Meine Stimme klang wie die einer Fremden - als wuerde jemand anderes sprechen.
'Ich dachte, dieser Tag sei vorbei. Ich dachte, wenn ich akzeptiere, dass dein Tod nicht meine Schuld war, wuerde es verstummen. Dass alles aufhoert.'
Ich liess mich auf die Knie sinken. Legte die Hand an den Stein. Er war kalt - aber wirklich. Wenigstens das war wirklich.
'Papa,' sagte ich, diesmal leiser. 'Geht es mir wirklich gut?'
Keine Antwort. Sie wuerde niemals kommen.
'Ich glaube nicht. Aber ich werde vor dieser Stimme nicht davonlaufen. Das sollst du wissen.'
Ich stand auf, drehte mich um. Lief los. Diesmal nicht mit Trauer - sondern mit etwas, das mehr wie Erwartung war. Nicht auf das Verlorene. Auf das, was ich erlebt hatte und noch immer nicht verstand.
Als ich den Friedhof verliess, hatte der Himmel begonnen, die Farbe zu wechseln. Nicht ganz Abend, nicht mehr ganz Tag. Diese Zwischenstunde - wenn Menschen sich selbst am aehnlichsten sind.
Ich zog das eiserne Tor hinter mir zu. Das Quietschen war kurz. Die Stimme in mir schwieg auch. Zumindest fuer jetzt.
* * *
Ich schloss die Tuer auf und trat ein. Die Wohnung war genauso wie ich sie verlassen hatte. Ich ging in mein Zimmer, zog mich um, dann in die Kueche. Ich erwaermte die Reste vom Vortag, stellte den Teller auf den Tisch und setzte mich.
Der Stuhl gegenueber war leer. Diesmal war er einfach nur leer - es fehlte nichts.
Ich ass schnell, raeumte den Tisch ab und ging in mein Zimmer. Mein Heft lag offen - ich hatte vergessen, es zu schliessen. Gerade als ich es zuklappen wollte, entdeckte ich eine Zeichnung.
Ein Menschenkopf. Und darin ein weiterer Kopf. Zwei Wesen in einem Koerper.
Ich setzte mich und starrte es an. Wann hatte ich das gezeichnet?
'Ach nein. Nicht schon wieder...' murmelte ich.
Das war nichts Neues. Manchmal fand ich Notizen - zwischen Buchseiten geklemmt, als Entwurf auf dem Handy gespeichert, halbfertige Absaetze. Alles in meiner Handschrift. Alles, woran ich mich nicht erinnern konnte.
Ich drueckte mein Gesicht in die Haende.
'Vergesslichkeit,' fluisterte ich vor mich hin.
Ich liess es nicht weiter auf mich wirken. Ich legte mich ins Bett. Es war noch frueh am Abend, aber ich war erschoepft. Ich liess mich fallen und versank in tiefen Schlaf.
* * *
Als ich am Morgen die Augen oeffnete, war das Zimmer in blasses Licht getaucht. Ich richtete mich im Bett auf. Die Wohnung war zu still. Normalerweise kamen um diese Zeit Geraeuschen aus der Kueche - eine Tasse, die auf ihre Untertasse trifft, ein Schrank, der auf- und zugeht, das leise Raeuspern meiner Mutter.
Nichts davon.
Ich warf die Decke ab und lugte durch die Tuer. Der Flur war leer. Das Kuechenlicht aus - aber das Fruehstueck stand schon fertig auf dem Tisch. Sie war wohl schon zur Arbeit. Ich lief zur Anrichte und goss mir ein Glas Wasser ein.
Die Wohnung trug die besondere, unfertige Stille der fruehen Morgenstunden. Ich setzte mich an den Tisch und fruehstueckte.
Als ich die Uhr an der Wand entdeckte, merkte ich, dass es Zeit war. Ich ging ins Zimmer, zog mich an, kaemmte die Haare, legte etwas Make-up auf, haengte mir die Tasche ueber die Schulter und richtete mich auf die Tuer aus.
Den Schulweg kannte ich auswendig. Nicht nur im Kopf - im Koerper. Doch heute fuehlten sich meine Schritte leicht an. Als waeren sie nicht ganz die meinen.
Ich bog um die erste Ecke. Dann um eine weitere. Kurz darauf hob ich den Kopf.
Das war nicht der Weg zur Schule.
Ich blieb stehen. Schaute um mich. Ich war in einer vertrauten, aber falschen Strasse. 'Unaufmerksam,' fluisterte ich vor mich hin.
Ich drehte um und lief diesmal bewusst - Augen offen, die Richtungen innerlich abrufend. Rechts, dann geradeaus.
Aber ein paar Minuten spaeter hob ich wieder den Kopf - und ein leises Unbehagen breitete sich in meiner Brust aus.
Dasselbe Lebensmittelgeschaeft. Dieselbe rissige Wand.
Hier war ich eben erst vorbeigegangen. Ich verlangsamte. 'Nein,' sagte ich zu mir selbst. 'Ich erinnere mich falsch.'
Ich griff nicht nach dem Handy. Diese Gegend kannte ich.
Ich aenderte noch einmal die Richtung - doch die Strassen schienen sich in kleinen Dingen zu verschieben. Ecken etwas enger. Wege etwas laenger. Schilder etwas blasser. Als waere die Stadt nicht fest. Als ordne sie sich um, waehrend ich laufe.
Mein Herz schlug schneller. Die Angst begann, mich zu erfassen. Ich hielt kurz inne und schloss die Augen. Ein tiefer Atemzug. 'Schule,' sagte ich lautlos. 'Ich gehe einfach zur Schule.'
Ich oeffnete die Augen. Vor mir erstreckte sich eine lange Allee - ich erkannte sie, aber die Schule lag nicht in dieser Richtung. Trotzdem setzten meine Beine sich wieder in Bewegung. Je weiter ich lief, desto schwerer das Unbehagen. Die Strasse war still. Kein einziger Vogel, obwohl der Morgen schon angebrochen war.
Dann bemerkte ich, dass ich stehengeblieben war. Ich hob den Kopf.
Der Friedhof.
Ich wusste nicht, wie ich hierhergekommen war. Etwas setzte sich mir in den Hals. Ich versuchte, nicht hineinzuschauen, aber meine Augen glitten von selbst dorthin - Reihen von Steinen, Namen, Daten -
Alle geboren und mit zweiundzwanzig gestorben.
Ich hob den Kopf ein Stueck weiter. Am eisernen Tor hing ein Schild: 'Der zweiundzwanzigste Friedhof.' Mein Herz raste.
'Ich wollte zur Schule,' fluisterte ich. 'Zur Schule.'
Ich trat zurueck. Zog mit zitternden Haenden das Handy heraus. Oeffnete die Karte. Der blaue Punkt blinkte - er zeigte auf den Friedhof. Das Schulsymbol lag in einer voellig anderen Richtung.
Diesmal lief ich mit der Karte. Augen nach unten, bei jedem Pfeil die Richtung wechselnd. Mit jedem Schritt loeste sich die Angst in mir ein wenig auf. Die Strassen wurden wieder vertraut. Menschenstimmen. Ein Auto, das vorbeifuhr. Das Leben kehrte zurueck.
Noch eine Ecke - und das eiserne Schultor tauchte vor mir auf. Real. Solide. Genau dort, wo es sein sollte.
Ich atmete aus und schaute noch einmal auf die Karte. Der Friedhof lag unglaublich weit entfernt. Ich konnte in dieser Zeit unmoegglich dort hingelaufen sein. Ich schaute auf den Bildschirm, dann auf die Schule, dann wieder auf den Bildschirm.
Der blaue Punkt flackerte - und fuer eine Sekunde blinkte er zurueck zum Friedhofseingang.
'Nein,' murmelte ich und hob den Kopf. Ich war an der Schule. Ich war wirklich an der Schule. Alles voellig normal.
Aber in mir war etwas nicht normal.
Ich stieg langsam die Treppenstufen hoch. Das Unbehagen war noch da. Der Moment am Friedhof hing wie ein Bild, das sich nicht abnehmen liess, in meinem Kopf.
Als ich eintrat, fiel mein Blick auf Freyas Platz. Leer. Keine Tasche. Kein Heft. Ihr Stuhl war noch nicht einmal herausgezogen worden. Sie war heute nicht da. Ich dachte nicht weiter darueber nach.
Ich setzte mich. Meine Haende zitterten noch leicht. Die Lehrerin kam herein, der Unterricht begann. An der Tafel erschienen Buchstaben, Seiten wurden umgeblaettert, und ich hoerte kaum etwas. Mein Stift drueckte aufs Papier, aber ich wusste nicht, was ich schreiben sollte.
Dann wanderte mein Blick zum Klassenfenster. Die Aeste des Baumes draussen wiegten sich sachte im Wind - und dann hoerte der Wind auf. Die Geraeuschen vom Schulhof verstummten mit einem Mal.
Und wieder - Steinmauern. Eisentor. Das Schild: Zweiundzwanzig.
Als waeren Schulhof und Friedhof uebereinandergelegt worden.
Dann stiess jemand gegen meinen Stuhl und ich zuckte zusammen. Lachen und Stimmen fuellten meine Ohren wieder. Die Glocke musste geklingelt haben. Ich raeumte langsam meine Sachen zusammen und verliess die Schule in Richtung Zuhause - diesmal aber bewusst.
Alles an seinem Platz. Nur ich nicht.
Waehrend ich lief, lag eine Enge in meiner Brust. Nicht wie Weinen. Nicht ganz wie Angst. Eher wie Verlorensein.
'Was, wenn ich eines Tages den Weg wirklich nicht mehr finde,' dachte ich. Der Gedanke schmerzte.
Als ich in meine Strasse einbog, wurde ich langsamer. Der vertraute Balkon. Die vertraute Tuer.
Ich zog den Schluessel heraus und sperrte auf. Ich hatte nur einen Wunsch: dass alles normal sein moege. Als ich eintrat, traf mich der Geruch der Wohnung.
Schuhe aus, Tasche abgestellt, Blick ins Wohnzimmer. Sofa an seinem Platz. Tisch an seinem Platz. 'Alles ist an seinem Platz und du bist zu Hause,' fluisterte ich - aber meine Mutter war nicht da. Ich wuenschte, sie waere jetzt hier.
Ich bewegte mich auf mein Zimmer zu. Es empfing mich, wie immer - der unordentliche Schreibtisch, die Strickjacke am Bettrand, das Abendlicht durch das Fenster. Alles vertraut.
Ich trat ein und schloss die Tuer. Warf die Tasche ans Bettende und setzte mich drauf. Schaute kurz zur Decke und holte tief Luft. 'Ich bin muede,' sagte ich - nicht nur koerperlich. Tiefer als das.
Ich legte mich hin, ohne mir einmal die Decke zu ziehen. Rollte mich auf die Seite und liess die Gedanken kommen - meine Mutter. Die Version von ihr aus meiner Kindheit, die in der Kueche auf mich wartete. Die, die mir ubers Haar strich, bis ich einschlief.
Mein Hals schnuerte sich schon zu. 'Ist das Erwachsenwerden?' Nach Hause kommen, niemanden vorfinden. Lernen, in der Stille zu wohnen.
Ich griff nach dem Handy und schrieb ihr: 'Wann kommst du?' Dann legte ich es weg. Meine Augen wurden schwer. Von draussen kam das leise Raunen des Windes. Die Wohnung war noch sehr still - aber diesmal fuehlte sich die Stille ein wenig weicher an.
Die Angst in mir war nicht ganz gegangen. Aber die Sehnsucht war staerker. Und waehrend meine Gedanken zu verschwimmen begannen, schlossen sich meine Augen.
* * *
Ich schliesse eine Tuer und glaube, ich trete in mein Zuhause - aber auch wenn dieser Ort wie eines aussieht, stimmen seine Proportionen nicht. Der Flur ist zu lang. Das Licht gelb, aber die Schatten grau. Ich schaue auf die gerahmten Bilder an der Wand. Die Gesichter aehneln meinem, aber keines ist wirklich ich. Je naeher ich trete, desto mehr loesen sie sich auf - als waere Erinnern dasselbe wie Vergessen.
Mein Blick faellt auf eine Uhr an der Wand - aus Holz, offensichtlich alt. Sie zeigt 22:22 Uhr und steht still. Ich gehe weiter. Je mehr Schritte ich tue, desto weniger fest wird der Boden. Er fuehlt sich nicht mehr wie Fliesen an, eher wie Erde.
Ich bleibe vor der Tuer gegenueber stehen. Starre sie lange an. Ich druecke sie auf - und alles wird zum Friedhof. Die dunklen Wolken, die Steine fast schwarz, diese dichte, schwere Luft - alles da. Die Angst bemaaechtigt sich meines ganzen Koerpers und ich renne. Irgendwann beginnen meine Fuesse zu schmerzen, aber ich halte nicht an. Nicht bis ich falle. Ich stosse gegen etwas und stuerze, und als ich zagend den Kopf hebe, sehe ich meinen Schreibtisch - das Heft offen davor. Ich beuge mich vor und sehe nur die Zahl 22. Die ganze Seite damit gefuellt. Ich drehe mich und schaue auf die Graeber um mich - jeder Mensch hier ist mit zweiundzwanzig gestorben.
Aber ein einziger Grabstein erschreckt mich am meisten. Meiner. Mein Name. Mein Nachname. Mein Geburtstag. Er gehoert mir. Ich gehe langsam darauf zu und bleibe davor stehen - und aus dem Stein dringt eine Gestalt heraus. Wogend, meinem Abbild fast zum Verwechseln aehnlich. Ich muesste Angst haben. Stattdessen fuehle ich Frieden.
Die Gestalt kommt auf mich zu und legt die Hand auf mein Herz. Als wuerde diese Beruehrung einen zweiten Herzschlag in mir wecken.
Dann fuehlt es sich langsam falsch an. Ich bekomme keine Luft. Etwas drueckt mir die Kehle zu. Ich taumele rueckwaerts und falle, und irgendwie laesst mich der Sturz wieder atmen. Als ich aufschaue, haben sich Friedhof und Schule ineinandergeschoben. Und ploetzlich draengen Kinder hindurch - rennend, lachend - aber es gibt keinen Ton, keine Farbe. Alles schwarz-weiss. Lautlos.
Ein Maedchen, das mir aehnelt, tritt neben mich. Es betrachtet mein Gesicht lange, dann sagt es: 'Du bist schon zu spaet.' Schweigt danach. 'Zu spaet wofuer? Wozu bin ich zu spaet?' Es antwortet nicht. Es sieht mich nur an - mit Mitleid. Und ich begreife nicht warum, also fange ich an, sein Gesicht anzuschreien: 'Antworte mir! Wozu bin ich zu spaet?' Noch immer nichts.
Der Boden verschiebt sich, und ich bin wieder auf dem Friedhof. Aber diesmal ist die Frau vor mir meine Mutter. Hinter ihr zeigt die Uhr immer noch 22:22. 'Warum sind wir hier, Mama?' - doch bevor ich fertig bin, bricht sie zusammen. Blut laeuft aus ihrem Mund, aus ihren Augen. 'Mama!', schreie ich und halte sie fest, und es fuehlt sich an, als wuerde meine eigene Seele aus mir herausgezogen. Die Uhr an der Wand faellt zu Boden. Das Zifferblatt zeigt 22:23. Meine Mutter kehrt in die Welt der Lebenden zurueck. Und ich spuere, wie meine Verbindung zu ihr reisst. Aber ich erinnere mich an einen letzten Satz: 'Der Austausch ist vollzogen.'
Ich oeffnete die Augen in einem einzigen Moment.
Das Zimmer war dunkel. Die Decke reglos. Die Waende an ihrem Platz. Aber mein Atem war unregelmaessig, mein Herz haemmerte gegen meine Rippen. Mehrere Sekunden lang konnte ich mich nicht bewegen.
Ich legte die Hand auf meine Brust. Ein Herzschlag. Schnell, aber echt.
Ich zog die Decke weg und setzte mich auf. Griff nach dem Handy. Es war nach Mitternacht. Aber die Ziffern waren normal.
Ich stieg aus dem Bett und setzte mich in den kleinen Sessel neben dem Fenster. Ich wollte nicht schlafen. Ich fuerchtete, wohin der Traum mich fuehren wuerde. Aber meine Augen ergaben sich, bevor ich kaempfen konnte.
Die Steifheit in meinem Nacken weckte mich. Mein Zimmer fuellte sich mit Morgenlicht. Ich entfaltete mich aus dem Sessel und bewegte mich langsam in die Kueche. Kein Unterricht heute. Ich hatte geplant, meinen Vater zu besuchen. Ich fruehstueckte schnell, machte mich fertig und machte mich auf den Weg.
Ich hatte es auf dem Weg nicht eilig. Meine Schritte waren gleichmaessig. Jedes Pflasterstein vertraut, jede Ecke bekannt - aber das, was in mir langsam aufstieg, war alles andere als vertraut.
Den Weg zu meines Vaters Grab kannte ich immer instinktiv. Es war keine Navigation - es war Muskelgedaechtnis.
Als ich das Friedhofstor erreichte, verschob sich etwas Feines in mir. Kein Schmerz genau - eher die Art von Ruhe, die Menschen dazu bringt, die Stimme zu senken.
Der Erdgeruch war feucht und schwer, wie immer. Vogelstimmen kamen aus der Ferne. Hier bewegte sich die Zeit anders.
Dann stand ich vor seinem Stein. Ich las den Namen, so wie immer - als waere es das erste Mal. Ich legte meine Handflaeche gegen den Marmor. Kalt. Diese Kaelte erschreckte mich nicht mehr.
'Heute ist schulfrei, Papa,' sagte ich lautlos.
Das Seltsame ist: Ich moechte nicht weinen, weil ich ihn vermisse. Ihn zu vermissen fuehlt sich nicht mehr wie Schmerz an - eher wie ein Glied. Etwas, das da sein sollte, dessen Abwesenheit ich mir gewoehnt habe.
Meine Knie geben nicht nach. Ich stehe auch nicht aufrecht. Ich stehe einfach.
Die Abwesenheit eines Menschen wird mit der Zeit nicht leichter. Sie veraendert nur ihre Form. Und ich war mit dieser Form gewachsen.
'Papa, ich vermisse dich so sehr.' Kann man jemanden vermissen, dessen Stimme man nie gehoert hat? Ich tue es.
'Papa, ich vermisse auch Mama. Aber sie geht nur noch zur Arbeit und kommt zurueck. Ich habe sie seit einer Woche kaum gesehen. Sie geht nicht ran, wenn ich anrufe. Papa - ich glaube, ich habe niemanden mehr.'
Ich merkte, waehrend ich sprach, dass meine Augen feucht wurden. Dass ich weinte. Ich weinte am Grab meines Vaters nie - denn jedes Mal, wenn ich es tat, kam er in meine Traeume. Also weinte ich hier nie. Aber heute war es, als wuerde er mich zu sich rufen.
'Papa, warum bin ich so? Allein, ohne Liebe, erbaermlich.' Die Worte liessen mich noch mehr weinen.
Meine Knie hatten nachgegeben. Ich sass auf der Erde, war fast ein Teil von ihr.
'Ist es schoen dort, Papa?' Noch eine Frage ohne Antwort. Irgendwann schien mir, als waeren mir die Traenen ausgegangen. Ich weinte, aber nichts fiel. Und ich fuehlte mich so sehr wie zu Hause wie nie zuvor.
Vielleicht ist das Schwerste nicht, sich an jemanden nicht erinnern zu koennen. Es ist das Wissen, dass man es nie wird.
Der Wind bewegte sich leicht. Blaetter raschelten. Das Leben ging weiter - und ich mit ihm. Aber mit einem namenlosen Fleck in mir.
Ich verfolgte die Buchstaben auf dem Marmor ein letztes Mal mit den Augen. Zog die Hand langsam zurueck - aber die Kaelte blieb in meiner Handflaeche. Ich sagte nicht 'Auf Wiedersehen.' Denn ich war nie angekommen. Aber etwas sehr Leises zog durch mich: 'Ich bin hier.' Das schien zu genuegen.
Ich drehte mich um und ging. Auf dem Weg zum Ausgang erkannte ich: Manchmal besucht ein Mensch nicht jemand anderen. Er besucht den fehlenden Teil von sich selbst.
Als ich durch das Friedhofstor trat, kehrten die Geraeuschen der Stadt zurueck - Autos, das ferne Gemurmel von Gespraechen, das Rauschen des Windes. Das Leben hatte nicht auf mich gewartet.
Ich machte mich auf den Heimweg. Das leise Ziehen in mir - es war keine Angst mehr. Eher eine stille Sehnsucht nach jemandem, den ich nicht benennen konnte.
Als ich das Gebaeude erreichte, standen Mutters Schuhe nicht an der Tuer. Sie war wohl bei der Arbeit. Ich trat ein. Der Flur wirkte heute laenger als sonst. In dieser Wohnung leben zwei Menschen - aber manchmal ist die Stille fuer drei.
Ich erreichte meine Zimmertuer und trat ein. Das Licht durch die Gardine fiel auf mein Bett. Ich haengte die Jacke ueber den Stuhl und setzte mich auf die Bettkante.
Einmal tief Luft holen. Nur einmal. Und zum ersten Mal dachte ich: Manche Menschen koennen tiefe Spuren hinterlassen, ohne je in unser Leben einzutreten. Ich legte mich hin und starrte an die Decke. Meine Seele schien eingesunken zu sein. Und das zeigte sich in meinen Augen, die sich von selbst schlossen.
Das Licht durch die Gardine weckte mich. Gerade als meine Mutter ihren Mantel anzog. Das Geraeusch der Schluessel. Die Tasche ueber der Schulter. Als sie mich sah, hielt sie kurz inne. 'Du bist wach. Ich habe draussen etwas zu erledigen - es kann spaet werden,' sagte sie. Ihre Stimme klang normal.
Ich nickte nur.
In diesem Moment oeffnete sich etwas Kleines in mir. Wir umarmten uns nicht einmal. Der Abschied war zu kurz. Ich schaute ihr nach. Manchmal wird man nicht allein gelassen. Man gewoehnt sich einfach an das Alleinsein.
Ich ging ins Zimmer und setzte mich auf die Bettkante. Was ich meinem Vater am Grab nicht sagen konnte, konnte ich ihr auch nicht sagen. In diesem Haus wurden Gefuehle immer mit gedaempfter Stimme gesprochen. Ich holte tief Luft und zog Kleidung heraus. Heute war Schule.
Nachdem ich mich fertiggemacht hatte, ging ich zur Tuer - sperrte dreimal ab - und machte mich auf den Weg. Meine Fuesse kannten die Strecke.
Als ich die Schule betrat, war die Leere vom Morgen noch da. Aber sie war nicht mehr wie Stein. Eher wie eine Stille, die sich in mir niedergelassen hatte.
Ich ging in die Klasse und nahm meinen Platz ein. Dann oeffnete sich die Tuer: Freya. Sie entdeckte mich und kam direkt auf mich zu. 'Guten Morgen, Freya.'
'Guten Morgen, Clara.' Sie laechelte. 'Hey - wo warst du gestern?'
'Ich war krank. Hatte Fieber.'
'Geht es dir jetzt gut?'
'Ja, mir geht's gut. Ich musste einfach mal raus.'
Ich nickte und holte meine Hefte aus der Tasche. Alles lief normal - als waere nicht ich gestern auf dem Friedhof geweint haette. Als waere nicht ich gewesen, die hinter ihrer Mutter in die Leere gestarrt hatte.
Nachdem wir beide sassen, fing ich an zu erklaeren was wir hatten - mit so falschen Worten, so holprig, dass uns beide ein Lachkrampf erwischte.
Das Leben ging weiter, trotz allem, was einem innen fehlte.
Als die Glocke klingelte, kam die Lehrerin herein. Der Unterricht begann. Freya schob mir ab und zu kleine Zettel herrueber mit unsinnigen Zeichnungen. Ich laechelte leicht und wandte mich wieder meiner Arbeit zu.
Als die Glocke erneut klingelte, erhoben sich alle - und Freya drehte sich zu mir: 'Komm morgen frueher. Es gibt eine Probearbeit.'
'Okay,' sagte ich und haengte mir die Tasche ueber die Schulter.
Wir liefen gemeinsam zur Tuer. Der Flur war voll. Die Leere vom Morgen in mir war kein Aufruhr mehr - ein leises Ziehen, das war. Da, aber ohne zu schreien.
Am Schulausgang bog Freya in eine andere Richtung ab und winkte.
Ich war allein. Die Luft war frisch. Die Strasse gewoahnlich. Das Leben verlangsamte fuer niemanden. Und ich lief weiter - einen gleichmaessigen Schritt nach dem anderen.
Als ich nach Hause kam, neigte sich der Himmel dem Abend entgegen. Die Wohnung war so still wie immer. Schuhe aus, Tasche auf den Flurstuhl.
Der Tag war lang gewesen. Aber nicht dramatisch.
Ich ging ins Zimmer und oeffnete die Vorhaenge einen Spalt breit. Das letzte Tageslicht fiel auf meinen Schreibtisch. Ich zog die Tasche auf, legte die Hefte heraus, stellte das Mathematikbuch in die Mitte, nahm den Stift in die Hand und fing an zu lernen.
Anfangs schweiften meine Gedanken ab. Dann ertappte ich mich und fing wieder von vorne an. Zurueck zum Anfang. Weitermachen.
Nach einer Weile konzentrierte ich mich wirklich. Die Zahlen wurden schaerfer. Das Rauschen in mir wich etwas, das sich beinahe wie Kontrolle anfuehlte.
Mein Handy vibrierte. Freya: 'Lernst du wirklich?' Die Nachricht zog mir ein kleines Laecheln aus dem Gesicht.
'Leider ja,' tippte ich zurueck.
Noch ein paar Aufgaben, dann klappte ich das Buch zu und lehnte mich im Stuhl zurueck. Schaute an die Decke.
Heute war nicht schlecht. War auch nicht gut. Aber es war ausgeglichen.
Manchmal schreitet das Leben nicht durch grosse Ereignisse voran. Nur durch solche kleinen Abende.
Ich hatte mich noch nicht hingelegt. Ich schaute aus dem Fenster - Strassenlaternen an. Und zum ersten Mal heute spuerte ich keine Leere, sondern Muedigkeit.
Ich glaube, das ist besser.
Nach einer Weile grollte mein Bauch leise. Ich ging nach unten. In der Kueche brannte Licht, aber meine Mutter war noch nicht zurueck. Ich erwaermte Essen, setzte mich an den Tisch. Kein Fernseher. Kein Handy. Nur essen.
Als ich fertig war, liess ich den Teller im Spuelbekken. Ich habe mich an die Stille dieser Wohnung gewoehnt - aber manchmal wirkt sie noch immer fremd.
In meinem Zimmer war das einzige Licht der Schein der Strassenlaterne. Ich zog mich um und legte mich hin. Das Gewicht des Tages war schwer.
Ich schloss die Augen. Kein grosser Schmerz in mir. Keine grosse Freude. Nur eine stille Muedigkeit.
Und Schlaf.
Ich wachte ein paar Minuten vor dem Wecker auf. Das Zimmer war in gedaempftes Grau getaucht. Fuer einen Moment kuendigte sich das Gewicht des Tages an: die Probearbeit.
Ich stand auf. Aus der Kueche kam das leise Geraeusch von Geschirr - meine Mutter musste zu Hause sein. Als ich nach unten kam, hatte sie den Tisch bereits gedeckt.
'Guten Morgen,' sagte ich. 'Guten Morgen,' sagte sie.
Unsere Stimmen normal. Weder zu warm noch zu kuehl. Eine vertraute, wenn auch unsichtbare Distanz zwischen uns.
Als ich mich setzte, schenkte sie Tee ein. 'Die Probearbeit ist doch heute, oder?' fragte sie. 'Ja.' 'Viel Erfolg,' sagte sie, kurz und klar. 'Danke,' antwortete ich.
Ich ass schnell. In meinem Bauch lag eine leichte Anspannung - keine Hunger-Anspannung, sondern die der Erwartung. Ich schob den Stuhl zurueck. 'Ich gehe.' 'Okay. Pass auf dich auf.'
Ich zog den Mantel an und haengte mir die Tasche ueber. Als ich die Tuer oeffnete, sah ich sie noch immer am Tisch sitzen - einen Schluck Tee nehmend. Dieses Bild beruhigte etwas in mir auf seltsame Weise.
Ich schloss die Tuer und trat hinaus. Die Morgenluft war frisch. Die Strasse erwachte gerade erst. Meine Schritte waren zuegig - heute war kein Raum zum Abschweifen.
Auf dem Schulweg spuerte ich nicht die Leere von gestern. An ihre Stelle war eine leichte Anspannung getreten - aber eine lebendige, und ich fuehlte mich bereit.
Als ich durch das Schultor trat, wirkte der Hof stiller als sonst. An Prueuefungstagen zieht sich jeder in sich zurueck.
Freya erwischte mich an der Tuer. 'Bist du bereit?' 'Ich weiss es nicht,' sagte ich ehrlich. 'Du?' 'Ueberhaupt nicht, aber wir gehen trotzdem rein.' Wir laechelten beide.
Wir gingen gemeinsam nach oben. In der Klasse waren die Tische umgestellt. Ich setzte mich an meinen Platz am Fenster. Freya war diagonal gegenueber.
Die Aufsichtsperson trat ein. Hefte wurden verteilt. Das Summen im Raum brach ab. Ich schaute auf das Heft vor mir und schrieb meinen Namen. Griff den Stift etwas fester. 'Sie koennen beginnen.'
Ich las die erste Frage. Die Anspannung in meinem Bauch stieg kurz - dann loeste sie sich langsam. Ich las noch einmal. Ich verstand. Ich markierte.
Die Zeit begann zu fliessen.
Ich schaute hin und wieder auf. Freya hatte das Haar hinters Ohr gesteckt und arbeitete konzentriert. Ihr Anblick motivierte mich auf seltsame Weise.
Mit fortschreitenden Fragen klaerte sich mein Kopf. Die Aussenwelt verschwand. Nur ich, ein Stift und Papier.
Als ich auf der letzten Seite ankam, lag eine eigenartige Ruhe in mir. Ich war fertig. Ich ueberprueefte. Legte den Stift wenige Minuten vor Ende hin.
Die Glocke klingelte.
Hefte wurden eingesammelt. Freya sah mich an, Augen gross. 'Wie war's?' fluisterte sie. 'Nicht schlecht,' sagte ich. 'Ich bin in Mathe untergegangen, glaube ich,' sagte sie. 'Uebertreib nicht.'
Wir gingen gemeinsam hinaus. Der Flur fuellte sich wieder mit Laerm - aber diesmal mit Erleichterung statt Anspannung.
Freya stupste mich am Arm. 'Zumindest ist es vorbei.' Ich nickte. 'Ja. Zumindest ist es vorbei.'
Am Schulausgang blieb Freya ploetzlich stehen. 'Gehst du nach Hause?' 'Ich weiss es nicht,' sagte ich. Und ich wusste es wirklich nicht.
'Komm ins Cafe. Kaffee. Wir begraben die Pruefung ordentlich.'
Ich zoeegerte einen Moment. Etwas ganz Kleines ruehrte sich in mir - ein unbenennbares Unbehagen. Als muuesste ich irgendwo sein, als kaeme ich zu spaet - aber ich wusste nicht, wo oder wozu.
'Okay,' sagte ich trotzdem.
Wir liefen los. Freya erzaehlte von der Pruefung. Ich nickte zwischendurch und antwortete gelegentlich.
Aber dieser kleine Schatten in mir wich nicht. Wir drueckten die Cafe-Tuer auf. Drinnen war es warm. Der Kaffeeduft war dicht. Wir setzten uns ans Fenster. Freya bestellte zwei Kaffee; ich widersprach nicht.
Ich stuetzte die Ellbogen auf den Tisch und schaute hinaus. Menschen, die vorbeigingen. Autos, die hielten und wieder fuhren. Alles normal.
'Du bist sehr still,' sagte Freya nach einer Weile. 'Muede, glaube ich,' sagte ich.
Ob ich wirklich muede war, wusste ich nicht. Was ich spuerte, war keine Muedigkeit. Eher... die Vorahnung von etwas Nahendem. Aber es naeherte sich nichts. Alles war ruhig.
Der Kaffee kam. Freya hielt die Tasse mit beiden Haenden. 'Schau - wenn die Ergebnisse schlecht sind, weinen wir zusammen, okay?' sagte sie halb ernst. 'Deal,' sagte ich.
Wir hatten gar nicht bemerkt, wie viel Zeit vergangen war. Der Himmel wurde schon dunkler. 'Wir sollten langsam gehen,' sagte ich. Freya nickte und stand auf. Wir verabschiedeten uns an der Cafe-Tuer mit einer kurzen Umarmung und gingen jede ihren Weg.
Allein jetzt kehrte das Gefuehl zurueck. Auf der Strasse liefen meine Schritte fuer einen Moment wie ohne mich. Als wuerde jemand neben mir gehen und bei jedem Schritt gleichzeitig aufsetzen. Es war kurz. Ich blinzelte. Es war weg.
Aber manchmal - sehr selten, nur eine Sekunde - hatte ich das Gefuehl, von zwei Orten gleichzeitig zu schauen. Ich, die auf dem Buergersteig laeuft, und ein anderes Ich, ein paar Schritte dahinter. Dann war ich wieder eine Person.
Mein Herz schlug scheinbar doppelt fuer einen Moment. Der Rhythmus geriet aus dem Takt. Dann normalisierte er sich wieder.
Strassenlaternen an. Ich naeherte mich dem Zuhause. Alles vertraut.
Nichts Ungewoehnliches.
Nur in mir - ein feiner Riss, den ich nicht erklaeren konnte.
Als haette sich meine Seele nicht in der Mitte gespalten, sondern... sich leise ein paar Zentimeter verschoben.
Noch waehrend ich diesen Gedanken zu Ende dachte, merkte ich, dass ich zu Hause angekommen war. Ich trat langsam ein, stellte die Sachen weg. Als ich mich in den Sessel setzte, bemerkte ich mein Handy - neun verpasste Anrufe.
Derselbe Name, wieder und wieder. Jemand vom Arbeitsplatz meiner Mutter. Mein Herz begann unregelmaessig zu schlagen.
'Warum so oft?' sagte ich zu mir selbst. Mein Hals war trocken. Meine Finger kalt.
Ich rief sofort zurueck.
Es klingelt.
Einmal.
Zweimal.
Drei -
'Clara?'
Die Stimme am anderen Ende war zittrig. Vertraut, aber in einem Ton, den ich nicht kannte.
'Ja... ich bin's. Geht es meiner Mutter gut? Warum haben Sie angerufen?'
Eine kurze Pause.
Diese eine Sekunde dehnte sich. Etwas in mir sank, noch bevor ein Wort kam.
'Deine Mutter... hatte einen Verkehrsunfall.' Genau wie mein Vater. Ein Verkehrsunfall.
Die Welt wurde in diesem Moment enger.
Als wuerde die Luft aus dem Raum gesogen.
'Was meinen Sie?' sagte ich - aber die Stimme klang nicht wie meine. Sie kam von sehr weit weg.
Die Stimme am anderen Ende erklaerte. Krankenwagen. Krankenhaus. Kreuzung. Kollision.
Nicht Wort fuer Wort - in Bruchstuecken. Ich hoerte es in Fetzen.
Dann dieser Satz.
'Es tut mir leid... sie konnte nicht gerettet werden.'
Handy in der Hand.
Aber meine Hand gehoerte mir nicht mehr.
Meine Knie loesten sich - ich griff nach dem Sessel, merkte aber, dass ich schon sass. Der Raum drehte sich nicht. Fast wuenschte ich, er taete es. Alles war zu scharf.
Die Wand dieselbe. Die Uhr dieselbe. Der Vorhang derselbe.
Aber nichts war dasselbe.
'Nein,' sagte ich. Ein Atemzug.
Ich wollte noch einmal anrufen. Jemand anderen. Meine Mutter. Mich. Irgendjemanden.
Ich wollte, dass es die falsche Nummer war. Die falsche Person. Das falsche Leben.
Sie sass heute Morgen am Tisch. Trank Tee. 'Pass auf dich auf,' hatte sie gesagt.
Das war alles?
Ist ein Mensch so schnell aus dem Leben verschwunden?
Das Handy noch am Ohr, aber niemand spricht mehr. Auch ich nicht.
Keine Leere oeffnet sich in mir. Ich falle nicht in eine Luecke. Ich falle einfach - der Boden unter mir weggezogen.
Als haette das, was ich vorhin gespuert hatte - zwei Seelen zu sein - sich bewahrheitet, und eine Haelfte von mir waere mit diesem Satz abgerissen.
Mama.
Sie war heute Morgen hier.
Und jetzt nicht mehr.
Dieses Wort nimmt mein Kopf nicht an.
Nicht mehr.
Die Tuer ist noch geschlossen. Die Kueche ist noch da.
Aber diese Wohnung ist kein Zuhause mehr.
Sie ist das Echo des letzten heute Morgen gesprochenen Satzes.
Ich versuche zu atmen. Meine Brust schnuert sich zu.
Die erste Sekunde - ich weine nicht. Weil der Schmerz vor den Traenen kommt. Weil der Schock das Weinen aufschiebt.
Dann - ein Moment -
Die Wahrheit trifft ein.
Ich hatte sie nicht einmal umarmt. Ich hatte ihr Gesicht gesehen, mit ihr gesprochen - aber sie nicht gehalten. Ihren Duft nicht ein letztes Mal eingeatmet. Meine Mutter war tot. Wie mein Vater.
In dem Moment, da das wirklich wurde, loesten sich meine Knie auf. Was blieb, waren Schluchzer - stosweise, keuchend. Sie war tot. Mein einziger Rueckhalt in dieser Welt. Meine Mutter war tot. Und sie war genauso gestorben wie mein Vater. Im Strassenverkehr. Dieselbe Liebe, dasselbe Schicksal.
Sie riefen zurueck.
'Wo sind Sie,' sagte ich. 'Meine Mutter - wo ist sie?'
Sie nannten mir den Krankenhausnamen. Jedes Wort fiel wie Zement in mich. 'Muss ich kommen?' fragte ich. 'Ja. Sie brauchen Ihren Ausweis.'
Ausweis. Unterschrift. Formalitaet. Meine Mutter unterschrieb frueher fuer mich. Jetzt wuerde ich fuer sie unterschreiben.
Als der Anruf beendet war, wurde die Wohnung noch stiller. Dann stand ich auf, nahm den Mantel. Meine Hand zitterte am Schluessel. Ich sperrte ab - obwohl ich nicht wusste warum. Es war niemand mehr drinnen.
Die Krankenhausflure waren weiss. So weiss. Zu hell. Menschen sprachen in Fluestertoenen.
Sie fuehrten mich in ein Zimmer. Reichten mir ein Formular. Ich schrieb meinen Namen. Die Handschrift war nicht zu erkennen.
Dann - eine Tuer. Kalte Luft. Ein Mitarbeiter.
Und dieser Moment kam.
Ich sah ihr Gesicht. Das Gesicht von heute Morgen. Dasselbe. Aber nicht.
Lippen blass. Hautfarbe leblos. Augen geschlossen.
Ich sage nicht 'Mama.' Weil ich wusste, dass sie nicht antworten wuerde.
Ich moechte ihre Hand nehmen, aber ich kann mich nicht dazu bringen, sie zu beruehren. Wenn ich es tue, wird es vollstaendig real.
Auch mein Vater war im Strassenverkehr gestorben. Als haette das Schicksal denselben Satz zweimal geschrieben. Als haette das Leben mich zweimal an derselben Stelle getroffen.
Ich stehe - aber in mir bin ich auf den Knien.
Was danach kam, verschwamm. Beerdigungsformalitaeten. Beileid. Telefonate. Menschen. Eine Stimme, die betete. Erde.
Erde hat ein Geraeusch. Das habe ich an diesem Tag gelernt.
Das erste Schaufelgeraeusch auf einem Sarg klingt wie das Zerbrechen eines Herzens.
'Sei stark,' sagten sie. Was fuer ein leichtes Wort. Ich stand am Grab - nah bei meinem Vater. Beide durch den Strassenverkehr. Beide ploetzlich.
Der Himmel war klar, aber ich konnte ihn nicht sehen. Die Erde wurde bedeckt.
Und ich blieb wieder ohne Familie zurueck.
Als ich nach Hause kam und die Tuer aufschloss, war es diesmal wirklich leer.
Ihr Teeglas noch im Spuelbekken vom Morgen. Ein Stuhl leicht zurueckgeschoben. Alles genau so. Nur sie nicht.
Diese Wohnung war zu einer Erinnerung geworden.
Ich lehnte mich an die Wand.
Und weinte.
Nicht leise.
Zum ersten Mal - laut.
Weil niemand mehr da war, der mich auffangen konnte.
Und dieses alte Gefuehl kehrte zurueck - als waere ich zwei Seelen. Eine von mir in dieser Wohnung. Die andere unter der Erde geblieben.
Und zum ersten Mal verstand ich es wirklich: Manche Menschen sterben nicht einfach weg. Sie nehmen ein Stueck von dir mit. Meine Mutter hatte ein Stueck von mir mitgenommen.
Ich holte tief Luft. In mir war eine seltsame Leere - keine Angst, keine Wut, keine Traenen mehr. Nur ein schweres Vermissen.
Ich sass so eine Weile. Gedanken, Fragmente der Vergangenheit, Erinnerungen und Verluste flossen ineinander. Dann legte ich mich ins Bett. Zog die Decke ueber mich. Schloss die Augen.
In mir war ein tiefer Stille - aber diesmal stoerte sie mich nicht. Ein paar tiefe Atemzuege, und mein Koerper lockerte sich. Der Schlaf senkte sich langsam ueber mich.
* * *
Ich fand mich ploetzlich auf einem Friedhof. Der Himmel grau und nah, kein Wind - aber ein Beben in der Luft. Grab Nummer zweiundzwanzig. Auf dem Stein kein Name. Nur ein leerer Raum. Ich stand daneben. Es schien mich anzusehen.
Und dann bemerkte ich: Hinter dem Stein eine Silhouette. Ich selbst. Aber nicht ich. Meine Augen, meine Lippen, meine Haltung - alles vertraut, doch sie trug eine Last, die nicht zu mir gehoerte. Eine seltsame Erschuetterung zog durch mich.
Die Silhouette trat auf mich zu. Das Geraeusch meiner Schritte und ihrer Schritte vermischte sich. Als wuerden zwei Seelen gleichzeitig, aber getrennt voneinander gehen. Eine Stimme in mir fluesterte: 'Bist du das... oder ist ein Stueck von dir verloren gegangen?'
Ich stand vor dem Grabstein. Legte meine Haende darauf. Kalt - aber mit einer Waerme darin, wie das Echo von etwas Unvergesslichem. Waehrend ich mich selbst beobachtete, war es, als waeren meine Vergangenheit und meine Zukunft zur gleichen Zeit vor mir.
Vielleicht waren beide dasselbe. Vielleicht waren diese beiden Seelen dieselben - gleicher Schritt, gleiche Bewegung, gleicher Koerper, verschiedene Seele.
Als ich die Augen oeffnete, fiel das graue Morgenlicht des Zimmers auf mein Gesicht. Mein Herz schlug schnell. Ein Druck in der Brust - dieselbe Leere, die die Abwesenheit meiner Mutter hinterlassen hatte.
Ich stand auf. Als meine Fuesse den Boden beruehrten, war die Welt noch immer schwer. Das Handy lag auf der Tasche - die verpassten Anrufe von gestern Abend erinnerten mich wieder: Meine Mutter war nicht mehr hier.
Meine Haende zitterten, aber ich legte sie auf die Knie und atmete tief. In mir war Schmerz - scharf, eine Grube, die auf Traenen wartete. Aber ich weinte noch immer nicht. Weil der Schmerz zu gross war.
Ich ging zum Fenster. Draussen war es hell, aber in mir lag noch ein trueber Schatten. Ich schaute auf den Fruehstueckstisch - das Teeglas, das sie jeden Morgen hergestellt hatte, jetzt nur noch Erinnerung.
Ich setzte mich an den Kuechentisch und ass die letzte Mahlzeit, die sie je fuer mich zubereitet hatte. Meine Haende zitterten, waehrend ich ass. Die Traenen liefen.
Als ich fertig war, konnte ich nicht aufstehen. Ich starrte nur auf den leeren Stuhl gegenueber. Den Stuhl, der bis vor wenigen Tagen noch besetzt war. Der frueher Frieden gab - und jetzt nur noch Traenen und Schmerz.
* * *
Zwei Jahre spaeter.
Man glaubt, man heilt in zwei Jahren. Dass Wunden Krusten bilden, Namen weniger wehtun, man die Wege zum Friedhof auswendig kennt und sich gewoehnt. Sich gewoehnen... was fuer ein seltsames Wort. Als koennte man sich an alles gewoehnen.
Ich gewoehnte mich nicht.
Ich wurde nur stiller.
Die Wohnung spricht weniger mit mir jetzt. Die Waende tragen ihre Stimme nicht mehr. Das Geraeusch von Geschirr in der Kueche ist nicht mehr so scharf. Aber die Naechte sind immer noch dieselben. Nachts dehnt sich die Wohnung aus. Der Flur wird laenger. Die Schatten schwerer. Und wenn ich allein durch diese Schatten laufe, hoere ich diesen zweiten Puls in mir klaerer.
Frueher hatte ich Angst davor. Jetzt nicht mehr. Weil er kein Fremder mehr ist.
Manchmal liege ich auf dem Ruecken im Bett, starre an die Decke und lausche meinem eigenen Herzschlag. Nach einer Weile scheint sich der Rhythmus zu veraendern. Ganz leicht. Als wuerde zwischendurch ein anderer Schlag eingeschoben. Waere ich Aerztin, haette ich vielleicht eine Erklaerung dafuer. Aber ich bin keine Aerztin. Ich bin nur ein Koerper, der weiterlebt.
Ich schaue nicht mehr so oft in Spiegel. Wenn ich es tue, sehe ich eigentlich nichts Falsches. Mein Gesicht dasselbe. Meine Augen dieselben. Aber mein Blick... manchmal gehoert er mir nicht. Fuer ein paar Sekunden werde ich mir selbst fremd. Als haette sich jemand von innen gegen das Glas gelehnt und schaut durch meine Augen nach draussen.
Anfangs war dieses Gefuehl Panik. Jetzt ist es nur noch Bewusstsein.
Ich war nie wirklich allein.
Ich erinnere mich nicht an den ersten Tag, an dem ich das akzeptierte. Es war keine Entscheidung. Ich wachte eines Morgens auf, und der Gedanke erschreckte mich nicht mehr. Etwas in mir war da. Aber dieses Etwas war kein 'Anderes.' Es war eher ein fehlendes Stueck.
Es war da, bevor meine Mutter starb. Es war da, als ich meinen Vater nicht kannte. Unfaelle passierten, Menschen gingen, Friedhoefe mehrten sich... Aber es war immer hier.
Manchmal frage ich mich: Wusste sie es? Wenn sie mich hielt, spuerte sie ein zusaetzliches Gewicht? Wenn sie mir in die Augen schaute, sah sie nur mich?
Keine Antworten auf diese Fragen. Aber bei jedem Friedhofsbesuch steigt aus der Erde unter mir diese seltsame Waerme auf - als wuerde sie mich erkennen.
Seit zwei Jahren enden meine Traeume an derselben Stelle. Der zweiundzwanzigste Friedhof. Ob er im echten Leben existiert, weiss ich nicht. Aber im Traum ist es immer derselbe Ort. Die Erde dunkler. Die Luft dichter. Und ich komme jedes Mal ein bisschen naeher.
Anfangs zitterte ich, wenn ich aufwachte. Jetzt atme ich tief durch. Weil ich weiss: Dieser Traum ist keine Drohung. Er ist ein Ruf.
Mein zweiundzwanzigster Geburtstag rueckt sehr nah.
Diese Zahl liegt wie ein Stein in mir. Wann immer ich sie irgendwo sehe - auf einer Uhr, einem Nummernschild, einer Seite - bleibt mein Blick haengen. Zufall? Vielleicht. Aber ich glaube nicht mehr an Zufaelle.
In letzter Zeit bin ich ruhiger. Menschen halten das fuer Reife. Aber ich habe lediglich gelernt, der Stimme in mir besser zuzuhoeren. Sie spricht nicht. Fluistert nicht mal. Aber sie laesst ihre Anwesenheit spueren. Besonders, wenn ich allein bin.
Letzte Woche machte ich in der Kueche Tee. Ich hielt kurz inne. Schaute auf die Tasse in meiner Hand. Und fragte mich: 'Bin ich gerade wirklich ich?'
Das Seltsame ist: In diesem Moment hatte ich keine Angst. Ich dachte nur nach.
Wenn ich manchmal nicht ich bin... wer ist es dann?
Aber selbst diese Frage hat ihre Schaerfe verloren. Vor zwei Jahren haette sie meinen Atem abgeschnitten. Jetzt ist sie nur noch eine Welle, die kommt und geht.
Kann ein Mensch sich innerlich in zwei aufteilen? Vielleicht teilte ich mich nicht. Vielleicht war ich immer zwei Personen. Und vielleicht ist das Seltsame nicht das. Das Seltsame ist, dass es sich jetzt normal anfuehlt.
Mein zweiundzwanzigster Geburtstag rueckt sehr nah. Und in mir ist eine Erwartung, die ich nicht erklaeren kann. Als wuerde etwas sich vollenden. Als wuerde etwas an seinen Platz fallen. Oder als wuerde etwas zerreissen.
Ich weiss es nicht. Aber ich weiss: Wenn dieser Tag kommt - werde ich nicht allein sein.
Warten ist erschoepfend. Wenn man nicht weiss, worauf man wartet, noch mehr.
Ich wache jetzt frueh auf. Ohne Wecker. Wenn ich die Augen oeffne, weiss ich fuer ein paar Sekunden nicht, wo ich bin. Die Decke vertraut, die Waende vertraut, das Zimmer dasselbe. Aber jeden Morgen betrachte ich mich aus einer kleinen Distanz. Als laege zwischen dem Koerper im Bett und mir eine duenne Glasscheibe.
Manchmal lege ich die Hand auf meine Brust. Spuere meinen Puls. Ein einziger Rhythmus. Gleichmaessig. Normal. Aber wenn ich ein paar Sekunden lang sehr aufmerksam bin, scheint da ein zweites Vibrieren eingebettet zu sein.
Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Stelle mich vor den Spiegel. Mein Haar faellt auf die Schultern. Die Schatten unter meinen Augen sind ausgepraeaagter als noch vor zwei Jahren. Mein Gesicht ist schmaler geworden.
Man meint, man verliert beim Trauern Gewicht. Aber ich bin nach innen eingesunken.
Manchmal tue ich folgendes, wenn ich mich im Spiegel betrachte: Ich fixiere meinen eigenen Blick. Lange. Ohne zu blinzeln. Nach einer Weile gleitet mein Gesicht weg. Nicht wirklich. Aber der Fokus verschiebt sich. Und in diesem Moment zieht ein Satz durch mich: 'Ich bin hier.'
Ob ich diesen Satz forme oder es tut - ich kann sie nicht mehr voneinander unterscheiden. Aber ich habe keine Angst. Weil dieses Gefuehl mir bisher nicht geschadet hat.
Beim Kaffeemachen in der Kueche faellt mir der Kalender an der Wand auf. Ich habe ein Datum eingekreist. Ohne es zu bemerken. Mit rotem Stift.
Zweiundzwanzig.
Wann habe ich das markiert? Ich weiss es nicht. Aber der Kreis ist sehr ausgepraaegt. Der Stift hat stark gedrueckt. Das Papier ist leicht eingerissen.
Ich legte den Finger auf das Datum. Mein zweiundzwanzigster Geburtstag war nur noch wenige Wochen entfernt.
Nichts schnuert sich in mir zu. Die meisten Menschen warten aufgeregt auf Geburtstage. In mir ist keine Aufregung. Nur ein Gefuehl der Vorbereitung. Als naeherte sich ein Pruefungstag und ich kenne den Stoff nicht vollstaendig.
Ich hatte das Fenster geoeffnet. Kalte Luft stroemte herein. Fuer einen Moment schwankte mein Kopf leicht. In diesen Momenten gleitet die Welt ein bisschen. Und in diesem Gleiten ist eine Luecke.
Letzte Woche fand ich ein Notizbuch in meiner Schublade. Schwarzer Einband, duenn. Meine Handschrift, aber die Woerter wirken fern.
'Manchmal muss man die Kontrolle loslassen.' 'Ich brauche das, um vollstaendig zu sein.' 'Ich kann sie nicht schuetzen.'
Wann schrieb ich das? Wen kann ich nicht schuetzen?
Ich klaapte das Notizbuch zu. Verbrannte es nicht. Warf es nicht weg. Legte es nur zurueck. Weil etwas in mir sagt: Der Teil, der diese Saetze schrieb, ist nicht mein Feind.
Gegen Mittag ging ich nach draussen. Im Laufen sah ich mein Spiegelbild in einem Schaufenster. Ich blieb kurz stehen.
Das Spiegelbild reagierte fuer eine Hundertstelsekunde verzoegert. Ich blieb stehen. Es blieb stehen. Aber diese winzige Verzoegerung - vielleicht war sie nichts.
Mein Herz schlug schneller, aber keine Panik. Eher Bewusstsein. 'Bist du es gerade?' dachte ich lautlos. Keine Antwort. Aber eine leichte Waerme breitete sich in mir aus. Als haette sich etwas von innen gestreckt.
Als ich gegen Abend nach Hause kam, begann es zu dunkeln. Im Flur blieb ich kurz stehen. Die Wohnung war sehr still. Ich beruehre die Waende manchmal. Um mich daran zu erinnern, dass sie real sind.
Ich oeffnete meine Zimmertuer. Auf dem Bett lag ein T-Shirt. Ich war sicher, es heute Morgen in den Schrank gelegt zu haben. Ein kleines Detail. Vielleicht hatte ich es vergessen. Menschen vergessen.
Aber aus mir heraus, in einem sehr ruhigen Ton, schien eine Stimme zu sagen: 'Ich habe es herausgenommen.' Es war keine Stimme. Eher ein Stueck Information.
Ich setzte mich aufs Bett. Legte die Haende auf die Knie. Holte tief Luft.
'Wenn du hier bist,' sagte ich innerlich, 'tue mir keinen Schaden.' Diese Worte kamen nicht aus meinem Mund. Und in diesem Moment bildete sich ein klares Gefuehl in mir.
Es will nicht schaden. Ich war nie wirklich allein. Aber ich war auch nie wirklich bedroht.
Trotzdem veraendert sich in letzter Zeit etwas. Die Traeume dauern laenger. Der Friedhof ist dunkler. Die Erde feuchter. Und ich schaue jedes Mal ein Stueck tiefer hinein.
Die Zahl zweiundzwanzig ist nicht mehr nur ein Datum. Sie ist eine Schwelle.
In der Nacht legte ich mich ins Bett und schloss die Augen. Lauschte meinem Herzen. Wartete auf das zweite Vibrieren. Ein paar Sekunden spaeter - da war es.
Zwei Rhythmen. Sehr leise. Sehr ineinander verwoben.
Und in diesem Moment dachte ich zum ersten Mal: Wenn eine von uns verschwindet - kann die andere ueberleben?
Dieser Gedanke erschreckte mich. Weil ich die Antwort nicht kannte. Und nicht zu wissen schien sich anzufuehlen wie etwas, das naeher kommt.
* * *
Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Nach einer Weile bemerkte ich, dass einige der Gegenstaende in meinem Zimmer leicht veraendert worden waren. Das Buch im obersten Regalfach schien geneigt. Das Notizbuch auf der Schreibtischkante lag nicht mehr dort, wo es morgens war. Ich streckte die Hand aus, richtete es und zog sie zurueck. Aber fuer einen Moment schienen meine Haende sich gegen meinen Willen bewegt zu haben.
Ich beobachtete ohne zu blinzeln - aber da war niemand. Aus mir heraus sagte eine Stimme, still und ruhig: 'Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier.'
Es war kein Fluistern. Eher wie ein Bewusstsein, das meinen Geist fuellte. Ein Teil von mir war ueberrascht, aber der andere Teil... empfand eine merkwuerdige Ruhe. Ich verstand, dass ein Teil sich jenseits von mir bewegen konnte.
Ich stand auf und beugte mich ueber den Schreibtisch. 'Hast du das geschrieben?' dachte ich zu mir selbst. Keine Antwort. Aber diese leise, stille Anwesenheit schien sich zu zeigen. Ein Stueck von mir - aber ein anderes.
Ich legte mich wieder hin. Legte die Haende auf die Knie. Nach einer Weile breitete sich vom Scheitel meines Kopfes eine leichte Waerme aus. Als stuende eine andere Version von mir neben mir. In diesem Moment dachte ich: 'Wenn ich diesen Teil von mir wahrnehmen kann - wie lange wird er bleiben?'
Keine Antwort. Aber im dunklen Zimmer, in der Stille, konnte ich es spueren. Die zweite Seele in mir war sanft an die Oberflaeche getreten. Ich konnte sie nicht vollstaendig sehen, aber ich wusste, dass sie da war.
Ich schloss die Augen. Mein Herz schlug noch immer im Doppelrhythmus. Still dachte ich: 'Du wirst nicht die vollstaendige Kontrolle uebernehmen, oder?' Die Anwesenheit in mir antwortete nicht. Aber sie stoerte mich auch nicht. Sie war einfach da. Still, geduldig, achtsam.
Und in diesem Moment erkannte ich zum ersten Mal etwas: Ich war nicht allein. Aber der Teil meiner Einsamkeit, der mir noch zu gehoeren schien, war ein wenig kleiner geworden. Und dieses fehlende Stueck... vollendete mich vielleicht.
Bald auch war jene Seele eingeschlafen.
Wie immer wachte ich in den fruehen Morgenstunden auf. Ich stand aus dem Bett, um das zu tun, was ich schon lange geplant hatte. Ich ging zum Schreibtisch und holte das schwarze Notizbuch.
'Hab keine Angst. Das ist zu deinem eigenen Wohl,' schrieb ich.
Dann begab ich mich leise in das Zimmer von Claras Mutter. Ich begann damit, die Kleider aus dem Schrank in Muellsaecke zu stopfen. Dann zerbrach ich alles, was ihr lieb gewesen war.
Das tat ich fuer Clara. Dieses Zimmer, diese Frau, diese Kleider - all das schmerzte sie. Ich hatte gedacht, wenn die Hauptquelle ihres Schmerzes verschwuende, wuerden auch ihre Probleme verschwinden. Aber das war nicht geschehen. Ihr Kummer hatte sich nur vertieft.
Und ihr Kummer bedeutete, dass der Seelenaustausch zwischen ihr und mir sich vollendete - aber das wollte ich nicht.
Bis jetzt waren im Verborgenen viele Menschen durch die Haende dieses Koerpers gestorben. Aber die Seele darin hatte mir gehoert. Claras reine und unversehrte Seele hatte geschlafen - doch jetzt will ich, dass sie es weiss. Schliesslich ist das ihr Koerper. Ich moechte Clara nicht laenger in mir festhalten und ihr damit Schmerz bereiten.
Ich glaube, sie waere ohne mich gluecklicher und sicherer. Deshalb habe ich mich ihr zu erkennen gegeben - damit sie einen Weg findet, mich zu vernichten. Dann koeannten wir beide in Frieden sein.
Waehrend diese Gedanken durch mich zogen, hatte ich alle Habseligkeiten von Claras Mutter zusammengepackt. Ich nahm alles, ging zur Tuer, zog die Schuhe an, verliess das Gebaeude und trat an die Muelltonne. Liess alles hineinfallen.
In dem Moment, als ich es tat, kehrte dieses Gefuehl zurueck. Clara wird nicht mehr trauern. Aber jetzt musste ich gehen - heute war Claras Geburtstag. Ihr zweiundzwanzigster Geburtstag. Ich lief schnell zurueck zur Wohnung, legte mich in Claras Bett und schlief ein.
* * *
Ich glaubte, die Augen geoeffnet zu haben - aber das Zimmer war nicht da. Mein Bett, meine Decke, die Waende... nichts. Als stuende ich mitten in einem grauen Nebel. Unter meinen Fuessen war ein Boden, aber ich konnte ihn nicht sehen. Dann spuerte ich in mir diesen vertrauten zweiten Rhythmus.
'Ich weiss, dass du hier bist,' sagte ich leise.
Aus dem Nebel kam ein Schritt. Ein Schatten bildete sich langsam und lief auf mich zu. Der Gang war ruhig. Ich musste das Gesicht nicht sehen, um es zu erkennen.
'Wer bist du,' sagte ich. Der Schatten hielt inne und laechelte leicht. 'Endlich hast du mich gerufen, Clara,' sagte er. 'Ich habe dich nicht gerufen,' sagte ich. 'Doch,' sagte er ruhig. 'Zweiundzwanzig Jahre lang hast du mich gerufen.'
Meine Kehle wurde trocken. 'Du hast die Sachen meiner Mutter weggeworfen,' sagte ich. 'Ja,' sagte er, ohne zu zoegern. 'Du hast die Bremsen meiner Mutter sabotiert,' sagte ich. Er neigte den Kopf leicht. 'Ja,' sagte er wieder. Etwas zerbrach in meiner Brust. 'Warum?' fluisterte ich. 'Weil sie dich verletzte,' sagte er.
'Was soll das bedeuten?' sagte ich, nun scharf.
'Menschen haben dich immer verletzt, Clara,' sagte er ruhig. 'Dein Vater, deine Mutter... alle haben dich gebrochen.'
'Sie waren meine Familie,' sagte ich.
'Sie waren deine Last,' sagte er.
Ich trat einen Schritt zurueck. 'Du hast sie getoetet,' sagte ich.
'Ich habe dich beschuetzt,' sagte der Geist.
'Beschuetzt?' sagte ich mit zitternder Stimme. 'Das ist kein Schutz.'
'Es ist Befreiung,' sagte er. 'Ohne mich wuerdest du noch immer in ihrem Schatten leben.'
Ich schuettelte den Kopf. 'Nein,' sagte ich.
'Doch,' sagte er.
'Nein,' sagte ich schaerfer.
'Du bist ein Parasit, der in mir lebt.'
Das Laecheln auf dem Gesicht des Geistes verblasste langsam. 'Ich bin deine Staerke,' sagte er.
'Du bist mein Fluch,' sagte ich.
Der Geist trat ein paar Schritte naeher. 'Ich bin dein Stueck, Clara,' sagte er.
'Nein,' sagte ich.
'Ich kann ohne dich nicht existieren,' sagte er.
'Und ich will nicht mit dir leben,' sagte ich.
Die Augen des Geistes wurden dunkel. 'Also willst du es so beenden,' sagte er.
'Ja,' sagte ich.
'Indem du mich vernichtest?' fragte er. 'Ja,' sagte ich. 'Wenn du mich toetest, toetest du einen Teil von dir selbst,' sagte er.
'Vielleicht hat dieser Teil mir nie gehoert,' sagte ich.
Der Geist wurde ploetzlich wuetend. 'Du kannst ohne mich nicht leben,' sagte er.
'Wir werden sehen,' sagte ich.
Der Nebel um uns verdunkelte sich. Im Kopf baute sich ein Druck auf. Als wuerde mein Verstand zerreissen. 'Ich war hier, um dich zu beschuetzen,' schrie der Geist.
'Ich habe keinen Schutz gewollt,' schrie ich zurueck.
'Sie haben dich verletzt,' sagte er. 'Aber ich liebte sie,' sagte ich.
Das Gesicht des Geistes zog sich zusammen. 'Liebe ist Schwaeche,' sagte er.
'Nein,' sagte ich.
'Ich bin du,' schrie er.
'Nein,' sagte ich, die Zaehne zusammengebissen. 'Ich bin ich.'
Der Geist stuermte auf mich zu. In meinem Kopf gab es eine Explosion und ich sank auf die Knie. Ich presste die Haende gegen meinen Schaedel, aber ich wich nicht zurueck.
'Ich habe dich beschuetzt,' sagte er. 'Du hast mich allein gelassen,' sagte ich.
'Du kannst ohne mich nicht ueberleben,' sagte er. 'Ich will jetzt allein ueberleben,' sagte ich.
Auf einmal herrschte Stille.
Der Nebel lichtete sich langsam. Der Schatten des Geistes riss auf.
'Du kannst mich nicht toeten,' sagte er ein letztes Mal.
'Du bist nicht mehr hier,' sagte ich.
Der Schatten des Geistes zersplitterte und verschwand in der Dunkelheit. Das Letzte, was ich hoerte, war seine schwaecher werdende Stimme: 'Clara... ohne mich...' - aber er konnte den Satz nicht beenden.
Ich oeffnete die Augen. Ich lag in meinem Bett. Morgenlicht fuellte das Zimmer. Ich holte tief Luft. In mir war zum ersten Mal ein einziger Herzschlag.
'Es ist vorbei,' sagte ich.
Ein Herz. Ein Gedanke. Keine Angst, kein Zweifel, keine Spaltung. Ich war jetzt klar. Ich wuerde mich nicht mehr in Frage stellen. Ich war frei.
FREI.
ENDE.
0
62
Psychologie
Kann ein Mensch leben, ohne seinen Vater je gekannt zu haben? Ich habe es getan.
Jedes Mal, wenn meine Mutter davon erzaehlte, kam sie nicht bis zum Ende des Satzes. Dabei kannte ich dieses Ende schon lange auswendig.
Ein Mann bricht mitten in der Nacht auf. Eine Frau wartet unter Wehen. Ein Kind kommt zur Welt - und dieser Mann erreicht diese Welt niemals.
Mein Vater hatte die Welt bereits verlassen, als er auf dem Weg zu mir war. Er hat mich nie gehalten. Hat meine Hand nie beruehrt, mein Gesicht nie gesehen. Das war die erste Nachricht meines Lebens: Ich war jemandes Ende.
Meine Mutter liess es sich nie wie ein Vergehen anfuehlen. Aber manchmal wohnt die Schuld in Stille, die sich nicht in Worte fassen laesst. In unserem Zuhause gab es eine leere Tasse zu viel und immer einen halbfertigen Satz. Wir hielten uns aneinander fest - meine Mutter und ich - und waehrend ich groesser wurde, schien sie kleiner zu werden.
Aber ich bin nicht so aufgewachsen wie andere Kinder.
Laufen, Lesen, Schreiben - all das lernte ich viel zu schnell. Mit vier Jahren konnte ich die Briefe lesen, die meine Mutter versteckt hielt. Doch ich habe mich nie wie ein Kind gefuehlt. Eher wie ein Erwachsener, der zu spaet gekommen war. Eine Seele, die im falschen Koerper geboren wurde. Vielleicht lag es daran, dass meine Seele genau in dem Moment in diese Welt kam, als eine andere sie verliess.
'Clara, alles in Ordnung?' Die Stimme meiner Mutter zerstreute das Rauschen in meinem Kopf. Ich blinzelte und richtete den Blick auf den Teller vor mir - ploetzlich wieder bewusst, wo ich war.
'Ja. Ich war nur kurz weg,' sagte ich.
Sie liess ihren Blick einen Moment zu lang auf mir ruhen - als wuesste sie genau, in welchem Gedanken ich verloren gegangen war. Der bittere Zug, der sich an ihren Mundwinkeln abzeichnete, verriet alles. Sie sagte nichts. Aber das Schweigen, das sie hinterliess, enthielt sehr viel.
'Los, du hast noch nichts angeruehrt. Fruehstueck jetzt,' sagte sie, leise, aber bestimmt.
'Okay,' sagte ich mit einem Nicken.
Das Geraeusch der Gabel auf dem Teller hallte unverhaeltnismaessig laut in der Kueche nach. Wir assen ohne zu sprechen. Das Ticken der Uhr, der Dunst des Tees, das blasse Morgenlicht an der Fensterscheibe - alles war zu scharf, zu klar.
Meine Mutter stand auf, stellte ihren Teller auf die Anrichte und wandte sich zur Tuer. 'Clara, ich gehe jetzt. Und komm nicht zu spaet,' sagte sie, schluepfte in ihre Schuhe. Als die Tuer hinter ihr ins Schloss fiel, legte sich Stille ueber die Wohnung.
Ich blieb sitzen und starrte auf den leeren Stuhl ihr gegenueber. Eben noch hatte sie ihn ausgefuellt. Jetzt war er nur noch Raum. Ich atmete tief durch, stand auf und begann die Kueche aufzuraeumen - Teller ins Spuelbecken, Wasser aufdrehen, das Rauschen vermischte sich mit dem Droehnen in meinem Kopf. Ich bewegte mich schnell, griff nach meiner Tasche, schluepfte in die Schuhe und trat hinaus.
Dann, um die Ecke - dieses Geraeusch.
'Clara.'
Mein Name. In den Wind gewoben, kaum hoerbar. Ich lief weiter, als haette ich nichts gehoert. Dann kam es erneut, deutlicher.
'Clara.'
Ich blieb stehen. Drehte mich um. Schaute nach links, nach rechts. Niemand. Aber mein Name hing in der Luft. 'Wer ist da?', rief ich. Die Angst hatte mich erfasst, und ich war schon dabei, die Beine in die Hand zu nehmen, als eine Stimme kam - nicht von draussen, sondern aus mir heraus.
'Clara. Ich bin hier.'
Ein Teil von mir war nicht einmal veraaengstigt. Der andere schrie, ich solle weglaufen. Die Angst gewann. Meine Beine bewegten sich, ohne dass ich es wollte. Ich rannte. Als ich in die Seitenstrasse einbog, stand die Schule vor mir - ruhig, still, als waere nichts gewesen. Ich verlangsamte meinen Schritt und ging auf die Eingangsstufen zu.
Der Hof war belebt - Schuelerinnen und Schueler in Grueppchen, andere auf den Stufen, Lachen ueberall. Alles wie es sein sollte. Die Welt stand noch. Und ich auch.
'Clara!' Mein Name - aber diesmal war es Freyas Stimme.
'Hey, ich hab dich gerade laufen sehen. Trainierst du fuer einen Marathon oder was?', sagte sie in neckendem Ton. Fast haette es mich zum Laecheln gebracht.
'Ich dachte, ich komme zu spaet,' sagte ich und wich der Wahrheit aus. Freya schaute mich weiter an, ueberzeugt.
'Komm schon, wenn wir noch laenger hier stehen, kommen wir wirklich zu spaet,' sagte ich und lenkte ab. Sie schuettelte den Kopf und lief in Richtung Klasse. Ich folgte ihr.
Hefte wurden aufgeschlagen. Stifte setzten auf Papier. Stuehle scharrten.
Ich beugte den Kopf ueber mein Heft. Die Schrift an der Tafel wirkte verblasst - als waeren die Woerter irgendwo weit weg. Die Stimme der Lehrerin wurde zum Hintergrundrauschen.
Ich machte Notizen. Blaetterte. Tat alles, was ich sollte. Aber nichts davon war wirklich.
Als die Glocke klingelte, erwachte der Raum - Stuehle wurden zurueckgeschoben, Lachen erhob sich, die Stunde war vorbei.
'Clara.' Freya erschien neben mir. 'Da soll ein neues Cafe aufgemacht haben. Gehen wir?'
'Nicht heute. Ich bin ein bisschen muede,' sagte ich mit einem kleinen Laecheln.
'Ach komm, es wird schoen - und die Muedigkeit verfliegt,' bestand sie.
'Zaehlt mich heute aus,' sagte ich und liess die Erschoepfung in meine Stimme einfliessen. Die anderen draengten nicht weiter.
Ich schnappte meine Tasche und verliess die Schule. Die Menge verteilte sich in verschiedene Richtungen. Ich ging den anderen Weg - den Weg, den meine Beine schon oft gegangen waren, besonders an solchen Tagen.
Als ich durch das Friedhofstor trat, legte sich eine seltsame Ruhe ueber mich. Hier war alles langsam. Niemand hatte es eilig. Niemand stellte Fragen.
Ich stand vor dem Grab meines Vaters.
Waehrend ich den Stein anstarrte, zog sich etwas in mir zusammen. Aber ich weinte nicht. Am Grab weinte ich nicht mehr.
'Ich hab es heute wieder gehoert,' sagte ich leise. 'Meinen Namen.'
Meine Stimme klang wie die einer Fremden - als wuerde jemand anderes sprechen.
'Ich dachte, dieser Tag sei vorbei. Ich dachte, wenn ich akzeptiere, dass dein Tod nicht meine Schuld war, wuerde es verstummen. Dass alles aufhoert.'
Ich liess mich auf die Knie sinken. Legte die Hand an den Stein. Er war kalt - aber wirklich. Wenigstens das war wirklich.
'Papa,' sagte ich, diesmal leiser. 'Geht es mir wirklich gut?'
Keine Antwort. Sie wuerde niemals kommen.
'Ich glaube nicht. Aber ich werde vor dieser Stimme nicht davonlaufen. Das sollst du wissen.'
Ich stand auf, drehte mich um. Lief los. Diesmal nicht mit Trauer - sondern mit etwas, das mehr wie Erwartung war. Nicht auf das Verlorene. Auf das, was ich erlebt hatte und noch immer nicht verstand.
Als ich den Friedhof verliess, hatte der Himmel begonnen, die Farbe zu wechseln. Nicht ganz Abend, nicht mehr ganz Tag. Diese Zwischenstunde - wenn Menschen sich selbst am aehnlichsten sind.
Ich zog das eiserne Tor hinter mir zu. Das Quietschen war kurz. Die Stimme in mir schwieg auch. Zumindest fuer jetzt.
* * *
Ich schloss die Tuer auf und trat ein. Die Wohnung war genauso wie ich sie verlassen hatte. Ich ging in mein Zimmer, zog mich um, dann in die Kueche. Ich erwaermte die Reste vom Vortag, stellte den Teller auf den Tisch und setzte mich.
Der Stuhl gegenueber war leer. Diesmal war er einfach nur leer - es fehlte nichts.
Ich ass schnell, raeumte den Tisch ab und ging in mein Zimmer. Mein Heft lag offen - ich hatte vergessen, es zu schliessen. Gerade als ich es zuklappen wollte, entdeckte ich eine Zeichnung.
Ein Menschenkopf. Und darin ein weiterer Kopf. Zwei Wesen in einem Koerper.
Ich setzte mich und starrte es an. Wann hatte ich das gezeichnet?
'Ach nein. Nicht schon wieder...' murmelte ich.
Das war nichts Neues. Manchmal fand ich Notizen - zwischen Buchseiten geklemmt, als Entwurf auf dem Handy gespeichert, halbfertige Absaetze. Alles in meiner Handschrift. Alles, woran ich mich nicht erinnern konnte.
Ich drueckte mein Gesicht in die Haende.
'Vergesslichkeit,' fluisterte ich vor mich hin.
Ich liess es nicht weiter auf mich wirken. Ich legte mich ins Bett. Es war noch frueh am Abend, aber ich war erschoepft. Ich liess mich fallen und versank in tiefen Schlaf.
* * *
Als ich am Morgen die Augen oeffnete, war das Zimmer in blasses Licht getaucht. Ich richtete mich im Bett auf. Die Wohnung war zu still. Normalerweise kamen um diese Zeit Geraeuschen aus der Kueche - eine Tasse, die auf ihre Untertasse trifft, ein Schrank, der auf- und zugeht, das leise Raeuspern meiner Mutter.
Nichts davon.
Ich warf die Decke ab und lugte durch die Tuer. Der Flur war leer. Das Kuechenlicht aus - aber das Fruehstueck stand schon fertig auf dem Tisch. Sie war wohl schon zur Arbeit. Ich lief zur Anrichte und goss mir ein Glas Wasser ein.
Die Wohnung trug die besondere, unfertige Stille der fruehen Morgenstunden. Ich setzte mich an den Tisch und fruehstueckte.
Als ich die Uhr an der Wand entdeckte, merkte ich, dass es Zeit war. Ich ging ins Zimmer, zog mich an, kaemmte die Haare, legte etwas Make-up auf, haengte mir die Tasche ueber die Schulter und richtete mich auf die Tuer aus.
Den Schulweg kannte ich auswendig. Nicht nur im Kopf - im Koerper. Doch heute fuehlten sich meine Schritte leicht an. Als waeren sie nicht ganz die meinen.
Ich bog um die erste Ecke. Dann um eine weitere. Kurz darauf hob ich den Kopf.
Das war nicht der Weg zur Schule.
Ich blieb stehen. Schaute um mich. Ich war in einer vertrauten, aber falschen Strasse. 'Unaufmerksam,' fluisterte ich vor mich hin.
Ich drehte um und lief diesmal bewusst - Augen offen, die Richtungen innerlich abrufend. Rechts, dann geradeaus.
Aber ein paar Minuten spaeter hob ich wieder den Kopf - und ein leises Unbehagen breitete sich in meiner Brust aus.
Dasselbe Lebensmittelgeschaeft. Dieselbe rissige Wand.
Hier war ich eben erst vorbeigegangen. Ich verlangsamte. 'Nein,' sagte ich zu mir selbst. 'Ich erinnere mich falsch.'
Ich griff nicht nach dem Handy. Diese Gegend kannte ich.
Ich aenderte noch einmal die Richtung - doch die Strassen schienen sich in kleinen Dingen zu verschieben. Ecken etwas enger. Wege etwas laenger. Schilder etwas blasser. Als waere die Stadt nicht fest. Als ordne sie sich um, waehrend ich laufe.
Mein Herz schlug schneller. Die Angst begann, mich zu erfassen. Ich hielt kurz inne und schloss die Augen. Ein tiefer Atemzug. 'Schule,' sagte ich lautlos. 'Ich gehe einfach zur Schule.'
Ich oeffnete die Augen. Vor mir erstreckte sich eine lange Allee - ich erkannte sie, aber die Schule lag nicht in dieser Richtung. Trotzdem setzten meine Beine sich wieder in Bewegung. Je weiter ich lief, desto schwerer das Unbehagen. Die Strasse war still. Kein einziger Vogel, obwohl der Morgen schon angebrochen war.
Dann bemerkte ich, dass ich stehengeblieben war. Ich hob den Kopf.
Der Friedhof.
Ich wusste nicht, wie ich hierhergekommen war. Etwas setzte sich mir in den Hals. Ich versuchte, nicht hineinzuschauen, aber meine Augen glitten von selbst dorthin - Reihen von Steinen, Namen, Daten -
Alle geboren und mit zweiundzwanzig gestorben.
Ich hob den Kopf ein Stueck weiter. Am eisernen Tor hing ein Schild: 'Der zweiundzwanzigste Friedhof.' Mein Herz raste.
'Ich wollte zur Schule,' fluisterte ich. 'Zur Schule.'
Ich trat zurueck. Zog mit zitternden Haenden das Handy heraus. Oeffnete die Karte. Der blaue Punkt blinkte - er zeigte auf den Friedhof. Das Schulsymbol lag in einer voellig anderen Richtung.
Diesmal lief ich mit der Karte. Augen nach unten, bei jedem Pfeil die Richtung wechselnd. Mit jedem Schritt loeste sich die Angst in mir ein wenig auf. Die Strassen wurden wieder vertraut. Menschenstimmen. Ein Auto, das vorbeifuhr. Das Leben kehrte zurueck.
Noch eine Ecke - und das eiserne Schultor tauchte vor mir auf. Real. Solide. Genau dort, wo es sein sollte.
Ich atmete aus und schaute noch einmal auf die Karte. Der Friedhof lag unglaublich weit entfernt. Ich konnte in dieser Zeit unmoegglich dort hingelaufen sein. Ich schaute auf den Bildschirm, dann auf die Schule, dann wieder auf den Bildschirm.
Der blaue Punkt flackerte - und fuer eine Sekunde blinkte er zurueck zum Friedhofseingang.
'Nein,' murmelte ich und hob den Kopf. Ich war an der Schule. Ich war wirklich an der Schule. Alles voellig normal.
Aber in mir war etwas nicht normal.
Ich stieg langsam die Treppenstufen hoch. Das Unbehagen war noch da. Der Moment am Friedhof hing wie ein Bild, das sich nicht abnehmen liess, in meinem Kopf.
Als ich eintrat, fiel mein Blick auf Freyas Platz. Leer. Keine Tasche. Kein Heft. Ihr Stuhl war noch nicht einmal herausgezogen worden. Sie war heute nicht da. Ich dachte nicht weiter darueber nach.
Ich setzte mich. Meine Haende zitterten noch leicht. Die Lehrerin kam herein, der Unterricht begann. An der Tafel erschienen Buchstaben, Seiten wurden umgeblaettert, und ich hoerte kaum etwas. Mein Stift drueckte aufs Papier, aber ich wusste nicht, was ich schreiben sollte.
Dann wanderte mein Blick zum Klassenfenster. Die Aeste des Baumes draussen wiegten sich sachte im Wind - und dann hoerte der Wind auf. Die Geraeuschen vom Schulhof verstummten mit einem Mal.
Und wieder - Steinmauern. Eisentor. Das Schild: Zweiundzwanzig.
Als waeren Schulhof und Friedhof uebereinandergelegt worden.
Dann stiess jemand gegen meinen Stuhl und ich zuckte zusammen. Lachen und Stimmen fuellten meine Ohren wieder. Die Glocke musste geklingelt haben. Ich raeumte langsam meine Sachen zusammen und verliess die Schule in Richtung Zuhause - diesmal aber bewusst.
Alles an seinem Platz. Nur ich nicht.
Waehrend ich lief, lag eine Enge in meiner Brust. Nicht wie Weinen. Nicht ganz wie Angst. Eher wie Verlorensein.
'Was, wenn ich eines Tages den Weg wirklich nicht mehr finde,' dachte ich. Der Gedanke schmerzte.
Als ich in meine Strasse einbog, wurde ich langsamer. Der vertraute Balkon. Die vertraute Tuer.
Ich zog den Schluessel heraus und sperrte auf. Ich hatte nur einen Wunsch: dass alles normal sein moege. Als ich eintrat, traf mich der Geruch der Wohnung.
Schuhe aus, Tasche abgestellt, Blick ins Wohnzimmer. Sofa an seinem Platz. Tisch an seinem Platz. 'Alles ist an seinem Platz und du bist zu Hause,' fluisterte ich - aber meine Mutter war nicht da. Ich wuenschte, sie waere jetzt hier.
Ich bewegte mich auf mein Zimmer zu. Es empfing mich, wie immer - der unordentliche Schreibtisch, die Strickjacke am Bettrand, das Abendlicht durch das Fenster. Alles vertraut.
Ich trat ein und schloss die Tuer. Warf die Tasche ans Bettende und setzte mich drauf. Schaute kurz zur Decke und holte tief Luft. 'Ich bin muede,' sagte ich - nicht nur koerperlich. Tiefer als das.
Ich legte mich hin, ohne mir einmal die Decke zu ziehen. Rollte mich auf die Seite und liess die Gedanken kommen - meine Mutter. Die Version von ihr aus meiner Kindheit, die in der Kueche auf mich wartete. Die, die mir ubers Haar strich, bis ich einschlief.
Mein Hals schnuerte sich schon zu. 'Ist das Erwachsenwerden?' Nach Hause kommen, niemanden vorfinden. Lernen, in der Stille zu wohnen.
Ich griff nach dem Handy und schrieb ihr: 'Wann kommst du?' Dann legte ich es weg. Meine Augen wurden schwer. Von draussen kam das leise Raunen des Windes. Die Wohnung war noch sehr still - aber diesmal fuehlte sich die Stille ein wenig weicher an.
Die Angst in mir war nicht ganz gegangen. Aber die Sehnsucht war staerker. Und waehrend meine Gedanken zu verschwimmen begannen, schlossen sich meine Augen.
* * *
Ich schliesse eine Tuer und glaube, ich trete in mein Zuhause - aber auch wenn dieser Ort wie eines aussieht, stimmen seine Proportionen nicht. Der Flur ist zu lang. Das Licht gelb, aber die Schatten grau. Ich schaue auf die gerahmten Bilder an der Wand. Die Gesichter aehneln meinem, aber keines ist wirklich ich. Je naeher ich trete, desto mehr loesen sie sich auf - als waere Erinnern dasselbe wie Vergessen.
Mein Blick faellt auf eine Uhr an der Wand - aus Holz, offensichtlich alt. Sie zeigt 22:22 Uhr und steht still. Ich gehe weiter. Je mehr Schritte ich tue, desto weniger fest wird der Boden. Er fuehlt sich nicht mehr wie Fliesen an, eher wie Erde.
Ich bleibe vor der Tuer gegenueber stehen. Starre sie lange an. Ich druecke sie auf - und alles wird zum Friedhof. Die dunklen Wolken, die Steine fast schwarz, diese dichte, schwere Luft - alles da. Die Angst bemaaechtigt sich meines ganzen Koerpers und ich renne. Irgendwann beginnen meine Fuesse zu schmerzen, aber ich halte nicht an. Nicht bis ich falle. Ich stosse gegen etwas und stuerze, und als ich zagend den Kopf hebe, sehe ich meinen Schreibtisch - das Heft offen davor. Ich beuge mich vor und sehe nur die Zahl 22. Die ganze Seite damit gefuellt. Ich drehe mich und schaue auf die Graeber um mich - jeder Mensch hier ist mit zweiundzwanzig gestorben.
Aber ein einziger Grabstein erschreckt mich am meisten. Meiner. Mein Name. Mein Nachname. Mein Geburtstag. Er gehoert mir. Ich gehe langsam darauf zu und bleibe davor stehen - und aus dem Stein dringt eine Gestalt heraus. Wogend, meinem Abbild fast zum Verwechseln aehnlich. Ich muesste Angst haben. Stattdessen fuehle ich Frieden.
Die Gestalt kommt auf mich zu und legt die Hand auf mein Herz. Als wuerde diese Beruehrung einen zweiten Herzschlag in mir wecken.
Dann fuehlt es sich langsam falsch an. Ich bekomme keine Luft. Etwas drueckt mir die Kehle zu. Ich taumele rueckwaerts und falle, und irgendwie laesst mich der Sturz wieder atmen. Als ich aufschaue, haben sich Friedhof und Schule ineinandergeschoben. Und ploetzlich draengen Kinder hindurch - rennend, lachend - aber es gibt keinen Ton, keine Farbe. Alles schwarz-weiss. Lautlos.
Ein Maedchen, das mir aehnelt, tritt neben mich. Es betrachtet mein Gesicht lange, dann sagt es: 'Du bist schon zu spaet.' Schweigt danach. 'Zu spaet wofuer? Wozu bin ich zu spaet?' Es antwortet nicht. Es sieht mich nur an - mit Mitleid. Und ich begreife nicht warum, also fange ich an, sein Gesicht anzuschreien: 'Antworte mir! Wozu bin ich zu spaet?' Noch immer nichts.
Der Boden verschiebt sich, und ich bin wieder auf dem Friedhof. Aber diesmal ist die Frau vor mir meine Mutter. Hinter ihr zeigt die Uhr immer noch 22:22. 'Warum sind wir hier, Mama?' - doch bevor ich fertig bin, bricht sie zusammen. Blut laeuft aus ihrem Mund, aus ihren Augen. 'Mama!', schreie ich und halte sie fest, und es fuehlt sich an, als wuerde meine eigene Seele aus mir herausgezogen. Die Uhr an der Wand faellt zu Boden. Das Zifferblatt zeigt 22:23. Meine Mutter kehrt in die Welt der Lebenden zurueck. Und ich spuere, wie meine Verbindung zu ihr reisst. Aber ich erinnere mich an einen letzten Satz: 'Der Austausch ist vollzogen.'
Ich oeffnete die Augen in einem einzigen Moment.
Das Zimmer war dunkel. Die Decke reglos. Die Waende an ihrem Platz. Aber mein Atem war unregelmaessig, mein Herz haemmerte gegen meine Rippen. Mehrere Sekunden lang konnte ich mich nicht bewegen.
Ich legte die Hand auf meine Brust. Ein Herzschlag. Schnell, aber echt.
Ich zog die Decke weg und setzte mich auf. Griff nach dem Handy. Es war nach Mitternacht. Aber die Ziffern waren normal.
Ich stieg aus dem Bett und setzte mich in den kleinen Sessel neben dem Fenster. Ich wollte nicht schlafen. Ich fuerchtete, wohin der Traum mich fuehren wuerde. Aber meine Augen ergaben sich, bevor ich kaempfen konnte.
Die Steifheit in meinem Nacken weckte mich. Mein Zimmer fuellte sich mit Morgenlicht. Ich entfaltete mich aus dem Sessel und bewegte mich langsam in die Kueche. Kein Unterricht heute. Ich hatte geplant, meinen Vater zu besuchen. Ich fruehstueckte schnell, machte mich fertig und machte mich auf den Weg.
Ich hatte es auf dem Weg nicht eilig. Meine Schritte waren gleichmaessig. Jedes Pflasterstein vertraut, jede Ecke bekannt - aber das, was in mir langsam aufstieg, war alles andere als vertraut.
Den Weg zu meines Vaters Grab kannte ich immer instinktiv. Es war keine Navigation - es war Muskelgedaechtnis.
Als ich das Friedhofstor erreichte, verschob sich etwas Feines in mir. Kein Schmerz genau - eher die Art von Ruhe, die Menschen dazu bringt, die Stimme zu senken.
Der Erdgeruch war feucht und schwer, wie immer. Vogelstimmen kamen aus der Ferne. Hier bewegte sich die Zeit anders.
Dann stand ich vor seinem Stein. Ich las den Namen, so wie immer - als waere es das erste Mal. Ich legte meine Handflaeche gegen den Marmor. Kalt. Diese Kaelte erschreckte mich nicht mehr.
'Heute ist schulfrei, Papa,' sagte ich lautlos.
Das Seltsame ist: Ich moechte nicht weinen, weil ich ihn vermisse. Ihn zu vermissen fuehlt sich nicht mehr wie Schmerz an - eher wie ein Glied. Etwas, das da sein sollte, dessen Abwesenheit ich mir gewoehnt habe.
Meine Knie geben nicht nach. Ich stehe auch nicht aufrecht. Ich stehe einfach.
Die Abwesenheit eines Menschen wird mit der Zeit nicht leichter. Sie veraendert nur ihre Form. Und ich war mit dieser Form gewachsen.
'Papa, ich vermisse dich so sehr.' Kann man jemanden vermissen, dessen Stimme man nie gehoert hat? Ich tue es.
'Papa, ich vermisse auch Mama. Aber sie geht nur noch zur Arbeit und kommt zurueck. Ich habe sie seit einer Woche kaum gesehen. Sie geht nicht ran, wenn ich anrufe. Papa - ich glaube, ich habe niemanden mehr.'
Ich merkte, waehrend ich sprach, dass meine Augen feucht wurden. Dass ich weinte. Ich weinte am Grab meines Vaters nie - denn jedes Mal, wenn ich es tat, kam er in meine Traeume. Also weinte ich hier nie. Aber heute war es, als wuerde er mich zu sich rufen.
'Papa, warum bin ich so? Allein, ohne Liebe, erbaermlich.' Die Worte liessen mich noch mehr weinen.
Meine Knie hatten nachgegeben. Ich sass auf der Erde, war fast ein Teil von ihr.
'Ist es schoen dort, Papa?' Noch eine Frage ohne Antwort. Irgendwann schien mir, als waeren mir die Traenen ausgegangen. Ich weinte, aber nichts fiel. Und ich fuehlte mich so sehr wie zu Hause wie nie zuvor.
Vielleicht ist das Schwerste nicht, sich an jemanden nicht erinnern zu koennen. Es ist das Wissen, dass man es nie wird.
Der Wind bewegte sich leicht. Blaetter raschelten. Das Leben ging weiter - und ich mit ihm. Aber mit einem namenlosen Fleck in mir.
Ich verfolgte die Buchstaben auf dem Marmor ein letztes Mal mit den Augen. Zog die Hand langsam zurueck - aber die Kaelte blieb in meiner Handflaeche. Ich sagte nicht 'Auf Wiedersehen.' Denn ich war nie angekommen. Aber etwas sehr Leises zog durch mich: 'Ich bin hier.' Das schien zu genuegen.
Ich drehte mich um und ging. Auf dem Weg zum Ausgang erkannte ich: Manchmal besucht ein Mensch nicht jemand anderen. Er besucht den fehlenden Teil von sich selbst.
Als ich durch das Friedhofstor trat, kehrten die Geraeuschen der Stadt zurueck - Autos, das ferne Gemurmel von Gespraechen, das Rauschen des Windes. Das Leben hatte nicht auf mich gewartet.
Ich machte mich auf den Heimweg. Das leise Ziehen in mir - es war keine Angst mehr. Eher eine stille Sehnsucht nach jemandem, den ich nicht benennen konnte.
Als ich das Gebaeude erreichte, standen Mutters Schuhe nicht an der Tuer. Sie war wohl bei der Arbeit. Ich trat ein. Der Flur wirkte heute laenger als sonst. In dieser Wohnung leben zwei Menschen - aber manchmal ist die Stille fuer drei.
Ich erreichte meine Zimmertuer und trat ein. Das Licht durch die Gardine fiel auf mein Bett. Ich haengte die Jacke ueber den Stuhl und setzte mich auf die Bettkante.
Einmal tief Luft holen. Nur einmal. Und zum ersten Mal dachte ich: Manche Menschen koennen tiefe Spuren hinterlassen, ohne je in unser Leben einzutreten. Ich legte mich hin und starrte an die Decke. Meine Seele schien eingesunken zu sein. Und das zeigte sich in meinen Augen, die sich von selbst schlossen.
Das Licht durch die Gardine weckte mich. Gerade als meine Mutter ihren Mantel anzog. Das Geraeusch der Schluessel. Die Tasche ueber der Schulter. Als sie mich sah, hielt sie kurz inne. 'Du bist wach. Ich habe draussen etwas zu erledigen - es kann spaet werden,' sagte sie. Ihre Stimme klang normal.
Ich nickte nur.
In diesem Moment oeffnete sich etwas Kleines in mir. Wir umarmten uns nicht einmal. Der Abschied war zu kurz. Ich schaute ihr nach. Manchmal wird man nicht allein gelassen. Man gewoehnt sich einfach an das Alleinsein.
Ich ging ins Zimmer und setzte mich auf die Bettkante. Was ich meinem Vater am Grab nicht sagen konnte, konnte ich ihr auch nicht sagen. In diesem Haus wurden Gefuehle immer mit gedaempfter Stimme gesprochen. Ich holte tief Luft und zog Kleidung heraus. Heute war Schule.
Nachdem ich mich fertiggemacht hatte, ging ich zur Tuer - sperrte dreimal ab - und machte mich auf den Weg. Meine Fuesse kannten die Strecke.
Als ich die Schule betrat, war die Leere vom Morgen noch da. Aber sie war nicht mehr wie Stein. Eher wie eine Stille, die sich in mir niedergelassen hatte.
Ich ging in die Klasse und nahm meinen Platz ein. Dann oeffnete sich die Tuer: Freya. Sie entdeckte mich und kam direkt auf mich zu. 'Guten Morgen, Freya.'
'Guten Morgen, Clara.' Sie laechelte. 'Hey - wo warst du gestern?'
'Ich war krank. Hatte Fieber.'
'Geht es dir jetzt gut?'
'Ja, mir geht's gut. Ich musste einfach mal raus.'
Ich nickte und holte meine Hefte aus der Tasche. Alles lief normal - als waere nicht ich gestern auf dem Friedhof geweint haette. Als waere nicht ich gewesen, die hinter ihrer Mutter in die Leere gestarrt hatte.
Nachdem wir beide sassen, fing ich an zu erklaeren was wir hatten - mit so falschen Worten, so holprig, dass uns beide ein Lachkrampf erwischte.
Das Leben ging weiter, trotz allem, was einem innen fehlte.
Als die Glocke klingelte, kam die Lehrerin herein. Der Unterricht begann. Freya schob mir ab und zu kleine Zettel herrueber mit unsinnigen Zeichnungen. Ich laechelte leicht und wandte mich wieder meiner Arbeit zu.
Als die Glocke erneut klingelte, erhoben sich alle - und Freya drehte sich zu mir: 'Komm morgen frueher. Es gibt eine Probearbeit.'
'Okay,' sagte ich und haengte mir die Tasche ueber die Schulter.
Wir liefen gemeinsam zur Tuer. Der Flur war voll. Die Leere vom Morgen in mir war kein Aufruhr mehr - ein leises Ziehen, das war. Da, aber ohne zu schreien.
Am Schulausgang bog Freya in eine andere Richtung ab und winkte.
Ich war allein. Die Luft war frisch. Die Strasse gewoahnlich. Das Leben verlangsamte fuer niemanden. Und ich lief weiter - einen gleichmaessigen Schritt nach dem anderen.
Als ich nach Hause kam, neigte sich der Himmel dem Abend entgegen. Die Wohnung war so still wie immer. Schuhe aus, Tasche auf den Flurstuhl.
Der Tag war lang gewesen. Aber nicht dramatisch.
Ich ging ins Zimmer und oeffnete die Vorhaenge einen Spalt breit. Das letzte Tageslicht fiel auf meinen Schreibtisch. Ich zog die Tasche auf, legte die Hefte heraus, stellte das Mathematikbuch in die Mitte, nahm den Stift in die Hand und fing an zu lernen.
Anfangs schweiften meine Gedanken ab. Dann ertappte ich mich und fing wieder von vorne an. Zurueck zum Anfang. Weitermachen.
Nach einer Weile konzentrierte ich mich wirklich. Die Zahlen wurden schaerfer. Das Rauschen in mir wich etwas, das sich beinahe wie Kontrolle anfuehlte.
Mein Handy vibrierte. Freya: 'Lernst du wirklich?' Die Nachricht zog mir ein kleines Laecheln aus dem Gesicht.
'Leider ja,' tippte ich zurueck.
Noch ein paar Aufgaben, dann klappte ich das Buch zu und lehnte mich im Stuhl zurueck. Schaute an die Decke.
Heute war nicht schlecht. War auch nicht gut. Aber es war ausgeglichen.
Manchmal schreitet das Leben nicht durch grosse Ereignisse voran. Nur durch solche kleinen Abende.
Ich hatte mich noch nicht hingelegt. Ich schaute aus dem Fenster - Strassenlaternen an. Und zum ersten Mal heute spuerte ich keine Leere, sondern Muedigkeit.
Ich glaube, das ist besser.
Nach einer Weile grollte mein Bauch leise. Ich ging nach unten. In der Kueche brannte Licht, aber meine Mutter war noch nicht zurueck. Ich erwaermte Essen, setzte mich an den Tisch. Kein Fernseher. Kein Handy. Nur essen.
Als ich fertig war, liess ich den Teller im Spuelbekken. Ich habe mich an die Stille dieser Wohnung gewoehnt - aber manchmal wirkt sie noch immer fremd.
In meinem Zimmer war das einzige Licht der Schein der Strassenlaterne. Ich zog mich um und legte mich hin. Das Gewicht des Tages war schwer.
Ich schloss die Augen. Kein grosser Schmerz in mir. Keine grosse Freude. Nur eine stille Muedigkeit.
Und Schlaf.
Ich wachte ein paar Minuten vor dem Wecker auf. Das Zimmer war in gedaempftes Grau getaucht. Fuer einen Moment kuendigte sich das Gewicht des Tages an: die Probearbeit.
Ich stand auf. Aus der Kueche kam das leise Geraeusch von Geschirr - meine Mutter musste zu Hause sein. Als ich nach unten kam, hatte sie den Tisch bereits gedeckt.
'Guten Morgen,' sagte ich. 'Guten Morgen,' sagte sie.
Unsere Stimmen normal. Weder zu warm noch zu kuehl. Eine vertraute, wenn auch unsichtbare Distanz zwischen uns.
Als ich mich setzte, schenkte sie Tee ein. 'Die Probearbeit ist doch heute, oder?' fragte sie. 'Ja.' 'Viel Erfolg,' sagte sie, kurz und klar. 'Danke,' antwortete ich.
Ich ass schnell. In meinem Bauch lag eine leichte Anspannung - keine Hunger-Anspannung, sondern die der Erwartung. Ich schob den Stuhl zurueck. 'Ich gehe.' 'Okay. Pass auf dich auf.'
Ich zog den Mantel an und haengte mir die Tasche ueber. Als ich die Tuer oeffnete, sah ich sie noch immer am Tisch sitzen - einen Schluck Tee nehmend. Dieses Bild beruhigte etwas in mir auf seltsame Weise.
Ich schloss die Tuer und trat hinaus. Die Morgenluft war frisch. Die Strasse erwachte gerade erst. Meine Schritte waren zuegig - heute war kein Raum zum Abschweifen.
Auf dem Schulweg spuerte ich nicht die Leere von gestern. An ihre Stelle war eine leichte Anspannung getreten - aber eine lebendige, und ich fuehlte mich bereit.
Als ich durch das Schultor trat, wirkte der Hof stiller als sonst. An Prueuefungstagen zieht sich jeder in sich zurueck.
Freya erwischte mich an der Tuer. 'Bist du bereit?' 'Ich weiss es nicht,' sagte ich ehrlich. 'Du?' 'Ueberhaupt nicht, aber wir gehen trotzdem rein.' Wir laechelten beide.
Wir gingen gemeinsam nach oben. In der Klasse waren die Tische umgestellt. Ich setzte mich an meinen Platz am Fenster. Freya war diagonal gegenueber.
Die Aufsichtsperson trat ein. Hefte wurden verteilt. Das Summen im Raum brach ab. Ich schaute auf das Heft vor mir und schrieb meinen Namen. Griff den Stift etwas fester. 'Sie koennen beginnen.'
Ich las die erste Frage. Die Anspannung in meinem Bauch stieg kurz - dann loeste sie sich langsam. Ich las noch einmal. Ich verstand. Ich markierte.
Die Zeit begann zu fliessen.
Ich schaute hin und wieder auf. Freya hatte das Haar hinters Ohr gesteckt und arbeitete konzentriert. Ihr Anblick motivierte mich auf seltsame Weise.
Mit fortschreitenden Fragen klaerte sich mein Kopf. Die Aussenwelt verschwand. Nur ich, ein Stift und Papier.
Als ich auf der letzten Seite ankam, lag eine eigenartige Ruhe in mir. Ich war fertig. Ich ueberprueefte. Legte den Stift wenige Minuten vor Ende hin.
Die Glocke klingelte.
Hefte wurden eingesammelt. Freya sah mich an, Augen gross. 'Wie war's?' fluisterte sie. 'Nicht schlecht,' sagte ich. 'Ich bin in Mathe untergegangen, glaube ich,' sagte sie. 'Uebertreib nicht.'
Wir gingen gemeinsam hinaus. Der Flur fuellte sich wieder mit Laerm - aber diesmal mit Erleichterung statt Anspannung.
Freya stupste mich am Arm. 'Zumindest ist es vorbei.' Ich nickte. 'Ja. Zumindest ist es vorbei.'
Am Schulausgang blieb Freya ploetzlich stehen. 'Gehst du nach Hause?' 'Ich weiss es nicht,' sagte ich. Und ich wusste es wirklich nicht.
'Komm ins Cafe. Kaffee. Wir begraben die Pruefung ordentlich.'
Ich zoeegerte einen Moment. Etwas ganz Kleines ruehrte sich in mir - ein unbenennbares Unbehagen. Als muuesste ich irgendwo sein, als kaeme ich zu spaet - aber ich wusste nicht, wo oder wozu.
'Okay,' sagte ich trotzdem.
Wir liefen los. Freya erzaehlte von der Pruefung. Ich nickte zwischendurch und antwortete gelegentlich.
Aber dieser kleine Schatten in mir wich nicht. Wir drueckten die Cafe-Tuer auf. Drinnen war es warm. Der Kaffeeduft war dicht. Wir setzten uns ans Fenster. Freya bestellte zwei Kaffee; ich widersprach nicht.
Ich stuetzte die Ellbogen auf den Tisch und schaute hinaus. Menschen, die vorbeigingen. Autos, die hielten und wieder fuhren. Alles normal.
'Du bist sehr still,' sagte Freya nach einer Weile. 'Muede, glaube ich,' sagte ich.
Ob ich wirklich muede war, wusste ich nicht. Was ich spuerte, war keine Muedigkeit. Eher... die Vorahnung von etwas Nahendem. Aber es naeherte sich nichts. Alles war ruhig.
Der Kaffee kam. Freya hielt die Tasse mit beiden Haenden. 'Schau - wenn die Ergebnisse schlecht sind, weinen wir zusammen, okay?' sagte sie halb ernst. 'Deal,' sagte ich.
Wir hatten gar nicht bemerkt, wie viel Zeit vergangen war. Der Himmel wurde schon dunkler. 'Wir sollten langsam gehen,' sagte ich. Freya nickte und stand auf. Wir verabschiedeten uns an der Cafe-Tuer mit einer kurzen Umarmung und gingen jede ihren Weg.
Allein jetzt kehrte das Gefuehl zurueck. Auf der Strasse liefen meine Schritte fuer einen Moment wie ohne mich. Als wuerde jemand neben mir gehen und bei jedem Schritt gleichzeitig aufsetzen. Es war kurz. Ich blinzelte. Es war weg.
Aber manchmal - sehr selten, nur eine Sekunde - hatte ich das Gefuehl, von zwei Orten gleichzeitig zu schauen. Ich, die auf dem Buergersteig laeuft, und ein anderes Ich, ein paar Schritte dahinter. Dann war ich wieder eine Person.
Mein Herz schlug scheinbar doppelt fuer einen Moment. Der Rhythmus geriet aus dem Takt. Dann normalisierte er sich wieder.
Strassenlaternen an. Ich naeherte mich dem Zuhause. Alles vertraut.
Nichts Ungewoehnliches.
Nur in mir - ein feiner Riss, den ich nicht erklaeren konnte.
Als haette sich meine Seele nicht in der Mitte gespalten, sondern... sich leise ein paar Zentimeter verschoben.
Noch waehrend ich diesen Gedanken zu Ende dachte, merkte ich, dass ich zu Hause angekommen war. Ich trat langsam ein, stellte die Sachen weg. Als ich mich in den Sessel setzte, bemerkte ich mein Handy - neun verpasste Anrufe.
Derselbe Name, wieder und wieder. Jemand vom Arbeitsplatz meiner Mutter. Mein Herz begann unregelmaessig zu schlagen.
'Warum so oft?' sagte ich zu mir selbst. Mein Hals war trocken. Meine Finger kalt.
Ich rief sofort zurueck.
Es klingelt.
Einmal.
Zweimal.
Drei -
'Clara?'
Die Stimme am anderen Ende war zittrig. Vertraut, aber in einem Ton, den ich nicht kannte.
'Ja... ich bin's. Geht es meiner Mutter gut? Warum haben Sie angerufen?'
Eine kurze Pause.
Diese eine Sekunde dehnte sich. Etwas in mir sank, noch bevor ein Wort kam.
'Deine Mutter... hatte einen Verkehrsunfall.' Genau wie mein Vater. Ein Verkehrsunfall.
Die Welt wurde in diesem Moment enger.
Als wuerde die Luft aus dem Raum gesogen.
'Was meinen Sie?' sagte ich - aber die Stimme klang nicht wie meine. Sie kam von sehr weit weg.
Die Stimme am anderen Ende erklaerte. Krankenwagen. Krankenhaus. Kreuzung. Kollision.
Nicht Wort fuer Wort - in Bruchstuecken. Ich hoerte es in Fetzen.
Dann dieser Satz.
'Es tut mir leid... sie konnte nicht gerettet werden.'
Handy in der Hand.
Aber meine Hand gehoerte mir nicht mehr.
Meine Knie loesten sich - ich griff nach dem Sessel, merkte aber, dass ich schon sass. Der Raum drehte sich nicht. Fast wuenschte ich, er taete es. Alles war zu scharf.
Die Wand dieselbe. Die Uhr dieselbe. Der Vorhang derselbe.
Aber nichts war dasselbe.
'Nein,' sagte ich. Ein Atemzug.
Ich wollte noch einmal anrufen. Jemand anderen. Meine Mutter. Mich. Irgendjemanden.
Ich wollte, dass es die falsche Nummer war. Die falsche Person. Das falsche Leben.
Sie sass heute Morgen am Tisch. Trank Tee. 'Pass auf dich auf,' hatte sie gesagt.
Das war alles?
Ist ein Mensch so schnell aus dem Leben verschwunden?
Das Handy noch am Ohr, aber niemand spricht mehr. Auch ich nicht.
Keine Leere oeffnet sich in mir. Ich falle nicht in eine Luecke. Ich falle einfach - der Boden unter mir weggezogen.
Als haette das, was ich vorhin gespuert hatte - zwei Seelen zu sein - sich bewahrheitet, und eine Haelfte von mir waere mit diesem Satz abgerissen.
Mama.
Sie war heute Morgen hier.
Und jetzt nicht mehr.
Dieses Wort nimmt mein Kopf nicht an.
Nicht mehr.
Die Tuer ist noch geschlossen. Die Kueche ist noch da.
Aber diese Wohnung ist kein Zuhause mehr.
Sie ist das Echo des letzten heute Morgen gesprochenen Satzes.
Ich versuche zu atmen. Meine Brust schnuert sich zu.
Die erste Sekunde - ich weine nicht. Weil der Schmerz vor den Traenen kommt. Weil der Schock das Weinen aufschiebt.
Dann - ein Moment -
Die Wahrheit trifft ein.
Ich hatte sie nicht einmal umarmt. Ich hatte ihr Gesicht gesehen, mit ihr gesprochen - aber sie nicht gehalten. Ihren Duft nicht ein letztes Mal eingeatmet. Meine Mutter war tot. Wie mein Vater.
In dem Moment, da das wirklich wurde, loesten sich meine Knie auf. Was blieb, waren Schluchzer - stosweise, keuchend. Sie war tot. Mein einziger Rueckhalt in dieser Welt. Meine Mutter war tot. Und sie war genauso gestorben wie mein Vater. Im Strassenverkehr. Dieselbe Liebe, dasselbe Schicksal.
Sie riefen zurueck.
'Wo sind Sie,' sagte ich. 'Meine Mutter - wo ist sie?'
Sie nannten mir den Krankenhausnamen. Jedes Wort fiel wie Zement in mich. 'Muss ich kommen?' fragte ich. 'Ja. Sie brauchen Ihren Ausweis.'
Ausweis. Unterschrift. Formalitaet. Meine Mutter unterschrieb frueher fuer mich. Jetzt wuerde ich fuer sie unterschreiben.
Als der Anruf beendet war, wurde die Wohnung noch stiller. Dann stand ich auf, nahm den Mantel. Meine Hand zitterte am Schluessel. Ich sperrte ab - obwohl ich nicht wusste warum. Es war niemand mehr drinnen.
Die Krankenhausflure waren weiss. So weiss. Zu hell. Menschen sprachen in Fluestertoenen.
Sie fuehrten mich in ein Zimmer. Reichten mir ein Formular. Ich schrieb meinen Namen. Die Handschrift war nicht zu erkennen.
Dann - eine Tuer. Kalte Luft. Ein Mitarbeiter.
Und dieser Moment kam.
Ich sah ihr Gesicht. Das Gesicht von heute Morgen. Dasselbe. Aber nicht.
Lippen blass. Hautfarbe leblos. Augen geschlossen.
Ich sage nicht 'Mama.' Weil ich wusste, dass sie nicht antworten wuerde.
Ich moechte ihre Hand nehmen, aber ich kann mich nicht dazu bringen, sie zu beruehren. Wenn ich es tue, wird es vollstaendig real.
Auch mein Vater war im Strassenverkehr gestorben. Als haette das Schicksal denselben Satz zweimal geschrieben. Als haette das Leben mich zweimal an derselben Stelle getroffen.
Ich stehe - aber in mir bin ich auf den Knien.
Was danach kam, verschwamm. Beerdigungsformalitaeten. Beileid. Telefonate. Menschen. Eine Stimme, die betete. Erde.
Erde hat ein Geraeusch. Das habe ich an diesem Tag gelernt.
Das erste Schaufelgeraeusch auf einem Sarg klingt wie das Zerbrechen eines Herzens.
'Sei stark,' sagten sie. Was fuer ein leichtes Wort. Ich stand am Grab - nah bei meinem Vater. Beide durch den Strassenverkehr. Beide ploetzlich.
Der Himmel war klar, aber ich konnte ihn nicht sehen. Die Erde wurde bedeckt.
Und ich blieb wieder ohne Familie zurueck.
Als ich nach Hause kam und die Tuer aufschloss, war es diesmal wirklich leer.
Ihr Teeglas noch im Spuelbekken vom Morgen. Ein Stuhl leicht zurueckgeschoben. Alles genau so. Nur sie nicht.
Diese Wohnung war zu einer Erinnerung geworden.
Ich lehnte mich an die Wand.
Und weinte.
Nicht leise.
Zum ersten Mal - laut.
Weil niemand mehr da war, der mich auffangen konnte.
Und dieses alte Gefuehl kehrte zurueck - als waere ich zwei Seelen. Eine von mir in dieser Wohnung. Die andere unter der Erde geblieben.
Und zum ersten Mal verstand ich es wirklich: Manche Menschen sterben nicht einfach weg. Sie nehmen ein Stueck von dir mit. Meine Mutter hatte ein Stueck von mir mitgenommen.
Ich holte tief Luft. In mir war eine seltsame Leere - keine Angst, keine Wut, keine Traenen mehr. Nur ein schweres Vermissen.
Ich sass so eine Weile. Gedanken, Fragmente der Vergangenheit, Erinnerungen und Verluste flossen ineinander. Dann legte ich mich ins Bett. Zog die Decke ueber mich. Schloss die Augen.
In mir war ein tiefer Stille - aber diesmal stoerte sie mich nicht. Ein paar tiefe Atemzuege, und mein Koerper lockerte sich. Der Schlaf senkte sich langsam ueber mich.
* * *
Ich fand mich ploetzlich auf einem Friedhof. Der Himmel grau und nah, kein Wind - aber ein Beben in der Luft. Grab Nummer zweiundzwanzig. Auf dem Stein kein Name. Nur ein leerer Raum. Ich stand daneben. Es schien mich anzusehen.
Und dann bemerkte ich: Hinter dem Stein eine Silhouette. Ich selbst. Aber nicht ich. Meine Augen, meine Lippen, meine Haltung - alles vertraut, doch sie trug eine Last, die nicht zu mir gehoerte. Eine seltsame Erschuetterung zog durch mich.
Die Silhouette trat auf mich zu. Das Geraeusch meiner Schritte und ihrer Schritte vermischte sich. Als wuerden zwei Seelen gleichzeitig, aber getrennt voneinander gehen. Eine Stimme in mir fluesterte: 'Bist du das... oder ist ein Stueck von dir verloren gegangen?'
Ich stand vor dem Grabstein. Legte meine Haende darauf. Kalt - aber mit einer Waerme darin, wie das Echo von etwas Unvergesslichem. Waehrend ich mich selbst beobachtete, war es, als waeren meine Vergangenheit und meine Zukunft zur gleichen Zeit vor mir.
Vielleicht waren beide dasselbe. Vielleicht waren diese beiden Seelen dieselben - gleicher Schritt, gleiche Bewegung, gleicher Koerper, verschiedene Seele.
Als ich die Augen oeffnete, fiel das graue Morgenlicht des Zimmers auf mein Gesicht. Mein Herz schlug schnell. Ein Druck in der Brust - dieselbe Leere, die die Abwesenheit meiner Mutter hinterlassen hatte.
Ich stand auf. Als meine Fuesse den Boden beruehrten, war die Welt noch immer schwer. Das Handy lag auf der Tasche - die verpassten Anrufe von gestern Abend erinnerten mich wieder: Meine Mutter war nicht mehr hier.
Meine Haende zitterten, aber ich legte sie auf die Knie und atmete tief. In mir war Schmerz - scharf, eine Grube, die auf Traenen wartete. Aber ich weinte noch immer nicht. Weil der Schmerz zu gross war.
Ich ging zum Fenster. Draussen war es hell, aber in mir lag noch ein trueber Schatten. Ich schaute auf den Fruehstueckstisch - das Teeglas, das sie jeden Morgen hergestellt hatte, jetzt nur noch Erinnerung.
Ich setzte mich an den Kuechentisch und ass die letzte Mahlzeit, die sie je fuer mich zubereitet hatte. Meine Haende zitterten, waehrend ich ass. Die Traenen liefen.
Als ich fertig war, konnte ich nicht aufstehen. Ich starrte nur auf den leeren Stuhl gegenueber. Den Stuhl, der bis vor wenigen Tagen noch besetzt war. Der frueher Frieden gab - und jetzt nur noch Traenen und Schmerz.
* * *
Zwei Jahre spaeter.
Man glaubt, man heilt in zwei Jahren. Dass Wunden Krusten bilden, Namen weniger wehtun, man die Wege zum Friedhof auswendig kennt und sich gewoehnt. Sich gewoehnen... was fuer ein seltsames Wort. Als koennte man sich an alles gewoehnen.
Ich gewoehnte mich nicht.
Ich wurde nur stiller.
Die Wohnung spricht weniger mit mir jetzt. Die Waende tragen ihre Stimme nicht mehr. Das Geraeusch von Geschirr in der Kueche ist nicht mehr so scharf. Aber die Naechte sind immer noch dieselben. Nachts dehnt sich die Wohnung aus. Der Flur wird laenger. Die Schatten schwerer. Und wenn ich allein durch diese Schatten laufe, hoere ich diesen zweiten Puls in mir klaerer.
Frueher hatte ich Angst davor. Jetzt nicht mehr. Weil er kein Fremder mehr ist.
Manchmal liege ich auf dem Ruecken im Bett, starre an die Decke und lausche meinem eigenen Herzschlag. Nach einer Weile scheint sich der Rhythmus zu veraendern. Ganz leicht. Als wuerde zwischendurch ein anderer Schlag eingeschoben. Waere ich Aerztin, haette ich vielleicht eine Erklaerung dafuer. Aber ich bin keine Aerztin. Ich bin nur ein Koerper, der weiterlebt.
Ich schaue nicht mehr so oft in Spiegel. Wenn ich es tue, sehe ich eigentlich nichts Falsches. Mein Gesicht dasselbe. Meine Augen dieselben. Aber mein Blick... manchmal gehoert er mir nicht. Fuer ein paar Sekunden werde ich mir selbst fremd. Als haette sich jemand von innen gegen das Glas gelehnt und schaut durch meine Augen nach draussen.
Anfangs war dieses Gefuehl Panik. Jetzt ist es nur noch Bewusstsein.
Ich war nie wirklich allein.
Ich erinnere mich nicht an den ersten Tag, an dem ich das akzeptierte. Es war keine Entscheidung. Ich wachte eines Morgens auf, und der Gedanke erschreckte mich nicht mehr. Etwas in mir war da. Aber dieses Etwas war kein 'Anderes.' Es war eher ein fehlendes Stueck.
Es war da, bevor meine Mutter starb. Es war da, als ich meinen Vater nicht kannte. Unfaelle passierten, Menschen gingen, Friedhoefe mehrten sich... Aber es war immer hier.
Manchmal frage ich mich: Wusste sie es? Wenn sie mich hielt, spuerte sie ein zusaetzliches Gewicht? Wenn sie mir in die Augen schaute, sah sie nur mich?
Keine Antworten auf diese Fragen. Aber bei jedem Friedhofsbesuch steigt aus der Erde unter mir diese seltsame Waerme auf - als wuerde sie mich erkennen.
Seit zwei Jahren enden meine Traeume an derselben Stelle. Der zweiundzwanzigste Friedhof. Ob er im echten Leben existiert, weiss ich nicht. Aber im Traum ist es immer derselbe Ort. Die Erde dunkler. Die Luft dichter. Und ich komme jedes Mal ein bisschen naeher.
Anfangs zitterte ich, wenn ich aufwachte. Jetzt atme ich tief durch. Weil ich weiss: Dieser Traum ist keine Drohung. Er ist ein Ruf.
Mein zweiundzwanzigster Geburtstag rueckt sehr nah.
Diese Zahl liegt wie ein Stein in mir. Wann immer ich sie irgendwo sehe - auf einer Uhr, einem Nummernschild, einer Seite - bleibt mein Blick haengen. Zufall? Vielleicht. Aber ich glaube nicht mehr an Zufaelle.
In letzter Zeit bin ich ruhiger. Menschen halten das fuer Reife. Aber ich habe lediglich gelernt, der Stimme in mir besser zuzuhoeren. Sie spricht nicht. Fluistert nicht mal. Aber sie laesst ihre Anwesenheit spueren. Besonders, wenn ich allein bin.
Letzte Woche machte ich in der Kueche Tee. Ich hielt kurz inne. Schaute auf die Tasse in meiner Hand. Und fragte mich: 'Bin ich gerade wirklich ich?'
Das Seltsame ist: In diesem Moment hatte ich keine Angst. Ich dachte nur nach.
Wenn ich manchmal nicht ich bin... wer ist es dann?
Aber selbst diese Frage hat ihre Schaerfe verloren. Vor zwei Jahren haette sie meinen Atem abgeschnitten. Jetzt ist sie nur noch eine Welle, die kommt und geht.
Kann ein Mensch sich innerlich in zwei aufteilen? Vielleicht teilte ich mich nicht. Vielleicht war ich immer zwei Personen. Und vielleicht ist das Seltsame nicht das. Das Seltsame ist, dass es sich jetzt normal anfuehlt.
Mein zweiundzwanzigster Geburtstag rueckt sehr nah. Und in mir ist eine Erwartung, die ich nicht erklaeren kann. Als wuerde etwas sich vollenden. Als wuerde etwas an seinen Platz fallen. Oder als wuerde etwas zerreissen.
Ich weiss es nicht. Aber ich weiss: Wenn dieser Tag kommt - werde ich nicht allein sein.
Warten ist erschoepfend. Wenn man nicht weiss, worauf man wartet, noch mehr.
Ich wache jetzt frueh auf. Ohne Wecker. Wenn ich die Augen oeffne, weiss ich fuer ein paar Sekunden nicht, wo ich bin. Die Decke vertraut, die Waende vertraut, das Zimmer dasselbe. Aber jeden Morgen betrachte ich mich aus einer kleinen Distanz. Als laege zwischen dem Koerper im Bett und mir eine duenne Glasscheibe.
Manchmal lege ich die Hand auf meine Brust. Spuere meinen Puls. Ein einziger Rhythmus. Gleichmaessig. Normal. Aber wenn ich ein paar Sekunden lang sehr aufmerksam bin, scheint da ein zweites Vibrieren eingebettet zu sein.
Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Stelle mich vor den Spiegel. Mein Haar faellt auf die Schultern. Die Schatten unter meinen Augen sind ausgepraeaagter als noch vor zwei Jahren. Mein Gesicht ist schmaler geworden.
Man meint, man verliert beim Trauern Gewicht. Aber ich bin nach innen eingesunken.
Manchmal tue ich folgendes, wenn ich mich im Spiegel betrachte: Ich fixiere meinen eigenen Blick. Lange. Ohne zu blinzeln. Nach einer Weile gleitet mein Gesicht weg. Nicht wirklich. Aber der Fokus verschiebt sich. Und in diesem Moment zieht ein Satz durch mich: 'Ich bin hier.'
Ob ich diesen Satz forme oder es tut - ich kann sie nicht mehr voneinander unterscheiden. Aber ich habe keine Angst. Weil dieses Gefuehl mir bisher nicht geschadet hat.
Beim Kaffeemachen in der Kueche faellt mir der Kalender an der Wand auf. Ich habe ein Datum eingekreist. Ohne es zu bemerken. Mit rotem Stift.
Zweiundzwanzig.
Wann habe ich das markiert? Ich weiss es nicht. Aber der Kreis ist sehr ausgepraaegt. Der Stift hat stark gedrueckt. Das Papier ist leicht eingerissen.
Ich legte den Finger auf das Datum. Mein zweiundzwanzigster Geburtstag war nur noch wenige Wochen entfernt.
Nichts schnuert sich in mir zu. Die meisten Menschen warten aufgeregt auf Geburtstage. In mir ist keine Aufregung. Nur ein Gefuehl der Vorbereitung. Als naeherte sich ein Pruefungstag und ich kenne den Stoff nicht vollstaendig.
Ich hatte das Fenster geoeffnet. Kalte Luft stroemte herein. Fuer einen Moment schwankte mein Kopf leicht. In diesen Momenten gleitet die Welt ein bisschen. Und in diesem Gleiten ist eine Luecke.
Letzte Woche fand ich ein Notizbuch in meiner Schublade. Schwarzer Einband, duenn. Meine Handschrift, aber die Woerter wirken fern.
'Manchmal muss man die Kontrolle loslassen.' 'Ich brauche das, um vollstaendig zu sein.' 'Ich kann sie nicht schuetzen.'
Wann schrieb ich das? Wen kann ich nicht schuetzen?
Ich klaapte das Notizbuch zu. Verbrannte es nicht. Warf es nicht weg. Legte es nur zurueck. Weil etwas in mir sagt: Der Teil, der diese Saetze schrieb, ist nicht mein Feind.
Gegen Mittag ging ich nach draussen. Im Laufen sah ich mein Spiegelbild in einem Schaufenster. Ich blieb kurz stehen.
Das Spiegelbild reagierte fuer eine Hundertstelsekunde verzoegert. Ich blieb stehen. Es blieb stehen. Aber diese winzige Verzoegerung - vielleicht war sie nichts.
Mein Herz schlug schneller, aber keine Panik. Eher Bewusstsein. 'Bist du es gerade?' dachte ich lautlos. Keine Antwort. Aber eine leichte Waerme breitete sich in mir aus. Als haette sich etwas von innen gestreckt.
Als ich gegen Abend nach Hause kam, begann es zu dunkeln. Im Flur blieb ich kurz stehen. Die Wohnung war sehr still. Ich beruehre die Waende manchmal. Um mich daran zu erinnern, dass sie real sind.
Ich oeffnete meine Zimmertuer. Auf dem Bett lag ein T-Shirt. Ich war sicher, es heute Morgen in den Schrank gelegt zu haben. Ein kleines Detail. Vielleicht hatte ich es vergessen. Menschen vergessen.
Aber aus mir heraus, in einem sehr ruhigen Ton, schien eine Stimme zu sagen: 'Ich habe es herausgenommen.' Es war keine Stimme. Eher ein Stueck Information.
Ich setzte mich aufs Bett. Legte die Haende auf die Knie. Holte tief Luft.
'Wenn du hier bist,' sagte ich innerlich, 'tue mir keinen Schaden.' Diese Worte kamen nicht aus meinem Mund. Und in diesem Moment bildete sich ein klares Gefuehl in mir.
Es will nicht schaden. Ich war nie wirklich allein. Aber ich war auch nie wirklich bedroht.
Trotzdem veraendert sich in letzter Zeit etwas. Die Traeume dauern laenger. Der Friedhof ist dunkler. Die Erde feuchter. Und ich schaue jedes Mal ein Stueck tiefer hinein.
Die Zahl zweiundzwanzig ist nicht mehr nur ein Datum. Sie ist eine Schwelle.
In der Nacht legte ich mich ins Bett und schloss die Augen. Lauschte meinem Herzen. Wartete auf das zweite Vibrieren. Ein paar Sekunden spaeter - da war es.
Zwei Rhythmen. Sehr leise. Sehr ineinander verwoben.
Und in diesem Moment dachte ich zum ersten Mal: Wenn eine von uns verschwindet - kann die andere ueberleben?
Dieser Gedanke erschreckte mich. Weil ich die Antwort nicht kannte. Und nicht zu wissen schien sich anzufuehlen wie etwas, das naeher kommt.
* * *
Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Nach einer Weile bemerkte ich, dass einige der Gegenstaende in meinem Zimmer leicht veraendert worden waren. Das Buch im obersten Regalfach schien geneigt. Das Notizbuch auf der Schreibtischkante lag nicht mehr dort, wo es morgens war. Ich streckte die Hand aus, richtete es und zog sie zurueck. Aber fuer einen Moment schienen meine Haende sich gegen meinen Willen bewegt zu haben.
Ich beobachtete ohne zu blinzeln - aber da war niemand. Aus mir heraus sagte eine Stimme, still und ruhig: 'Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier.'
Es war kein Fluistern. Eher wie ein Bewusstsein, das meinen Geist fuellte. Ein Teil von mir war ueberrascht, aber der andere Teil... empfand eine merkwuerdige Ruhe. Ich verstand, dass ein Teil sich jenseits von mir bewegen konnte.
Ich stand auf und beugte mich ueber den Schreibtisch. 'Hast du das geschrieben?' dachte ich zu mir selbst. Keine Antwort. Aber diese leise, stille Anwesenheit schien sich zu zeigen. Ein Stueck von mir - aber ein anderes.
Ich legte mich wieder hin. Legte die Haende auf die Knie. Nach einer Weile breitete sich vom Scheitel meines Kopfes eine leichte Waerme aus. Als stuende eine andere Version von mir neben mir. In diesem Moment dachte ich: 'Wenn ich diesen Teil von mir wahrnehmen kann - wie lange wird er bleiben?'
Keine Antwort. Aber im dunklen Zimmer, in der Stille, konnte ich es spueren. Die zweite Seele in mir war sanft an die Oberflaeche getreten. Ich konnte sie nicht vollstaendig sehen, aber ich wusste, dass sie da war.
Ich schloss die Augen. Mein Herz schlug noch immer im Doppelrhythmus. Still dachte ich: 'Du wirst nicht die vollstaendige Kontrolle uebernehmen, oder?' Die Anwesenheit in mir antwortete nicht. Aber sie stoerte mich auch nicht. Sie war einfach da. Still, geduldig, achtsam.
Und in diesem Moment erkannte ich zum ersten Mal etwas: Ich war nicht allein. Aber der Teil meiner Einsamkeit, der mir noch zu gehoeren schien, war ein wenig kleiner geworden. Und dieses fehlende Stueck... vollendete mich vielleicht.
Bald auch war jene Seele eingeschlafen.
Wie immer wachte ich in den fruehen Morgenstunden auf. Ich stand aus dem Bett, um das zu tun, was ich schon lange geplant hatte. Ich ging zum Schreibtisch und holte das schwarze Notizbuch.
'Hab keine Angst. Das ist zu deinem eigenen Wohl,' schrieb ich.
Dann begab ich mich leise in das Zimmer von Claras Mutter. Ich begann damit, die Kleider aus dem Schrank in Muellsaecke zu stopfen. Dann zerbrach ich alles, was ihr lieb gewesen war.
Das tat ich fuer Clara. Dieses Zimmer, diese Frau, diese Kleider - all das schmerzte sie. Ich hatte gedacht, wenn die Hauptquelle ihres Schmerzes verschwuende, wuerden auch ihre Probleme verschwinden. Aber das war nicht geschehen. Ihr Kummer hatte sich nur vertieft.
Und ihr Kummer bedeutete, dass der Seelenaustausch zwischen ihr und mir sich vollendete - aber das wollte ich nicht.
Bis jetzt waren im Verborgenen viele Menschen durch die Haende dieses Koerpers gestorben. Aber die Seele darin hatte mir gehoert. Claras reine und unversehrte Seele hatte geschlafen - doch jetzt will ich, dass sie es weiss. Schliesslich ist das ihr Koerper. Ich moechte Clara nicht laenger in mir festhalten und ihr damit Schmerz bereiten.
Ich glaube, sie waere ohne mich gluecklicher und sicherer. Deshalb habe ich mich ihr zu erkennen gegeben - damit sie einen Weg findet, mich zu vernichten. Dann koeannten wir beide in Frieden sein.
Waehrend diese Gedanken durch mich zogen, hatte ich alle Habseligkeiten von Claras Mutter zusammengepackt. Ich nahm alles, ging zur Tuer, zog die Schuhe an, verliess das Gebaeude und trat an die Muelltonne. Liess alles hineinfallen.
In dem Moment, als ich es tat, kehrte dieses Gefuehl zurueck. Clara wird nicht mehr trauern. Aber jetzt musste ich gehen - heute war Claras Geburtstag. Ihr zweiundzwanzigster Geburtstag. Ich lief schnell zurueck zur Wohnung, legte mich in Claras Bett und schlief ein.
* * *
Ich glaubte, die Augen geoeffnet zu haben - aber das Zimmer war nicht da. Mein Bett, meine Decke, die Waende... nichts. Als stuende ich mitten in einem grauen Nebel. Unter meinen Fuessen war ein Boden, aber ich konnte ihn nicht sehen. Dann spuerte ich in mir diesen vertrauten zweiten Rhythmus.
'Ich weiss, dass du hier bist,' sagte ich leise.
Aus dem Nebel kam ein Schritt. Ein Schatten bildete sich langsam und lief auf mich zu. Der Gang war ruhig. Ich musste das Gesicht nicht sehen, um es zu erkennen.
'Wer bist du,' sagte ich. Der Schatten hielt inne und laechelte leicht. 'Endlich hast du mich gerufen, Clara,' sagte er. 'Ich habe dich nicht gerufen,' sagte ich. 'Doch,' sagte er ruhig. 'Zweiundzwanzig Jahre lang hast du mich gerufen.'
Meine Kehle wurde trocken. 'Du hast die Sachen meiner Mutter weggeworfen,' sagte ich. 'Ja,' sagte er, ohne zu zoegern. 'Du hast die Bremsen meiner Mutter sabotiert,' sagte ich. Er neigte den Kopf leicht. 'Ja,' sagte er wieder. Etwas zerbrach in meiner Brust. 'Warum?' fluisterte ich. 'Weil sie dich verletzte,' sagte er.
'Was soll das bedeuten?' sagte ich, nun scharf.
'Menschen haben dich immer verletzt, Clara,' sagte er ruhig. 'Dein Vater, deine Mutter... alle haben dich gebrochen.'
'Sie waren meine Familie,' sagte ich.
'Sie waren deine Last,' sagte er.
Ich trat einen Schritt zurueck. 'Du hast sie getoetet,' sagte ich.
'Ich habe dich beschuetzt,' sagte der Geist.
'Beschuetzt?' sagte ich mit zitternder Stimme. 'Das ist kein Schutz.'
'Es ist Befreiung,' sagte er. 'Ohne mich wuerdest du noch immer in ihrem Schatten leben.'
Ich schuettelte den Kopf. 'Nein,' sagte ich.
'Doch,' sagte er.
'Nein,' sagte ich schaerfer.
'Du bist ein Parasit, der in mir lebt.'
Das Laecheln auf dem Gesicht des Geistes verblasste langsam. 'Ich bin deine Staerke,' sagte er.
'Du bist mein Fluch,' sagte ich.
Der Geist trat ein paar Schritte naeher. 'Ich bin dein Stueck, Clara,' sagte er.
'Nein,' sagte ich.
'Ich kann ohne dich nicht existieren,' sagte er.
'Und ich will nicht mit dir leben,' sagte ich.
Die Augen des Geistes wurden dunkel. 'Also willst du es so beenden,' sagte er.
'Ja,' sagte ich.
'Indem du mich vernichtest?' fragte er. 'Ja,' sagte ich. 'Wenn du mich toetest, toetest du einen Teil von dir selbst,' sagte er.
'Vielleicht hat dieser Teil mir nie gehoert,' sagte ich.
Der Geist wurde ploetzlich wuetend. 'Du kannst ohne mich nicht leben,' sagte er.
'Wir werden sehen,' sagte ich.
Der Nebel um uns verdunkelte sich. Im Kopf baute sich ein Druck auf. Als wuerde mein Verstand zerreissen. 'Ich war hier, um dich zu beschuetzen,' schrie der Geist.
'Ich habe keinen Schutz gewollt,' schrie ich zurueck.
'Sie haben dich verletzt,' sagte er. 'Aber ich liebte sie,' sagte ich.
Das Gesicht des Geistes zog sich zusammen. 'Liebe ist Schwaeche,' sagte er.
'Nein,' sagte ich.
'Ich bin du,' schrie er.
'Nein,' sagte ich, die Zaehne zusammengebissen. 'Ich bin ich.'
Der Geist stuermte auf mich zu. In meinem Kopf gab es eine Explosion und ich sank auf die Knie. Ich presste die Haende gegen meinen Schaedel, aber ich wich nicht zurueck.
'Ich habe dich beschuetzt,' sagte er. 'Du hast mich allein gelassen,' sagte ich.
'Du kannst ohne mich nicht ueberleben,' sagte er. 'Ich will jetzt allein ueberleben,' sagte ich.
Auf einmal herrschte Stille.
Der Nebel lichtete sich langsam. Der Schatten des Geistes riss auf.
'Du kannst mich nicht toeten,' sagte er ein letztes Mal.
'Du bist nicht mehr hier,' sagte ich.
Der Schatten des Geistes zersplitterte und verschwand in der Dunkelheit. Das Letzte, was ich hoerte, war seine schwaecher werdende Stimme: 'Clara... ohne mich...' - aber er konnte den Satz nicht beenden.
Ich oeffnete die Augen. Ich lag in meinem Bett. Morgenlicht fuellte das Zimmer. Ich holte tief Luft. In mir war zum ersten Mal ein einziger Herzschlag.
'Es ist vorbei,' sagte ich.
Ein Herz. Ein Gedanke. Keine Angst, kein Zweifel, keine Spaltung. Ich war jetzt klar. Ich wuerde mich nicht mehr in Frage stellen. Ich war frei.
FREI.
ENDE.
0
62